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Freitag, 28. November 2025

STORY: Der Osage (Gerstäcker)


Der Osage

von Friedrich Gerstäcker

(Original in: "Allgemeine Moden-Zeitung", 1844)


Friedrich Gerstäcker lebte von 1816 bis 1872. Er gehörte zu den wichtigsten Vertretern des ethnographischen Reise- und Abenteuerromans im 19. Jahrhundert, verfasste aber auch Reiseberichte, zahlreiche Skizzen oder Miszellen und veröffentlichte eine Vielzahl kürzere Erzählungen in den populären Zeitschriften der Zeit. 

"Der Osage" gehört zu seinen frühen Erzählungen und zeichnet sich neben dem detailgenau wiedergegebenen Setting auch durch einen subtilen Humor aus. Erschienen ist die Geschichte erstmals im 46. Jahrgang der von August Diezmann herausgebenen 'Allgemeinen Moden-Zeitung'  (Verlag Baumgärtner in Leipzig und zwar in Nummer 52 auf den Seiten 409–413. Unser Neudruck folgt dem frei zugänglichen Digitalisat bei Wikisource (https://de.wikisource.org/wiki/Der_Osage). Orthographie und Interpunktion des Originals wurden beibehalten.



 
[409] Weit, weit im fernen Westen von Missouri, an der Grenze des Osagen-Gebiets, wo nur erst wenige der kühnen Pionniere, die den zurückweichenden oder, besser, zurückgetriebenen Indianern auf dem Fuße folgen, ihre Blockhütten aufgeschlagen hatten und jagten und fischten, und sich dabei ein klein wenig Mais zogen – gerade soviel als sie unumgänglich haben mußten, um nicht ohne Brod zu sein; da, wo sogar jetzt noch der Elk oder Riesenhirsch seine Fährten dem fetten Boden der Flußthäler eindrückt oder die weite, endlose Prairie durchstreift, zog eines Morgens ein weißer Jäger, die Büchse auf der Schulter, das Messer an der Seite, in der gewöhnlichen Tracht der „Hinterwäldler“, nur mit Schuhen anstatt Moccasins an den Füßen und mit einer grauen, runden Filzmütze auf dem Kopfe, leise und vorsichtig durch den dichten Wald, der sich hier und da in kleinen offenen Stellen lichtete und die Aussicht auf schmale, mit hohem Gras bewachsene Prairien oder Steppen gewährte.

Es war ein wunderlieblicher Maimorgen, wohl noch etwas frisch, die Sonne aber, die schon über die Baumwipfel herüberschaute, meinte es gut, sandte ihre warmen Strahlen durch das dichte Laubwerk der Bäume und trocknete den Thau, der in schweren, großen Tropfen an den Grashalmen hing.

Der Jäger war schon den ganzen Morgen umhergestrichen; aber obgleich er mehrere Hirsche in dem thauigen Gras gespürt und ihren Fährten eine Zeitlang gefolgt war, obgleich er selbst ein Paar prächtige Böcke, mit schon recht stattlichen Ansätzen von Geweihen, gesehen hatte, war ihm doch noch keiner zum Schuß gekommen und vergebens strengte er seine Augen an, schaute er scharf und forschend umher, ja kroch er selbst mehr als er ging über das feuchte Laub hinweg, es wollte Nichts seinen Pfad kreuzen und unmuthig setzte er sich auf einen umgefallenen Baumstamm nieder, um ein wenig auszuruhen und seine Jagd dann in einer Richtung nach Hause zu fortzusetzen, als er in weiter Entfernung einen Schuß hörte. –

Er lauschte lange und aufmerksam, konnte aber Nichts weiter wahrnehmen und lehnte sich nachlässig an die Aeste des Stammes, auf dem er saß, hinausschauend auf einen langen schmalen Steppenstreifen, der sich weit hinein in die dunkele Waldung dehnte und von weißblumigen „Dogwoods“-Bäumen und schlanken, hoch über dieselben hinausragenden Eichen eingefaßt war.

Kaum aber zehn Minuten mochte er so gelegen und die liebliche Landschaft betrachtet haben, als da, wo sich der Wald zu vereinigen schien und die Prairie umschloß, ein Hirsch aus dem Dickicht brach und gerade vollen Laufes auf ihn zu kam.

Schnell sprang er empor und machte sich fertig, seine Beute in Empfang zu nehmen, die, wie es schien, sorglos angesetzt kam; als sich der Bock, denn ein solcher [410] war es, aber näherte, erblickte das geübte Auge des Jägers bald, daß er nicht mehr ganz gesund, sondern angeschossen sei und das Langsame seiner Bewegung nicht von einem Gefühle der Sicherheit, sondern der Mattigkeit herrühre.

Nichtsdestoweniger blieb er im Anschlag liegen, und als sich ihm das verwundete Thier auf etwa sechszig Schritte genähert hatte, pfiff er es an. –

Es stutzte – hielt – und brach im nächsten Augenblick, von der sichern Kugel getroffen, klagend zusammen.

Ruhig blieb er auf seinem Standpunkt stehen, lud wieder und trat dann zu dem Gefallenen, um ihn abzustreifen, als er durch die Prairie einen Indianer mit einem andern geschossenen jungen Hirsch auf den Schultern in vollem Laufe, der Fährte des verwundeten Thieres folgend, ankommen sah. In einem kurzen Trab, kaum, wie es schien, die Last achtend, die er trug, näherte er sich, warf, als er den Erlegten erblickte, schnell seine Beute von den Schultern und begann, ohne auch nur im Geringsten den weißen Jäger zu beachten, den Hirsch von seiner Haut zu befreien.

„Aber, lieber Freund,“ sagte der Abkömmling der Europäer, „es scheint Euch sehr gleichgiltig zu sein, wer den Hirsch geschossen hat, so Ihr nur die Haut bekommt, nicht so? Ich sollte doch denken, daß ich auch einiges Recht dazu hätte, denn ohne mein Stück Blei möchten Eure Finger wohl schwerlich von seinem Blute roth geworden sein!“

„Hierher gucken!“ sagte der rothe Sohn der Wälder, auf die Keule zeugend, in der vier kleine Wunden, von Rehposten herrührend, sichtbar waren, und ohne sich im Mindesten in seiner Arbeit stören zu lassen. – „Mir!“ fuhr er dann in seinem gebrochnen Englisch fort, indem er sich mit dem Stiel seines Scalpirmessers auf die Brust klopfte – „mir erst geschossen – nachher weißes Gesicht – mir Haut – weißes Gesicht Fleisch,“ und mit bewundernswürdiger Schnelle beendete er sein Geschäft des Abstreifens, während der Weiße dabei stand und nicht übel Lust zu haben schien, dem wilden Gesellen mit Büchsenkolben oder Messer bessere Sitte zu lehren; doch dieser behielt ihn von der Seite immer scharf im Auge und beobachtete, wohl solchen Vorsatz vermuthend, jede seiner Bewegungen. Er war kräftig und stark gebaut und die Farben, mit denen er bemalt, der Schmuck, mit dem er behangen war, kündete den Krieger an, den manche ehrenvolle Narbe über Brust und Schultern, als ihm die wollene Decke bei der Arbeit herunterrutschte, gerade als keinen Feigling bezeichnete.

Endlich war er fertig, zog seine Decke wieder über die Achseln, hing das eben abgestreifte Fell um, hob sich auf dasselbe noch den erstgeschossenen Hirsch, ergriff dann sein Schrotgewehr und dem Weißen ein flüchtiges „Good bye“ zurufend, schritt er schnell und, wie es schien, nicht im Mindesten durch seine Bürde belästigt, dem Dickicht zu, in dem er wenige Minuten darauf verschwand.

Halb lachend, halb ärgerlich sah ihm der Weiße noch eine Zeitlang nach, dann aber war es, als ob der Zorn für einen Augenblick die Oberhand gewinnen wollte; er stampfte heftig mit dem Fuß auf den Boden und machte eine Bewegung, dem Indianer in vielleicht keiner ganz freundlichen Absicht zu folgen, doch mochte er sich wohl eines Besseren besinnen, blieb stehen, sah eine kurze Zeit vor sich nieder auf den abgestreiften Hirsch und brach dann in ein helles Gelächter aus. „Hol’ ihn der Böse,“ rief er endlich, als er sein Messer aus dem Gürtel nahm und neben dem Wildpret niederkniete, „größere Unverschämtheit ist mir in meinem Leben noch nicht vorgekommen – kühles Blut – ächt Indianisch! Aber lass’ ihn zum Henker gehen, er hat mir doch das Fleisch gelassen; ist übrigens sehr ungewiß, ob ich das hier hätte, wenn ihm das andere nicht schon Mühe genug machte.“

Während er die letzten Worte so vor sich hin in den Bart murmelte, trennte er die Keulen und den Rücken vom Vordertheil, stand dann auf und ging zu einem jungen Hickory (weißer Wallnuß), von dem er einen Streifen Rinde abschälte, sich das Fleisch damit umzuhängen.

„So,“ fuhr er dann in seinem Selbstgespräch fort, als er seine Büchse schulterte und dieselbe Richtung einschlug, die der Indianer genommen hatte, „so, da habe ich doch wenigstens ein Stück Fleisch und komme nicht leer nach Hause; der Onkel wird aber schön lachen, wenn ich die Haut nicht mitbringe. – Verdamm’ den Burschen! ich wollte doch, ich hätte ihn nicht so sehr bereitwillig fortgelassen! – Nun – er läuft mir wieder ein Mal über den Weg,“ und noch lange vor sich hin brummend zog er dem Hause seines Onkels zu. –

Dieser, ein alter freundliche Jankee, der vor etwa fünf Jahren von Connecticut nach St. Louis gekommen war und sich erst seit etwa 10 Monaten so weit [411] im fernen Westen niedergelassen, hatte dies natürlich aus keiner andern Ursache gethan, als um mit den Indianern Handel zu treiben und ihnen ihre Felle so billig wie möglich abzunehmen, hingegen seine Waaren, die sie von ihm, aus Mangel an einem andern Händler in der Nähe, kaufen mußten, so hoch als möglich anzuschlagen. Dennoch hatte er, trotz dem, daß er bei dem Handel schon viel Geld verdient und die armen unwissenden Indianer oft, ja fast bei jedem Geschäft übervortheilte, diese durch sein immer freundliches, gemüthliches Wesen (er war, ganz unähnlich den Yankees, ein kleiner, dicker Mann, und alle kleinen dicken Männer sind gemüthlich) so für sich eingenommen, daß sie gern und willig mit ihm verkehrten und sich nie, selbst nicht bei ihren heftigsten Streitigkeiten, die keineswegs selten vorfielen, feindlich gegen ihn benahmen.

Er trieb, wie alle diese Kaufleute, oder besser Krämer, an den Indianischen Grenzen, oder selbst in den westlichen Ansiedelungen, fast nur Tauschhandel und gab für Felle und geräuchertes oft auch frisches Fleisch, für Pelze und gegerbte Häute, für Bärenöl und Honig, wieder solche Waaren, deren die Indianer bedurften, als Pulver und Blei, Decken, Eisenwaaren (wie Tomahawks und Messer), Büchsen, Zinober, Glascorallen etc. etc.; sein Haupthandel bestand aber in dem verbotenen Whiskey [1], den er um so theuerer an die Indianer abließ, da diese wußten, daß es ihm durch das Gesetz von seinem großen Häuptling verboten war, ihnen das „fließende Feuer“ weder zu schenken noch zu verkaufen. Er hielt auch aus dem Grunde die Fässer unter dem Haus vergraben, hatte jedoch in diesem abgelegenen Theil des Staates wenig Nachsuchung zu fürchten. –

Der Alte saß vor der Thür seines kleinen Waarenlagers und schaute, behaglich rauchend, einem Volk großer schwarzer Truthühner (aus Eiern der wilden auferzogen) zu, die um ihn herum die zerstreuten Körner und Saamen aufpickten, als den kleinen Fußpfad entlang, der aus dem Walde gerade auf sein Haus zuführte, unser schon vorher eingeführter Indianer schnellen Schrittes daher kam und tief Athem holend seine Last zu den Füßen des Jankee’s [2] abwarf.

„Hallo Tom,“ rief dieser, dem Wilden die Hand entgegenstreckend, „hast wacker getragen! Nun, was bringst Du? zwei Felle und ein Stück roh Fleisch? – bah! ist das die ganze Jagd?“

„Gut – setze den Fall, Ihr geht – nehmt Flinte – kriecht durch Büsche – kriecht durch die Prairien auf Bauch weit – weit – schleicht an Hirsch – setze den Fall, Ihr schießt nichts!“ erwiederte Tom.

„Wohl möglich!“ lachte der Alte, „ich müßte mich auch gut ausnehmen, wenn ich im nassen Grase auf dem Bauche herumkriechen wollte – nein – nein; ich bin übrigens nie ein Jäger gewesen und das einzige Große, was ich je geschossen habe, war bei St. Louis eine von meines Schwagers Kühen, als wir ein Mal Nachts mit der Fackel eine Feuerjagd machen wollten.“

Der Indianer grinste. „Euer Schwager wird recht Freude gehabt haben,“ fuhr er nach einer kleinen Pause wieder ganz ernsthaft fort.

„Ja! Er schwur, ich dürfe nie wieder eine Büchse anrühren, so lange ich mich in der Nähe seiner Kühe und Schweine befände – nun ich war damit zufrieden – aber, Tom, was führt Dich zu mir? was willst Du für Deine Felle haben? soll ich denn das Fleisch auch behalten?“

„Guter, fetter Bock,“ sagte Tom, den Hirsch herumdrehend, daß der Alte den breiten Rücken sehen konnte, – „nicht so breit wie Ihr!“ fuhr er grinsend fort, „aber viel breit, sehr viel breit.“

„Nun gut, komm! trag es hier in den Laden, da kann ich Dir gleich was Du dafür haben willst geben,“ erwiederte Jener und schritt ihm voran in das kleine Gebäude, während der Indianer seine Schrotflinte auswendig daran lehnte und ihm mit seiner Beute folgte.

Drinnen angelangt, legte er Alles auf den Ladentisch und begann dann zwischen den Waaren, die überall zur Schau aushingen, umherzublicken, als ob er sich Etwas aussuchen wollte.

„Nun, Tom, was willst Du heute Morgen haben?“ fragte ihn endlich der Alte; „heraus mit der Sprache.“

„Wenig Pulver, wenig Blei, wenig Messer, wenig Tabak und viel Whiskey!“ sagte Tom.

„Whiskey? pfui Tom,“ verwies ihn Jener, „Du weißt, ich darf keinen Whiskey verkaufen und ich möchte nicht um alle rothen Felle, die in ganz Missouri herumlaufen, Unannehmlichkeiten wegen Verkauf von Whiskey haben. Tom, Du willst mich nur auf die Probe stellen!“

[412] „Ich, ein guter Indianer!“ betheuerte Tom, die Hand auf die Brust legend, „ich, ein sehr guter Indianer – habe weißen Mann lieb, thue Alles für weißen Mann, gehe in die Kirche; ich ein ganz guter Indianer!“

„Aber weißt Du wohl,“ widerlegte ihn der Händler, „daß kein guter Indianer Whiskey anrührt? daß die guten Indianer ihn Alle verschmähen und daß nur die Bösen, Nichtsnutzigen das Feuerwasser trinken?“

„Ich ein verdammter Schurke sein!“ entgegnete Tom höchst ernsthaft.

„Ja, wenn das ist,“ lachte der Alte laut auf, „da muß ich wohl herrücken,“ und schmunzelnd schenkte er dem Indianer ein volles Glas ein, das dieser mit einer gar freundlichen Miene leerte.

Kaum war Tom mit seinem erlegten Wilde in das Haus getreten, als der Neffe des Yankee’s, eben derselbe Jäger, dem Tom an diesem Morgen so ohne Weiteres den Hirsch abstreifte, am Hause erschien. Er hatte den Indianer erkannt und warf fluchend sein Hirschfleisch von der Schulter, als er dessen Flinte am Hause lehnen sah.

„Warte, Schurke,“ murmelte er für sich hin, „Du sollst doch Deinen nächsten Schuß wenigstens fehlen, dafür will ich sorgen, und wenn ich kein Fell habe, sollst Du, auf diese Ladung Pulver wenigstens, auch keins mit heim bringen.“

Damit schlich er sich leise an die Flinte hinan und zog mit seinem Kretzer schnell den obersten Pfropfen heraus und ließ sich die Schrote in die Hand laufen; damit aber noch nicht zufrieden, nahm er den andern Pfropfen ebenfalls und setzte einen neuen auf, daß sich ja kein Schrot in jenem hätte verhalten und doch vielleicht noch tödten können, lehnte dann die Flinte wieder an ihre alte Stelle und trat, als ob er eben käme, zu den Männern in den Laden.

Tom hatte seine Einkäufe besorgt, steckte, was er für seine Jagdbeute erhalten, in die Kugeltasche, die an seiner rechten Seite hing, setzte nochmals das Glas an, das er schon zum zweiten Male leer getrunken, und sog die letzten Tropfen heraus, trat dann vor die Thür, ergriff seine Flinte und war im Begriff, nach kurzem Gruß den Weg zu seinem Dorfe einzuschlagen, als die Truthühner seine Aufmerksamkeit erregten, die eben, durch einige ihnen vorgeworfene Maiskörner herbeigelockt, die Köpfe Alle zusammen auf einen Punkt hielten und dadurch ein herrliches Ziel boten.

Tom bemerkte es und lächelnd auf sie anschlagend, rief er zum alten Kaufmann zurück: „Ich sehr froh – solchen Schuß draußen im Wald!“

„Und ich wette einen Dollar, Du triffst keinen!“ rief der junge Mann, der die Gelegenheit schnell ergriff, sich an dem Indianer zu rächen.

„Ich keinen Dollar haben,“ antwortete Tom ganz ruhig; „alte Mann aber hat Otterfell von mir – groß Otterfell – werth ein Dollar und ein halb Dollar – Ihr wettet ein Dollar und ein halb Dollar dagegen – ich treffen viel – viel von denen da!“

„Topp!“ rief Jener, „hier sind meine anderthalb Dollar – und verlierst Du, so zahlt mir Onkel das Otterfell!“

„Gut,“ sagte der Indianer und zog den Hahn seiner Flinte auf, um nach dem Pulver zu sehen. –

Der Alte wollte Einwendungen dagegen machen, denn er hielt es gar nicht für möglich, daß der Indianer fehlen könne und fürchtete, sein Neffe werde das Geld wirklich bezahlen müssen, doch gab ihm dieser schnell einen Wink und leicht beruhigte er sich, als er den wahren Stand der Sache ahnete; den Indianer anzuführen hielt er für nicht mehr als recht.

Tom hatte sich unterdessen überzeugt, daß das Pulver in der Pfanne trocken und in gutem Zustande sei, legte also an, zielte und – drückte ab. Bei dem so nahen Schuß (kaum 30 Schritte von ihnen entfernt) flatterten die Truthühner erschreckt empor und zerstreuten sich; keins von allen aber fiel oder gab nur das mindeste Zeichen, daß es verwundet sei.

Tom stand wie versteinert und schaute bald seine Flinte, bald die Hühner, bald die beiden Männer an; der Jüngere aber sprang und jubelte und lachte und geberdete sich wie toll; endlich, als er wieder zu Worte kommen konnte, rief er immer noch mit vor Lachen halb erstickter Stimme:

„Guter Tom, guter Tom, wo ist Dein ein Dollar und ein halber Dollar für das Otterfell? o, guter Tom!“ und wieder begann er zu tanzen und zu springen; Tom aber war sehr kleinmüthig und meinte, seine Decke fest um sich herumziehend:

„Dom zu viel Whiskey – nicht gut! macht Kopf schwer und Hand zittern – Tom keinen Whiskey mehr trinken!“ und damit trollte er in seinem schwebenden Gang dem Walde zu, in dem er bald verschwand. –

Vierzehn Tage mochten nach diesem Vorfall etwa vergangen sein, als eines Nachmittags, gerade da die beiden Weißen, Onkel und Neffe, wieder zusammen [413] vor der Thür des Waarenhauses saßen, Tom denselben Weg daher geschlendert kam; er trug dies Mal einen ganzen Pack zusammengebundener getrockneter Felle, sowohl von Hirschen als Ottern und sah ordentlich und ehrbar aus; doch verfinsterte sich sein Gesicht ein wenig, als er den jungen Mann erblickte; er mochte wohl an den Schuß denken; die beiden Weißen begrüßten ihn aber herzlich und er lehnte, wie das vorige Mal, seine Flinte auswendig an’s Haus und ging nach kurzem Gespräch mit dem Alten in den Laden, dort den neuen Handel abzuschließen.

Er schien die Truthühner, die ebenfalls wieder auf dem Platze umherliefen, gar nicht zu bemerken; kaum waren aber die Beiden durch die Ladenthür verschwunden, als der Zurückgebliebene von seinem Sitze aufsprang und in wenigen Secunden mit dem Kretzer aus dem dicht danebenstehenden Wohnhaus zurückkam.

Leise schlich er, wie damals, an die Flinte, zog schnell die Ladung Schrot heraus, verbarg den Kretzer und setzte sich dann wieder ruhig auf seinen Stuhl, das Ende des Handels und das Erscheinen des Indianers zu erwarten.

Sie ließen nicht lange auf sich warten; Tom hatte heute wenig Waaren gebraucht und sich fast Alles in baarem Gelde bezahlen lassen, nahm nun seine Flinte und sagte den Beiden ein Lebewohl.

„Holla, Tom!“ rief ihm der junge Mann nach, „willst Du denn heute Dein Glück nicht wieder mit einem Schuß versuchen?“

„Tom hat nicht so viele Dollar!“ entgegnete kopfschüttelnd der Wilde, indem er stehen blieb und nach Jenem zurücksah; „die weißen Männer versprechen Feuerwasser,“ fuhr er ernsthaft fort, „da schießt Indianer Alles, was vorkommt – Großes und Kleines, Männchen und Weibchen; Indianer liebt Feuerwasser; vor fünf Schneeen waren Ottern viel da – o sehr viel – große Ottern und fett – jetzt rothe Mann kann fünf Fallen stellen und fängt eine. – Ottern gehn, wo weiße Gesicht kommt – Indianer auch! – Indianer ist arm!“

„Bah, bah!“ rief der Jüngere lachend, „Du hast wohl selbst heute Morgen wieder einen tüchtigen Schluck Whiskey genommen.“

„Nein,“ sagte Tom, die Hand auf die Brust legend, „nicht angerührt – nicht mit Fuß!“

„Du schwankst aber doch so!“ fuhr Jener, um ihn zu reizen, lachend fort.

„Ich schwanken?“ sagte Tom entrüstet; „gut, ich will schießen, will weißem Gesicht zeigen, ich nicht schwanken.“

„Gut! hier ist mein Dollar,“ sagte der Weiße, das Geld auf einen umgehauenen Baumstamm legend.

„Und hier ist meiner,“ sagte Tom; „nicht viel Geld ein Dollar – mir gleichgiltig.“

„Oho, wenn Du so mit Geld prahlst, hier sind fünf Dollar, anstatt einer; setzest Du dagegen?“

„Daß ich kein Truthahn treffe?“ frug vorsichtig der Indianer.

„Gewiß,“ war die Antwort, „triffst Du Einen oder mehrere, so habe ich verloren.“

„Gut!“ entgegnete Tom und langte, ohne weiter ein Wort zu verlieren, noch vier andere Dollar, die er eben für seine Felle erhalten hatte, aus der Kugeltasche und legte sie zu den anderen, nahm dann eine Handvoll Mais aus einem dicht dabeistehenden Futtertrog und warf es den Truthühnern hin, trat etwa zwanzig Schritt zurück, zog den Hahn auf, zielte und beim Schuß – flatterten vier, zum Tode getroffen, am Boden und lagen nach wenigen Secunden still und leblos.

Mit weitgeöffnetem Munde starrten die beiden Weißen auf das Verderben hin, das Tom’s Flinte nicht allein an ihren Truthühnern, sondern auch in ihrer Börse angerichtet hatte; der aber, ohne weiter eine Miene zu verziehen, ging zum Baumstamm und schob ruhig und lautlos die zehn Dollar, einen nach dem andern, in seine Kugeltasche, lud dann seine Flinte wieder und warf sie auf die Schulter; als er sich aber zum Fortgehen rüstete, wandte er sich noch ein Mal zu den Männern und sagte freundlich: „Setze den Fall, Ihr wolltet schießen noch ein Mal – heut in acht Tage ich wieder hier – aber,“ fuhr er vertraulich fort, als er sich dem jungen Manne etwas mehr näherte – „wenn ich komme zu weiß Gesicht, ich immer zwei Schuß Schrot in der Flinte – setze den Fall, weißer Mann zieht einen heraus – gut – noch genug drinn vor anderen Schuß! Good bye!“

Osage Chief by George Catlin


 [1] Maisbranntwein.
 [2] Eingeborene Amerikaner der Vereinigten Staaten, aus dem Nord-Osten.

Anmerkung des Herausgebers:
Gerstäcker verwendet zwei verschiedene Schreibweisen 'Jankee' und 'Yankee', wobei unklar bleibt, ob es sich hier evtl. und einen Druck- oder Transkriptionsfehler handelt.

© bei Friedrich Gerstäcker, für Einführung und Anmerkung bei Karl Jürgen Roth

Mittwoch, 12. Februar 2025

Gerichtsscene in Stockton (Friedrich Gerstäcker)


Gerichtsscene

von Friedrich Gerstäcker

(Original in: "Californische Skizzen", 1856)


Friedrich Gerstäcker (1816 - 1872) war wohl der wichtigste Autor des ethnographischen Reise- und Abenteuerromans im 19. Jahrhundert. In zahlreichen Romanen, von denen hier nur 'Die Regulatoren in Arkansas', 'Die Flußpiraten der Mississippi' und 'Gold' genannt seien und noch weitaus mehr Erzählungen und Skizzen schilderte er immer wieder das Leben an der Frontier oder bot Genrebilder aus dem Goldrausch in Kalifornien, den er selbst miterlebt hatte - übrigens ganz im Gegensatz zu Bret Harte, der erst nach dem Ende des eigentlichen Goldrauschs nach Kalifornien kam. Gerstäcker unternahm zahlreiche Reisen nach Nord- und Südamerika, Australien, besuchte die pazifischen Inseln und nahm an einer Afrikareise teil. Das Gesehene und Erlebte verarbeitete er in seinen Veröffentlichungen, oft auch erschienen innerhalb der populären Zeitschriften der Zeit, wobei den Schilderungen immer wieder ein hoher Grad an Authentizität bescheinigt wurde.

Über den kalifornischen Goldrausch veröffentlichte er neben dem schon erwähnten Roman 'Gold',  u. a. ein Jugendbuch 'Georg der kleine Goldgräber in Californien' und 1856 die 'Californischen Skizzen', denen unsere 'Gerichtsscene' entnommen wurde. Im Inhaltsverzeichnis als 'Gerichtsscene in Stockton' bezeichnet umfasst der Abdruck die Seiten 81 - 96. - Bemerkenswert ist, wie gut es dem Verfasser gelingt mit jeweils nur wenigen Sätzen, die auftretenden Personen treffend zu beschreiben. Die Orthographie folgt unverändert dem Original; der Originalabdruck in Fraktur wird hier kursiv wiedergegeben. Die Seitenzahlen des Originals in |#|.


________________________


|81| 
Gerichtsscene

Stockton, am San Joaquin, ist nach San Francisco und Sacramentocity die bedeutendste Stadt Alta California’s, und rivalisirt besonders mit Sacramento. In letzter Zeit hat sich auch sein Umfang bedeutend vergrößert, der Handel ist blühend, und zweigt von dort überall in die südlichen Minen aus. Seit lange schon war es dabei der Sitz eines District Court, und Jugde Reynolds präsidirte über diese als „Richter in Frieden und Unfrieden.“

Um diese Zeit, und zwar im Sommer des Jahres 1850 begab es sich, dass ein Deutscher Namens Kadisch, Waaren in die Minen zu versenden hatte, zu gleicher Zeit aber sein Aufenthalt in San Francisco zum Empfang anderer Güter nöthig war. Er accordirte also mit einem dort ansässigen Spanier, ihm die |82| schon bereitliegenden Güter auf seinen eigenen (Kadisch) Maulthieren in die Minen zu schaffen, die Thiere dann wieder zurückzubringen, und, sollte Kadisch um diese Zeit noch nicht wieder zurück sein, eine neue Ladung zu besorgen.

Das geschah; José der Spanier reiste mit den Gütern ab, holte aber weder neue Waaren ab, noch lieferte er selber die Thiere wieder aus, und gab, als ihn Kadisch später dafür zur Rede stellte, vor, sie seien ihm unterwegs gestohlen worden. Das war übrigens eine offenbare Lüge, denn in der nämlichen Zeit befand sich sogar ein Theil derselben Maulthiere in Jose’s Besitz in Stockton, und Kadisch hatte Zeugen genug, welche die Maulthiere kannten, und das Recht zu sehr auf seiner Seite, es dießmal nicht zu „riskiren“, Gerechtigkeit vor dem Richter zu suchen. Dennoch fühlte er sich nicht ganz sicher, ging aber doch zu Judge Reynolds, und brachte seine Sache vor.

Er fand den Richter in ziemlich guter Laune auf seinem Sopha liegend, ein Bein über der Lehne desselben, das andere auf einem davorgerückten Stuhl. Er that für diesen Augenblick eigentlich gar nichts, als dass er sich vielleicht seinen angenehmen Gedanken überließ, dabei wälzte er ein nicht unbedeutendes Priemchen Tabak im Munde herum, und drehte nur |83| manchmal den Kopf nach der Kammerecke herum in ein dort stehendes, etwa fünf Schritt entferntes Spuckkästchen mit ungemeiner Fertigkeit den Tabakssaft hineinzusenden.

„Guten Morgen, Judge“ – sagte der Kläger, als er zu ihm in die Stube trat, und die Thür hinter sich zumachte.

How d’y do“ lautete die kurze Antwort, der Jugde drehte den Kopf ein klein wenig herum, zu sehen wer der Kommende wäre, und fiel dann in seine alte Lage zurück.

„Judge, ich hier, um den Spanier José Tonguras zu verklagen, der mir meine sämmtlichen Maulthiere vorenthält, während ich beweisen kann, dass sie sich zu gleicher Zeit, wenigstens die meisten davon, in seiner eigenen Fenz befinden.

Der Richter drehte hier wieder den Kopf, visirte das Spuckkästchen, nach dessen Richtung hin Kadisch stand, und spritzte den gelben Saft zwischen seinen Zähnen durch so dicht an dem Knie seines Besuchs vorbei, dass dieser erschreckt zurückfuhr. Es war aber nicht die mindeste Gefahr, und das Kästchen richtig getroffen worden. Der Richter schien aber die Befürchtung, die er erregt, gar nicht zu achten, sondern benutzte nur die günstige Gelegenheit, da er |84| seinen Mund, gerade vom Tabaksaft frei hatte, und frug den Kläger.

„Hat José – wie heißt der Kerl?

„José Tonguras - 

„Ahem – hat er Geld?“

„Er ist ansässig hier und wohl 10,000 Dollar werth,“ lautete die befriedigende Antwort.

Der Richter blieb jetzt eine Weile, ohne fernere Antwort zu ertheilen, in nachdenkender Stellung auf dem Sopha liegen, zielte dann wieder nach dem Spucknapf, während dießmal der Deutsche aber aus dem Weg trat, da er doch nicht wußte ob der Schütze jedesmal schwarz treffen würde, klingelte dann, und sagte zu dem eintretenden Constable:

„Bitte, Mr. Brown, rufen Sie mir doch mal den Sherif herüber.“

Als sich der Constable entfernt hatte, ließ sich der Richter die ganze Sache mit den Maulthieren ausführlich von dem Kläger erzählen, der ihm das so kurz wie möglich, aber klar und deutlich auseinandersetzte.

„Gut, gut!“ sagte der Richter, als er zu Schluß kam, und schien mit dem Gehörten vollkommen zufrieden – „sehr gut, den Burschen wollen wir schon kriegen. Er ist ein Mexikaner, nicht wahr?“ |85| 
„Ich glaube wohl – er trägt wenigstens die mexikanische Tracht.“

„Desto besser – ah Jenkins“, wandte er sich dann zu dem eintretenden Sheriff – „kommt einmal einen Augenblick hierher – setzten Sie sich so lange, Kadisch – wir wollen das bald in Ordnung bringen, ich habe gerade Zeit heute morgen.“

Er unterhielt sich jetzt eine Zeitlang leise mit dem Sheriff, dieser verließ dann das Zimmer, und wohl eine volle Stunde lang blieben die beiden Männer allein im Zimmer, ohne auch nur ein Wort miteinander zu wechseln. Die geheimnisvolle Stille unterbrach nur dann und wann der Tabakssaft des Richters, aus dessen Bereich sich Kadisch wohlweislich begeben hatte.

Endlich klopfte jemand an die Thüre.

Walk in“ sagte der Richter.

Die Thür ging auf und der Mexikaner José Tonguras trat ein, während der hinter ihm stehende Constable seinen Namen laut ankündigte. 

All right“ sagte der Richter, ohne aber auch nur einmal aufzusehen – take a seat, José.“*)     {*) Setzt Euch, José.} 

Der Mexikaner war eine kurze gedrängte sonn-|86|verbrannte Gestalt, mit glänzend schwarzen gelockten Haaren, einer buntgestreiften Sarape, einem Wachstuch überzogenen breitrandigem Hut, an den Seiten bis an die Hüftknochen aufgeschlitzten braun sammetnen Ober- und schneeweißen baumwollenen Unterhosen, weißem Hemde und schwarzgewichsten Schnürstiefeln. Als er ins Zimmer trat, machte er eine halbe Verbeugung gegen den Richter und seinen Ankläger und sagte artig, während er den glänzend blanken Hut mit beiden Händen vom Kopfe nahm:

Buenos dias, Seňores.

Kadisch machte eine leichte Verbeugung gegen ihn, der Richter aber sagte gar nichts weiter, und da der Mexikaner die vorherige Einladung sich zu setzen wahrscheinlich nicht verstanden oder vielleicht nicht einmal gehört hatte, wiederholte sie der Deutsche noch einmal auf Spanisch.

José dankte schweigend, rückte sich dann einen der Rohrstühle heran und ließ sich langsam darauf nieder. Die dunklen verschmitzten Augen liefen aber indessen rasch von einem Gegenstand im Zimmer zum anderen und hafteten auf nichts. Nur dann und wann suchte er dem Blick des Richters zu begegnen, wenn dieser zu seinen regelmäßigen Expectorationen den Kopf wandte. Dieser aber hatte vielleicht schon ganz wieder |87| vergessen, dass Jemand anders mit ihm im Zimmer war, oder nahm doch wenigstens nicht die geringste Notur, weder vom Kläger noch Verklagten.

So verging eine Viertelstunde nach der andern, und Kadisch, der andere Geschäfte zu besorgen hatte, stand schon einmal auf und bat den Richter ihn zu entschuldigen, er wolle lieber in einer Stunde etwa oder zu jeder andern Zeit, die er ihm bestimmen möchte, wieder kommen, denn er habe zu Hause nothwendige Geschäfte.

Never mind, Kadish“, sagte aber der Richter, und winkte ihm mit der Hand sitzen zu bleiben; „der Sheriff muß den Augenblick hier seyn, und wir machen Ihre Sache dann ohne weiteres ab. Sie treffen’s vielleicht nicht allmal so günstig.“

Der Deutsche sah dass der Richter guter Laune schien, und war klug genug zu bleiben, der Mexikaner aber, der von den gewechselten Worten nichts verstand, schaute mißtrauisch bald den einen, bald den andern an, und mochte aus der Freundlichkeit des Richters gegen seinen Ankläger, nicht ohne Grund, keine der besten Folgerungen für sich ziehen.

So verging wieder eine zweite Viertelstunde, als die Thür aufging und der Sheriff hereintrat. |88|

„Alles in Ordnung, Jenkins?“ frug ihn der Richter. 

„Alles“, lautete die bündige Antwort des Schwertes der öffentlichen Gerechtigkeit.

„Alles so gewesen?“ frug aber der Richter noch einmal, der in dieser Sache wohl seine guten Gründe haben mochte, ganz sicher zu gehen.

„Alles“, klang aber wiederum das bestimmt abgegebene Echo aus seines Merkurs Munde.

„Gut, dann können wir die Court eröffnen“, erwiderte der Richter, erhob sich aus seiner liegenden Stellung, setzte sich aufrecht an den Tisch und rückte einige Bücher in Ordnung, „ruft den Dolmetscher herein.“

Jenkins öffnete die Thür, winkte hinaus und gleich darauf trat eine der wunderlichsten Figuren herein, die man sich nur auf der Welt denken kann. Es war eine breitschultrig gedrungene, grobknochige Gestalt, mit rothen, krausen Haaren, Pockennarben und die Hände dicht mit Sommersprossen bedeckt. In der Hand hielt der Mann einen alten, in die unbestimmteste Form hineingedrückten, weißen Filzhut, an dem nur Rand und Deckel fehlte, über den Schultern hing ihm ein kleiner blauer, an den Rändern grün und roth gestreifter chilenischer Poncho, die |89| Beine bedeckten auch eine Art mexikanischer Hosen aber die Unterbeinkleider waren beschmutzt und von höchst zweifelhafter Farbe, und die Füße stacken in groben, stark genähten und ungeschwärzten Schuhen. Die Figur hatte allerdings nicht viel Empfehlendes, aus den kleinen grünen Augen blitzte aber ein eigener wilder Humor, und der Blick, den er bei seinem Eintreten nur einmal, aber rasch und entschieden über die Gruppe sandte, wie die zuversichtliche Art mit der er überhaupt auftrat, verriethen, dass er nicht das erstemal zu diesem Amt berufen sei, und es liebe vorher zu wissen, mit welchen Leuten er es hier zu thun habe. Sein nachheriges ganz gleichgültiges Wesen, wobei er weder nach der einen noch andern der Parteien auch nur den Kopf wandte, sollte anzeigen wie gänzlich unparteiisch er beide Theile höre, und nur darauf denke ihre geäußerte Meinung Wort für Wort dem Richter treu wiederzugeben.

Dieser schien aber mit seinem Dolmetscher auf einem ganz freundschaftlichen Fuß zu stehen, rückte ihm, als er die Thür hinter sich zugemacht hatte, einen Stuhl dicht neben sich, nahm dann die neben ihm liegende Bibel in die Höhe, und sagte, nach der ersten Begrüßung gleich in die aufzugebende Schwurfoemel einfallend: |90|

„Wie geht’s Patrick? Ihr schwört hiermit feierlich die zwischen beiden Parteien vorkommenden Aussagen und Antworten treu und ehrlich zu übersetzen, so helfe Euch Gott.“

„Dank Euch, Sir, Yes“, sagte Patrick mit ächt irischer Brogue und ungemeiner Feierlichkeit, ebenfalls Morgengruß und Schwur zu gleicher Zeit beantwortend, dann küßte er mit vieler äußerer Andacht die ihm vorgehaltene Bibel, und ließ sich, seinen kurzen Poncho unnöthigerweise etwas weiter noch heraufschlagend, auf den ihm hingerückten Stuhl nieder. Den Hut drückte er, rücksichtslos gegen jede Façon zwischen die Knie.

Der Richter hatte indessen einen reinen Bogen Papier hergenommen, und schrieb jetzt sehr emsig die Anklage des Deutschen nieder, die er diesem dann gar nicht erst weiter zeigte, sondern sich damit, als er sie beendet, gleich unmittelbar an den Verklagten – durch den Dolmetscher natürlich – wandte.

Der Mexikaner, der übrigens mehr Englisch verstehen mochte als er zu zeigen für räthlich hielt, hatte der vorstehenden Schwurscene sehr aufmerksam zugeschaut, und ein leises verstohlenes Lächeln spielte um seine Mundwinkel, das sich auch kaum verlor, während der Richter dem Dolmetscher die Klage auf |91| englisch vorlas. Er wußte recht wohl dass seine Sache ging sie den gewöhnlichen Gang Rechtens, noch lange nicht verloren sein brauchte, war aber freilich nicht auf gleich folgende summarische Verfahren vorbereitet,

Als der Dolmetscher alles angehört hatte, wandte er sich, die Augen dabei fest auf das Blatt Papier gerichtet, gegen den Verklagten, der jetzt seinerseits ebenfalls mit der ernsthaftesten Miene und größten Aufmerksamkeit dasaß, und übersetzte ihm lesend, wessen er beschuldigt sey, und frug ihn, ob er die Wahrheit der Sache zugestehe.

Der Mexikaner sah hierauf erst ein paar Secunden, wie in tiefem Nachdenken, still vor sich nieder, und erwiederte dann in der eigenen singenden Weise der Spanier:

Si Seňor, ich habe die Maulthiere von dem Mann mit den Waaren bekommen, und die Waaren an der bestimmten Stelle abgeliefert, ist dem nicht so?“

Die Frage wurde dem Kläger gestellt, und dieser bejahte sie, fügte aber hinzu, „dass er wegen der Waare nicht geklagt habe, sondern nur wegen der zurückgehaltenen Thiere.“

Der Deutsche hatte diese Antwort ebenfalls in |92| Spanisch gesprochen, und Don José wollte gerade darauf erwiedern, als ihn der Richter unterbrach:

Stop“, sagte er, „ich möchte auch wissen, was ihr da zusammen verhandelt, God damn it, Ihr verlangt doch nicht, dass ich Euer verwünschtes Espagnole auch noch verstehen soll? Patrick, wie war die Geschchte?“

Patrick übersetzte dem Richter das, was beide Parteien gesagt, und dieser frug dann weiter:

„Aber wo sind jetzt die Maulthiere? Habt ihr die nachher ihrem rechtmäßigen Eigenthümer zurückgegeben, oder was ist mit ihnen geschehen?“

Der Mexikaner ließ sich die Frage erst übersetzen, dann sagte er achselzuckend:

Quien sabe? – als ich nach Stockton zurückkam, war der Mann noch immer nicht zurück. Ich mußte die Thiere einem andern zur Aufsicht übergeben, was ich aus meiner eigenen Tasche bezahlt habe, der wurde aber krank, und Amerikaner oder meine eigenen Landsleute haben die Maulthiere indessen gestohlen. Mein Bruder ist aber nach, und wenn er sie wieder findet, soll der Mann ebenfalls keinen Schaden leiden.“

Patrick übersetzte das und der Richter frug hierauf schnell: |93|

„Also er läugnet nicht, dass sie, während sie ihm übergeben waren, abhanden gekommen sind.“

No no es verdad“, sagte José, „pero ….“

„Well, well, all right“, unterbrach ihn der Richter, und als er sah, dass der Mexikaner noch Einwendungen machen wollte, sagte er zu Patrick: „stop him, Pat’, laß ihn mich nicht weiter unterbrechen, ich weiß jetzt alles, was ich wissen will. Kadisch, wie viel Maulthiere waren das, sagt Ihr, die Ihr ihm übergeben habt?“

„Vierzehn, Sir, mit Packsätteln.“

„Jenkins, was sind Maulthiere wohl jetzt durchschnittlich werth, der Sattel macht da weiter keinen großen Unterschied.“

Der Sheriff besann sich eine kleine Weile, und sagte dann, sich das Kinn streichend:

„Hm, ich weiß nicht genau, ich denke so etwa 80 bis 90 Dollars durchschnittlich. Vielleicht mehr.“

„Nun gut, wir wollen durchschnittlich 90 Dollars annehmen, seid ihr damit zufrieden, Kadisch?“

Dieser bejahte es, etwas verdutzt, und der Richter fuhr fort: „Das sind also vierzehnmal neunzig, viermal neun ist sechsunddreißig, einmal neun ist neun und drei sind zwölf – gerade 1260 Dollars – außerdem für die Court 50, und für Warrant und Verhör |94| 50 D., macht 1360, für Sheriff 50, sind 1410 – und dann – ja so Patrick, wie viel bekommt Ihr für Euer Dolmetschen?“

„Ih nun, ich weiß nicht“, sagte Patrick etwas verlegen, „ich denke etwa zwei Unzen.“

„Ah was, sagt drei“, meinte der Richter mit etwas leiserer Stimme und einem vertrauten Nicken des rechten Augenlids.

„Oh, meinetwegen auch drei“, schmunzelte Patrick, und der Mann des Gesetzes nahm seine Rechnung wieder auf:

„Also 1410, und 50 D. Fürs Dolmetschen, sind gerade zusammen 1460 D., Patrick, sagt einmal dem José Tonsuras oder Tonjuras, wie er heißt, dass ihn die Court zu 1460 Dollars Strafe verurteilt hat, und  zwar 1260 für den Kläger, 100 für Courtgebühren, 50 für Sheriff und 50 für Dolmetschen – 1660 zusammen.“

„1460“ erinnerte Patrick.

„1460? – ja das ist recht, 1460 – nun es kommt auf eine Kleinigkeit nicht an. Die Summe ist übrigens in Zeit von drei Stunden zu entrichten.

José war leichenblaß geworden, und konnte kaum die Zeit abwarten, dass ihm der Spruch übersetzt war, als er aufstand und dagegen protestiren wollte; Judge |95| Reynolds war aber nicht der Mann, der sich in einem einmal gethanen Spruch irre machen ließ.

„Patrick“ rief er diesem zu, „sagt dem Mann einmal, dass er, wenn ihm sein Geldbeutel lieb ist, sein Maul halten soll. Herunter disputiren kann er gar nichts mehr, nur noch hinauf, und ich glaube kaum, dass ihm daran gelegen ist. Macht ihm übrigens auch noch nebenbei bemerklich, dass der Sheriff seine sämmtlichen Maulthiere hinter dem Hause hat – wie Sheriff?“ – Dieser nickte bejahend, und der Richter fuhr, „und dass die, wenn das Geld nicht in drei Stunden hier ist, heute Nachmittag dem Sheriff verkauft werden – verstanden ? Wer nachher dabei zu kurz kommt, wird José schon wissen – ein Nicken ist gerade so gut wie ein Wink für ein blind Pferd.“

José erbot sich jetzt in letzter Verzweiflung, denn er sah wohl, dass er hier vollständig in der Falle saß, bis in acht Tagen wenigstens die Mehrzahl der Maulthiere wieder an Ort und Stelle zu liefern. Judge Reynolds sagte aber nur kurz zu Patrick:

„Habt ihr dem Manne alles ordentlich verspanischt, was er wissen soll?“

„Alles, your honor.

All right then, in drei Stunden die landesübliche Münzsorte oder – Auction – und damit stand |96| er auf, machte eine graziöse Bewegung mit der Hand gegen Kläger und Verklagten und sagte: „die Court ist aufgehoben. Jenkins, kommen Sie, wir wollen einmal gegenüber gehen und einen nehmen, ich bin ganz trocken im Halse geworden.“

Drei Stunden später stand José Tonjuras mit vollem Geldbeutel und betrübtem Gesicht am Tische des Richters und zahlte diesem die ihm auferlegte Summe. Er wußte recht gut, dass ihm weiter gar kein Mittel blieb; der Richter hätte ihm das letzte Maulthier aus der Fenz verauctioniren lassen, und Maulthiere hatten gerade in dem Augenblick keinen besonders guten Preis. Judge Reynolds strich aber, jetzt ohne Dolmetscher, das Geld mit sehr wohlgefälligem Antlitz ein und sagte, als der Spanier etwas niedergeschlagen Abschied nahm, indem er das Geld in seinen Tischkasten einschloß, das einzige spanische Wort, was er wahrscheinlich wußte, „Mucho gracias,“ (Muchas gracias!)  

San Francisco, um 1875 - kolorierter Stahlstich



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