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Freitag, 10. April 2026

STORY : Der Engel von Santa Sofia (Estleman)


Der Engel von Santa Sofia
Loren D. Estleman


(Orig.: "The Angel of Santa Sofia" 1989; Übers. Reinhard Windeler)

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Neben den dreiunddreißig Romanen um den Privatdetektiv Amos Walker, die Loren D. Estleman seit 1980 für seine umfangreichste Serie verfasst hat, nehmen sich die zehn Romane um U.S. Deputy Marshal Page Murdock bescheiden aus. Während die ersten vier davon, die zwischen 1979 und 1984 entstanden, ins Deutsche übersetzt wurden (s. dazu auch die Anmerkung im Nachgang zu dieser Geschichte), gibt es von den sechs Bänden, die zwischen 1994 und 2018 hinzu kamen, bisher keine deutschsprachigen Ausgaben.

Daneben tauchte der unerbittliche Gesetzeshüter ein einziges Mal auch in einer Short Story auf. Diese präsentiert das AKWA Journal hier erstmals in deutscher Sprache.

Im „Heyne Western Magazin 7“ erschien zwar bereits 1984 eine Kurzgeschichte mit dem Titel „Der Engel von Santa Sofia“; dabei handelt es sich jedoch um die Übersetzung der ursprünglichen Version von „The Angel of Santa Sofia“. Jene hatte Estleman 1983 verfasst, es war ihm seinerzeit allerdings nicht gelungen, sie in den USA zu veröffentlichen. Jahre später überarbeitete er sie, wobei er den Gang der Handlung weitgehend beibehielt, die Erzählperspektive und auch den Namen der Hauptfigur, der ursprünglich Fred Morgan lautete, aber änderte, sodass eine Page-Murdock-Geschichte entstand. Diese erschien erstmals 1989 in der von Bill Pronzini und Martin H. Greenberg herausgegebenen Anthologie „The Best Western Stories of Loren D. Estleman“.

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Der Pinkerton-Detektiv war ein schlanker Junge mit einem schmalen rostbraunen Oberlippenbart und einer Vorliebe für karierte Westen, ungesalzenen Tequila und vollbusige Señoritas mit dunklen Augen, die doppelt so alt waren wie er. Er machte sich an seinem Tisch gerade an eine heran, von der er behauptete, sie hätte mit einem Fall zu tun, aber ihr Schlafzimmerblick und die finsteren Blicke, die ein schnauzbärtiger Mexikaner an der Bar dem Paar zuwarf, erzählten eine andere Geschichte. Nun ja, er war alt genug, um auf sich selbst aufzupassen.

„Ich störe Sie nur ungern“, sagte ich geduldig, „aber ich war sechshundert Meilen unterwegs, und ich hätte gerne die Gewissheit, dass das nicht umsonst war.“

„Was sagten Sie, wer Sie noch ’mal waren?“ Er nippte an seinem Tequila, ohne seinen Blick von der attraktiven mujer abzuwenden.

Ich legte die Dienstmarke, die ich nie sichtbar trage, auf den Haftbefehl, den ich seit Montana bei mir hatte. „Page Murdock, U.S. Deputy Marshal. Vor zehn Tagen haben Sie Richter Blackthorne in Helena telegrafiert, dass Sie Dale Sykes hier in Santa Sofía unter Beobachtung haben. Wo ist er?“

„In einer Mission unten am Fluss.“ Er hatte kaum einen Blick auf die beiden Gegenstände verschwendet. „Sie können ihn nicht verfehlen. Er passt auf die Beschreibung in dem Steckbrief, den Sie in Umlauf gebracht haben.“

Etwas Überzeugungsarbeit schien angebracht. Ich war von Staub und Schweiß bedeckt und erschöpft von achtzehn Stunden am Stück im Sattel, ganz zu schweigen von den übrigen hundertsechzig Stunden, die ich in den letzten zehn Tagen dort verbracht hatte. Ich zog meinen englischen Revolver aus dem Holster und legte ihn mit einem Klirren vor ihm auf den Tisch. „Zeigen Sie ihn mir.“

Er schenkte der Waffe deutlich mehr Aufmerksamkeit als meinen anderen Referenzen. Dann seufzte er, küsste die Hand seiner enttäuschten Begleiterin und schnappte sich seinen auf dem Tisch abgelegten Zylinderhut.

Ein kurzer Ritt aus der Stadt heraus führte uns auf eine Anhöhe mit Blick auf eine Kapelle aus Lehmziegeln, die in das goldene Licht der untergehenden Sonne getaucht war. Die einzigen Dinge, die sich im Hof ​​regten, waren ein tabakbrauner Hund, der gähnte und sich streckte, nachdem er tagsüber überall gedöst hatte, wo er Schatten hatte finden können, und zwei Yaqui-Indianer, die damit beschäftigt waren, die bogenförmige Eichentür des Gebäudes wieder einzuhängen. So etwas konnte man überall in diesem Teil von Arizona in Pueblos beobachten. Wir hatten etwa zehn Minuten lang zugesehen, als eine Gestalt in einem braunen Kapuzengewand hinter ihnen herauskam und mit einem Eimer in Richtung auf den Fluss zuging. Der Pinkerton-Detektiv – er hieß Walsh – zeigte auf den Mann.

„Sie machen Witze“, sagte ich.

Er schüttelte den Kopf. „Das ist Sykes. Er hat den steifen Ellbogen und das Muttermal auf seiner linken Wange. Hier kennt man ihn als Bruder Dale. Die Einheimischen wissen, wer er ist und was er getan hat, und es ist ihnen egal.“

„Es ist erstaunlich, was ein bisschen Geld bewirken kann. Der Schaffner, den er vor zwei Jahren bei dem Überfall auf den Postzug angeschossen hat, ist immer noch ans Bett gefesselt. Er wird den Rest seines Lebens da verbringen.“

„Soweit ich weiß“, sagte Walsh, „hat es nichts mit Geld zu tun. Wie mir die Einwohner erzählt haben, die ich befragt habe, hat ihn ein Bauer aus der Gegend etwa zwei Wochen nach dem Raubüberfall eine Meile nördlich von hier gefunden. Er lag neben der Straße und hatte vier Kugeln in seinem Körper. Im Umkreis von hundert Meilen gibt es keinen Arzt, also hat man ihn zum alten padre gebracht. Bis dahin war er schon im Fieberwahn, und es dauerte nicht lange, bis jeder seine Lebensgeschichte kannte. Der padre nennt seine Genesung ein Wunder. Die Yaquis glauben, dass es mehr am Tequila liegt. Jedenfalls ist Sykes, als er wieder bei Kräften war, nicht wie erwartet über die Grenze abgehauen, sondern er hat sich seinen Lebensunterhalt mit Gelegenheitsarbeiten rund um die Mission verdient – Reparaturen und sowas. Behauptete, er hätte eine Erleuchtung gehabt. Letztes Jahr war er am Fluss, um die braune Kutte zu waschen, die ihm der padre gegeben hatte, als ein kleines Mädchen, das am Ufer spielte, reinfiel. Er sprang hinterher und rettete das Kind vor dem Ertrinken. Seitdem ist er hier in der Gegend so eine Art Volksheld.“

Im schwächer werdenden Licht kniff ich die Augen zusammen, um mir den Mann anzusehen, der am Flussufer kniete. Sein versteifter rechter Ellbogen war deutlich an der Art zu erkennen, wie er mit dem Eimer umging, als er ihn befüllte. Der Knochen war fünf Jahre zuvor bei einer Schießerei während eines missglückten Banküberfalls von einer Kugel zertrümmert worden.

„Das wird einfacher als gedacht“, sagte ich.

„Das glauben Sie“, schnaubte der Pinkerton-Mann. „Für die Menschen in Santa Sofía ist er ein Engel.“

„Engel fallen vom Himmel.“

***


Der Sheriff, ein untersetzter Mexikaner mit dunkler Gesichtsfarbe, der seine Frau und seine Töchter vom Esstisch wegscheuchte, während er mit uns sprach, hatte die Angewohnheit, mit beiden Armen über seinem Kopf zu fuchteln, wenn er aufgeregt war, was sein Normalzustand zu sein schien. Er wurde noch aufgeregter, als ich ihn um seine Hilfe bei der Verhaftung von Dale Sykes bat.

„Lad siento, señores!“ rief er und verfehlte, als er mit seiner rechten Hand ausholte, nur knapp die von der Decke hängende Petroleumlampe. „Das kann ich nicht tun. Es sind nur noch tres semanas – drei Wochen – bis zur Wahl. Wenn ich bei der Festnahme des beliebtesten Mannes seit Miguel Hidalgo mithelfen würde, würde ich das begehen, was ihr norteamericanos als politischen Selbstmord bezeichnet. Ich werde Ihnen erlauben, ihn in meinem Gefängnis unterzubringen, denn kein Ordnungshüter kann einem anderen die Nutzung seiner Einrichtungen verweigern, aber ich werde mich hüten, mehr zu tun.“

Ich hätte ihn überzeugen können zu kooperieren, aber es war offensichtlich, dass er dann erst recht keine Hilfe gewesen wäre. Immerhin brachte ich ihn dazu, mir zwei der drei Pferde zu leihen, die er in einem Corral hinter seinem Haus hielt. Mein eigenes erschöpftes Pferd übergab ich in die Obhut seines Schwiegersohns, und mit Walsh an meiner Seite und dem dritten Pferd im Schlepptau kehrte ich zur Mission zurück.

Vor dem Eingang waren keine Wachen postiert, und die Tür war unverschlossen. Das Innere der Kapelle war eine Höhle, die von hundert winzigen Flammen, die wild im Luftzug tanzten, vor vollkommener Dunkelheit bewahrt wurde. Eine der Flammen am anderen Ende bewegte sich, geführt von den Händen eines alten Mannes, der hinter dem Altar stand und damit beschäftigt war, mittels einer langen dünnen Kerze andere Kerzen anzuzünden. Er trug eine Kutte wie die, die wir bei Sykes gesehen hatten, mit zurückgeschlagener Kapuze, die einen Kopf mit farblosen Haaren enthüllte, die sich um ein schwarzes Scheitelkäppchen kräuselten, und ein Gesicht, das an ein uraltes Wachstuch erinnerte. Helle Augen beobachteten unser Näherkommen.

„Ich bin Pater Mendoza. Kann ich euch helfen?“ Während er sprach, traten seine eingefallenen Gesichtszüge plötzlich hervor, als würden sie von seinem Heiligen Geist erleuchtet, doch es war nur der reflektierte Schein der brennenden Kerze, als er diese an seine Lippen führte. Er blies sie aus.

Ich zeigte die Marke vor. Er nickte traurig.

„Er hat mir gesagt, dass Sie kommen würden.“

„Gott?“ fragte Walsh.

„Bruder Dale. Er sagte, dass eines Tages Männer kommen würden, um ihn abzuholen, damit er für seine Sünden büßen könne.“

„Wo ist er?“ verlangte ich zu wissen. Frömmigkeit bringt meine dunkle Seite zum Vorschein.

„Hinten. Schusswaffen werden nicht nötig sein.“

Ich ignorierte ihn und zog meinen Revolver, während ich auf den Türbogen zuging, der sich in der hinteren Wand undeutlich abzeichnete. Eine massige Gestalt versperrte mir den Weg. Ich schaute hinauf zu den unverkennbaren Gesichtszügen eines der Yaquis, die ich zuvor im Hof bei der Arbeit gesehen hatte. „Pfeifen Sie ihn zurück“, befahl ich Mendoza. „Bevor sein Blut den heiligen Boden der Kirche besudelt.“

„Um Gottes willen, Murdock!“ flüsterte der Pinkerton-Detektiv.

„Lass ihn durch, Diego“, sagte Mendoza.

Der Indianer trat mit einem Brummen zur Seite, und ich drängte mich vorbei, Walsh dicht hinter mir. Wir befanden uns in einem modrigen Korridor, der nach Schimmel roch und nur von einem schwachen Lichtschein hinter einer halb geöffneten Tür auf der rechten Seite erhellt wurde. Es gab noch zwei Türen, die beide geschlossen waren. Ich entschied mich für die, die offen war.

Dale Sykes, der beinahe genauso aussah wie auf dem alten Kupferdruck, den Richter Blackthorne unter den Marshals verteilt hatte, nur schwerer und – mit dem wütend roten Fleck, zu dem das Muttermal auf seiner Wange geworden war – unheimlicher, saß auf dem Rand einer steinernen Pritsche, die nicht gerade großzügig mit Stroh ausgelegt war, und las im flackernden Licht einer Kerze, die auf einem wackligen Tisch neben seinem Ellbogen stand, in einer abgewetzten Bibel. Auch er hatte seine Kapuze zurückgeschlagen, wodurch ein Scheitelkäppchen und eine Fülle ungepflegter schwarzer Haare enthüllt wurden. Er hob seinen Blick, als wir eintraten, und machte mit seinem versehrten rechten Arm eine Bewegung auf das Buch zu.

„Halt!“ Mein lauter Ruf hallte von den Wänden der engen Zelle wider.

„Nehmen Sie ihm die Bibel da ab.“ Walsh warf mir einen seltsamen Blick zu, trat dann aber vor und wand Sykes das schwarzgebundene Buch aus der Hand.

„Ich wollte nur das Lesezeichen reintun“, sagte der Mann auf der Pritsche.

Ich nahm die Bibel entgegen und blätterte sie durch, während Walsh Sykes mit einem Baby-Remington in Schach hielt, den er aus einem besonderen Futteral unter seiner linken Achselhöhle gezogen hatte. Das Buch hatte keine Aussparung, in der eine Waffe versteckt werden konnte. Ich warf es auf die Pritsche. „Halten Sie ihn in Schach, während ich ihn durchsuche“, befahl ich dem Pinkerton-Mann.

Er hatte nichts bei sich außer einer kleinen Gürteltasche, in der sich ein paar Münzen befanden. „Wer hat auf dich geschossen?“ fragte ich ihn.

„Meine Partner.“ Sein Stimme war leise und klang bedauernd. „Wir waren uns nicht einig, wie wir das Geld aus dem Überfall auf den Postzug aufteilen sollten. Ich habe verloren, und sie haben mich als tot liegen lassen.“

„Genauso, wie du den Schaffner hast liegen lassen“, sagte ich.

„Er ist nicht gestorben? Jeden Abend bete ich, dass er nicht gestorben ist.“

„Ich bin sicher, dass er jeden Abend betet, dass er es wäre. Jetzt beweg’ dich.“ Ich trat von der Tür zurück und gab ihm mit meiner Pistole ein Zeichen in ihre Richtung.

***

Der Sheriff, der gegenüber vom Gefängnis wohnte, murmelte auf Spanisch eine Reihe leiser gotteslästerlicher Flüche, als er die Tür zur einzigen Zelle aufschloss. Der Schlüssel knarrte. In Grenzstädten werden Gefängnisse nicht oft genutzt. Als die Tür offen war, versetzte ich dem Gefangenen einen Stoß, sodass er über die Metallpritsche in der Ecke stolperte.

„Es gibt keinen Grund, so grob zu sein“, protestierte der Pinkerton-Detektiv.

„Wir behalten ihn heute Nacht im Auge, wenn es Ihnen recht ist“, sagte ich zum Sheriff. „Wenn Ihr Schwiegersohn etwas von Pferden versteht, können wir morgen früh losreiten.“

„Was meinen Sie mit ‚wir‘?“ Walshs noch im Entstehen befindlicher Schnurrbart sträubte sich.

„Die Great Northern Pacific hat tausend Dollar auf Sykes’ Kopf ausgesetzt. Ich dachte, Sie möchten vielleicht einen Anteil davon.“

Er gab keine Antwort.

Während unserer Nachtwache wurden wir nur einmal gestört, als jemand an die Vordertür klopfte. Ich erwachte aus tiefem Schlaf auf der Pritsche des Sheriffs und zog meine Waffe. Walsh, der die erste Schicht hatte, stand mit seinem Remington in der Hand an der Tür. „Wer ist da?“

Es kam eine gedämpfte Antwort. Der Pinkerton-Mann öffnete die Tür, trat zurück und zeigte seine Pistole. Ein kleiner Mexikaner mit einem verhärmten, traurigen Gesicht, bekleidet mit Sandalen sowie einem unförmigen weißen Baumwollhemd und einer ebensolchen Hose, die dort unten die übliche Tracht der Männer darstellen, trat schüchtern ein, den Sombrero mit beiden Händen fest umklammert. Kurz bevor Walsh die Tür hinter sich schloss, erhaschte ich einen Blick auf eine Gruppe von ähnlich gekleideten Männern und Frauen in schlichten Kleidern, die sich vor dem Gebäude versammelt hatten.

Mit kaum mehr als einem Flüstern sagte unser Besucher: „Ich bin gekommen, geschätzte señores, um um die Freilassung von Bruder Dale zu bitten.“

Walsh schnaubte. Ich fragte: „Wer sind Sie?“

„Francisco Vargas, señor Marshal. Ich bin der Mann, dessen kleine Tochter Bruder Dale letztes Jahr aus dem Fluss gerettet hat. Deshalb wurde beschlossen, dass ich für die Bürger von Santa Sofía spreche.“

„Die ganze Stadt unterstützt Ihre Bitte?“ Ich hatte mich jetzt über ihm aufgebaut. Er zitterte. Er war alt genug, um sich an Maximilian und die Zeiten zu erinnern, als jede Autorität als böse galt.

„Geh’ nach Hause, Francisco.“ Sykes umfasste mit beiden Hände die Gitterstäbe seiner Zelle. „Ich habe gesündigt und muss meine Strafe annehmen. Geh’ nach Hause und sag’ allen anderen, sie sollen dasselbe tun.“

„Hermano Dale!“ Vargas ging auf den Gefangenen zu. Ihre Hände berührten sich fast, als ich einen Satz nach vorne machte und dem Mexikaner mit dem Handrücken ins Gesicht schlug, sodass er taumelte.

„Murdock!“ rief Walsh empört. Er richtete seinen Revolver auf mich. Ich legte auf ihn an. Er erstarrte.

„Durchsuchen Sie ihn!“ zischte ich und deutete auf den Mexikaner, der am anderen Ende des Raumes kauerte. „Allein in diesem Sombrero könnte ein ganzes Waffenarsenal versteckt sein.“

Einsichtig geworden steckte der Pinkerton-Detektiv seine Waffe ein und machte sich an die Arbeit. Als er fertig war, fixierte er mich mit einen anklagenden Blick. „Er hat nicht einmal eine Nagelfeile dabei.“

Ein Stein krachte durch das vergitterte Fenster in der Tür. Durch die zerborstene Glasscheibe drangen wütende Rufe herein.

„Das haben Sie davon!“ blaffte Walsh.

Ich legte Vargas einen Arm um den Hals und zerrte ihn in die Mitte des Raumes. „Sag’ denen, wenn sie nicht in fünf Minuten weg sind, werde ich dir das Gehirn aus dem Schädel blasen!“ Ich drückte die Mündung meines Revolvers an seine rechte Schläfe.

Er tat wie ihm geheißen. Meine Spanischkenntnisse aus meiner Zeit als Cowboy reichten aus, um sicher zu sein, dass ich jedes Wort verstanden hatte. Walsh, der aus dem Fenster sah, sagte mir Bescheid, als die letzten Zuschauer gegangen waren. Ich ließ den Mexikaner gehen, nachdem ich ihm klar gemacht hatte, dass weitere Zwischenfälle Sykes das Leben kosten würden, und übernahm kommentarlos die nächste Wache. Das schien dem Pinkerton-Mann recht zu sein.

***

Als der Morgen dämmerte, war vom Sheriff weit und breit nichts zu sehen, was ich vom Rest der Stadt nicht behaupten konnte. Die Bewohner waren in großer Zahl auf den Beinen, als wir unseren Gefangenen dorthin eskortierten, wo der Schwiegersohn mit unseren Pferden und dem Pferd wartete, das ich am Abend zuvor dem Sheriff abgekauft hatte. Ich warf dem jungen Mann als Lohn für die Versorgung der Tiere ein Fünf-Dollar-Goldstück zu und befahl Sykes aufzusitzen, als sich ein etwa zehn Jahre altes mexikanisches Mädchen mit Blumen aus der Menge löste: „Por el hermano Dale.“ Ich sah Francisco Vargas in der Nähe stehen und wusste, wer sie war.

„Keine Geschenke“, sagte ich und stellte mich zwischen sie und Sykes.

Ein wütendes Gemurmel erhob sich aus der Menge.

„Bitte“, sagte Sykes, „darf ich mit ihr sprechen?“

„Haben Sie denn gar kein Herz?“ fragte Walsh entrüstet. „Erlauben Sie’s ihm.“

Ich musterte das Mädchen. „Nur ganz kurz“, sagte ich und entriss ihr die Blumen. Ich zerfledderte das Papier, in das sie eingewickelt waren. Blumen flatterten zu Boden, sonst nichts. Die Menge lachte verächtlich. „Beeil’ dich“, schnauzte ich.

Das Mädchen weinte. Sykes beugte sich über sie, sprach ein paar beruhigende Worte auf Spanisch und hob eine Hand, um eine lose Haarsträhne unter ihr Kopftuch zu streichen. Er spreizte seine Finger, machte neben ihrem Ohr eine Faust und forderte sie auf, ihre Hand auszustrecken. Als sie dies tat, fielen aus seiner Faust vier Münzen hinein. Sie lachte entzückt. Er gab ihr einen Kuss und drehte sich zu seinem Pferd um.

„Wo hast du das gelernt?“ wollte ich wissen.

„Mein Vater hat es mir beigebracht. Die Kinder lieben es.“

Wir ließen Santa Sofía im Trab hinter uns, Sykes in der Mitte. Nach einer halben Meile hielt Walsh an.

„Was ist los?“ Ich zog die Zügel an. „Werden wir verfolgt?“

„Nein, und das werden wir wahrscheinlich auch nicht. Ich kehre um.“

„Was soll das heißen?“

„Das heißt, dass mir Ihre Art von Gesetz nicht gefällt, Murdock.“ Er war rot im Gesicht. „Das ist nicht derselbe Mann, der vor zwei Jahren diesen Postzug überfallen hat. Er mag zwar Sykes heißen, und vielleicht war es sein Finger, der den Abzug gedrückt und auf diesen Schaffner geschossen hat, aber er ist nicht derselbe. Aber das macht für Sie keinen Unterschied, oder?“

„Sollte es das?“

Er sah mich traurig an. „Wenn Sie die Antwort darauf nicht kennen, ist Ihnen nicht mehr zu helfen.“

„Wie Sie wollen. Casa Grande ist voll von guten Männern mit Waffen, die gerne dabei helfen, die Belohnung zu kassieren.“

Er machte kehrt und galoppierte ohne ein weiteres Wort davon.

***

In Santa Sofía brannten noch eine Handvoll Lichter, als ich im Zockeltrab die einzige Straße entlangritt und das zweite Pferd mit der Last über dem Sattel an der Leine führte. Als ich mich dem Haus des Sheriffs näherte, zeigte sich ein gelber Lichtschein, der aus einem der Fenster nach draußen fiel.

Der Ordnungshüter kam mit einer Schrotflinte heraus und mühte sich damit ab, seine Hosenträger über seine in rotem Flanell steckenden Schultern zu ziehen. „Señor Deputy!“ rief er. Ich ritt weiter.

Eine andere Gestalt kam aus der Tür der cantina geschlendert. Es zeigte sich, dass es Walsh war. „Murdock, was ist passiert?“ Er packte mein Zaumzeug. „Warum kommen Sie zurück? Sie sind doch erst heute Morgen losgeritten.“

Eine Menschenmenge versammelte sich. Eine Laterne wurde gebracht, und der Tote auf dem anderen Pferd wurde untersucht. „Es ist Bruder Dale!“ rief jemand. Ein unheilvolles Grollen war zu hören.

„Sie haben ihn umgebracht!“ Walsh blickte entsetzt.

„Er hat eine Pistole gezogen“, sagte ich. „Zehn Meilen nördlich von hier. Er hat einmal geschossen. Ich auch. Ich habe nicht daneben geschossen.“

„Er wurde in den Rücken geschossen!“ sagte der Sheriff.

„Sein Pferd ist in Panik geraten. Er drehte sich gerade, um es wieder in den Griff zu kriegen, als ich ihn getroffen hab’.“ Ich musste schreien, um mich gegen das wütende Stimmengewirr verständlich zu machen.

Der Pinkerton-Detektiv war außer sich. „Sie sind nicht nur ein Mörder, sondern auch ein Lügner! Wo sollte er eine Pistole herhaben?“

„Das habe ich mich auch gefragt. Ich glaube, Vargas hat sie ihm gestern Abend zugesteckt, unmittelbar bevor ich auf ihn losgegangen bin. Sie haben doch Sykes’ Zaubertrick mit den Münzen gesehen. Genauso hätte er ohne Weiteres die Waffe aus dem Sombrero ziehen können, ohne dass wir’s gesehen haben, und sie verstecken können, bis die Gelegenheit für ihn am Günstigsten war.“

„Quatsch! Sie haben ihn gehasst und die erste Gelegenheit genutzt, um ihn umzubringen. Dafür werden Sie hängen, Murdock, Dienstmarke hin oder her!“

„Warum bin ich dann zurückgekommen?“

Während er darüber nachdachte, zog ich meinen Revolver. „Lassen Sie das Zaumzeug los.“

Er gehorchte. „Wo wollen Sie hin?“

„Zur Mission.“

Als ich bei der Kapelle ankam, war das ganze Dorf in Aufruhr. Die Bewohner riefen „Asesino!“ und schwenkten Macheten und Mistgabeln. Der padre und die beiden Yaquis standen draußen. Ich musste rückwärts hineingehen und dabei die Pistole kreisend nach rechts und links richten. Ich weiß nicht mehr, ob ich die Schwelle ganz überquert hatte, bevor ich zusammenbrach.

Später erzählte mir Pater Mendoza, dass er siebenundzwanzig Stiche gebraucht hatte, um die Wunde zu nähen, die Bruder Dales Kugel an der rechten Seite meines Brustkorbs gerissen hatte.

***

The Angel of Santa Sofia: Copyright © Loren D. Estleman, 1989 © für die deutsche Übersetzung: Reinhard Windeler, 2026

Wir danken dem Autor sowie der Dominick Abel Literary Agency und The Buckman Agency für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung dieser Übersetzung.

Anmerkung:

Der Münchener eBook-Verlag dotbooks wird in Kürze unter dem Obertitel „Murdock – Legende des Westens“ mit der Neuveröffentlichung der ersten vier Romane der Kultreihe um Page Murdock beginnen.

Band 1, DER SKALPJÄGER (Orig.: The High Rocks; 1979), wird ab dem 27. April 2026 exklusiv bei eBook.de erhältlich sein.

Band 2, EINSAM STERBEN DIE TAPFEREN (Orig.: Stamping Ground; 1980), wird am 01. Juli 2026 folgen und dann bei allen gängigen Händlern verfügbar sein.

Gleiches gilt für Band 3, DAS GESETZ DES MARSHALS (Orig.: Murdock’s Law; 1982), sowie für Band 4, HÄNGEN SOLLST DU IN MONTANA (Orig.: The Stranglers; 1984), die am 01. August 2026 bzw. am 01. September 2026 erscheinen werden.

Die Lektüre dieser vier Romane kann jedem, der hochwertige Westernliteratur zu schätzen weiß, nur empfohlen werden.







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