*** Die Kommentarfunktion für Beiträge ist freigeschaltet. Bitte nutzen! --- Klickt doch bei den Anthologien einmal auf die ID.-Nr. (soweit dort vorhanden) und ihr findet eine neue Möglichkeit euch im Dickicht der Anthologien und Sammelbänden zurecht zu finden.
  Das AKWA Journal ist auch unter der Adresse wildwester.de zugänglich.  
Die bisherigen Adressen bleiben aktiv. - Mehr zum Western zudem in der AKWA Journal : Western Facebook-Gruppe .  ***
Posts mit dem Label McKee. Vonn werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label McKee. Vonn werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitag, 18. April 2025

STORY: Für einen anderen ein Meer (Vonn McKee)


... für einen anderen ein Meer

von Vonn McKee

(Original: "Another Man's Sea", 2024 - Übers.: Reinhard Windeler, 2025)


Die vielseitig talentierte Verfasserin dieser Geschichte haben wir schon aus Anlass der ersten Short Story, die das AKWA Journal von ihr veröffentlichte, ausführlich vorgestellt.  
„Another Man’s Sea“ erschien im August 2024 in der von Richard Prosch herausgegebenen Anthologie „Through Western Storms“. Und daher wird es auch in ihr am Ende stürmisch, und zwar nicht nur im Hinblick auf das Wetter.  
Tim DeForest, selbst Autor, kommentierte mit verständlichem Überschwang: „Der letzte Absatz ist die in herzzerreißender Weise bittersüßeste Passage, die ich jemals gelesen habe.“ Denn die Geschichte ist wirklich ebenso tieftraurig wie berührend und wunderschön.

__________________________

In der kleinen Bar am Wegesrand herrschte reges Gedränge, Menschen rempelten und bahnten sich mit ihren Ellenbogen einen Weg durch den Raum auf einen dünnen Barkeeper mit Halbglatze zu, der flache Gläser halbvoll befüllte und auf die rissige Holztheke knallte. Von Zeit zu Zeit strich er Münzen in die Tasche seiner Schürze, nahm die geleerten Gläser, wischte sie mit einem schmutzigen Handtuch aus und wiederholte den Ablauf … ein Minenarbeiter nach dem anderen und dazwischen ein Penner von der Eisenbahn.

Die Luft, die für Dezember trocken und heiß war, bot wenig Erfrischung, was Sauerstoff oder Bewegung anging, und der pudrige Staub, den sie mit sich führte, verdunkelte die Lampen zu einem schmuddeligen Gelb. Zwei Gläser klirrten, und warmes Nass schwappte auf erhobene Unterarme mit hochgekrempelten Hemdsärmeln.

„Sag’ deiner hübschen Frau, sie soll an Heiligabend am Kamin warten. Der Weihnachtsmann bringt etwas ganz Besonderes. Etwas, mit dem sie nicht –“

Der Rest ging in einem schallenden Gelächter unter, das schließlich in eine derbe Version eines Weihnachtsliedes überging.

Ein alter Mann mit dunklem Gesicht und buschigen Augenbrauen lehnte in sich zusammengesunken an der Adobewand des Schankraums und beobachtete die feiernden Betrunkenen mit trübem Blick. Ab und zu wich er solchen aus, die stolperten oder eine Faust in seine Richtung schüttelten. In seiner eigenen Faust hielt er weder ein Getränk noch ein Geldstück, um sich eines zu kaufen.

Noch elf Tage bis Weihnachten. Aber was bedeutet Weihnachten für dich, Hadji?

Hadji. Er war schon so lange nicht mehr mit diesem Namen angesprochen worden, dass er überrascht war, dass er ihm überhaupt in den Sinn kam. Sein Name war, wie alles andere, was er in dieses trostlose Land mitgebracht hatte, lächerlich gemacht, verstümmelt und entstellt worden. Aber in letzter Zeit, je mehr sich das Alter bemerkbar machte, fielen ihm umso öfter Wörter aus längst vergangenen Zeiten ein – und von Orten, weit entfernten Orten, deren Namen ein Hochgefühl auslösten, wenn er sie auf seiner Zunge formte.

Sie hatten ihn barbarisch genannt.

Sie sind die Barbaren. Ha! Sie haben keine Ahnung von der Schönheit, die ich kenne und die ich gesehen habe.

Er beobachtete die Zecher. Weder interessierten sie ihn noch widerten sie ihn an. Eine Stunde verging. Nach und nach ging den schwer Betrunkenen das Geld für den Alkohol aus oder sie wurden schläfrig und waren nicht mehr in der Lage zu sprechen. Sie schwankten auf die Tür zu, stießen dabei leicht gegen andere Betrunkene und gelegentlich gegen einen Pfosten oder eine Wand und verschwanden in die Nacht, in der man sich immer weniger wie in einem Ofen vorkam, je später es wurde. Als die Tür wieder einmal aufging, um einen abgefüllten Gast hinaus zu lassen, stürzte jedoch eine andere atemlose Gestalt herein. Sie stolperte zum Tresen, hielt die Hände vor sich ausgestreckt sowie Augen und Mund weit aufgerissen.

„Helft … mir!“

Es dauerte einen Moment, bis der Barkeeper den Mann bemerkte, aber schließlich drangen dessen heisere Schreie an sein Ohr.

„Ich – ich habe dieses … ich hab’s gesehen …“

Mit fuchtelnden Armen zeigte er in die Höhe, um etwas von enormer Größe zu beschreiben. „Ich hab’s gesehen … ein riesiges fürchterliches Ding … ein Ungeheuer …“

Der Barkeeper langte über die Theke und legte seine Hände auf die Schultern des verängstigten Mannes. „Na, na. Hol’ erst ’mal Luft, und dann erzähl’ uns – was ist passiert? Was hast du gesehen?“ 

Der Mann, der die staubbedeckte Kleidung eines Minenarbeiters trug, fixierte seinen Blick auf etwas anderes als den Barkeeper, der ihn festhielt. Etwas, das sich ihm wie ein Bild eingebrannt hatte.

„Ich bin … weg von … von meinem Claim. Vor zwei Tagen, nein, vor drei. War fast schon dunkel. Kein Glück gehabt … die ganze Woche. Zwischen hier und den, den …“ Er hielt seine zitternden Hände vor sich aneinander, die Handflächen zeigten nach außen, die Daumen berührten sich.

„Und da war das?“ fragte der Barkeeper. Die Augen des Minenarbeiters starrten immer noch über den Raum hinaus, der ihn umgab.

„Die, die … Gipfel.“ Er hielt wieder seine Hände hoch.

Jemand rief: „Den kenne ich! Eagletail! Eagletail Peak!“

Südöstlich der Stadt gab es einen solchen Gipfel, den die Elemente in die Form der Schwanzfedern eines Adlers gehauen hatten.

„Ist er das, Mann?“ fragte der Barkeeper. „Meinst du den Eagletail Peak?“

Der Minenarbeiter nickte langsam, dann wich er ängstlich zurück, kauerte sich zusammen und schien kleiner zu werden. Die Männer versammelten sich um ihn, hielten ihn mit ihren Händen aufrecht und sprachen ihm mit „Na, na“ und „Ist ja gut“ Mut zu.

Sogar Hadji richtete sich auf und verließ die Wand, an der er den ganzen Abend gelehnt hatte. Er trat näher an den verängstigten Mann heran, neugierig darauf zu erfahren, Zeuge welchen Ereignisses er geworden war.

Der Mann sah nach links und rechts. Endlich schien er sich auf die ungefähr ein Dutzend schmutzigen teilnahmsvollen Gesichter zu konzentrieren, die sich in seiner Nähe versammelt hatten. Seine Geschichte sprudelte mit dramatisch ansteigender Stimme und mit dramatischen Handbewegungen aus ihm heraus.

„Meine Eselin, sie hat sich erschrocken. Schrie wie eine Frau! Aaaaiiiihhh!“ Er legte seine Hände wie einen Trichter an seine Lippen, um das Geräusch nachzuahmen. „Ich konnte sie nicht festhalten. Sie hat sich umgedreht und ist weggelaufen.“

Einer der Zuhörer beugte sich vor. „Bist du ihr hinterher? Bist du auch weggelaufen?“

„Ich konnte mich überhaupt nicht bewegen. War völlig durcheinander. Ich … weiß nicht, warum. Aber dann … habe ich nach vorne geguckt. Und dann hab’ ich’s gesehen …“ Er wackelte mit dem Kopf hin und her und bewegte seine Arme in langsamen Bögen nach vorne, als würde ein Pferd ausgreifende Schritte machen. „Das Biest war riesig. Und ging ganz merkwürdig. Sein Maul … es hatte eine Zunge … aus Feuer!“

Das Publikum holte fast unisono Luft. Die Männer begannen darüber zu reden, was diese Kreatur sein könnte.

„Vielleicht ein Wildschwein?“ sagte einer; „Ein Gabelbock?“ ein anderer.

„Nein, nein, nichts davon“, rief der Minenarbeiter.

„Das war ein Bär. Oder ein Pferd –“

„Oh nein … viel größer!“

Der Barkeeper war von hinter dem Tresen hervorgekommen und hielt dem Minenarbeiter ein Glas vor dessen immer noch zitternde Hände. „Du solltest das trinken. Es wird deine Nerven beruhigen.“

Der Mann sah verwirrt aus, als hätte er noch nie ein Glas Roggenwhisky gesehen, nahm aber einen Schluck. Er pustete. Nach einem zweiten Schluck pustete er wieder, holte tief Luft und atmete aus. Die Spannung in seinen Schultern und in seiner Körperhaltung ließ nach. Alle im Raum waren still und beobachteten, wie die Hände des Mannes das Glas umklammerten, wie er seine Kiefer zusammenpresste und wieder lockerte. Es dauerte eine Weile, bis er wieder sprach.

„Woran ich mich erinnern kann … an den Gestank.“

Von einem der Männer kam ein leises Glucksen.

„Der fürchterlichste Gestank, den ich jemals gerochen habe.“

„Bären stinken“, sagte jemand. „Das muss ein Bär gewesen sein.“

Der Minenarbeiter schüttelte den Kopf. „Das war kein Bär.“

„Was dann?“

Er zuckte die Achseln. „Lange Beine. Langer … ganz langer Hals. Sah so unheimlich merkwürdig aus. Es war … es hatte … rotes Fell.“

Noch mehr Bestürzung und Gerede.

„Und dann … dann kam es auf mich zu! Ohhhh!“ Er taumelte zur Seite und verdrehte die Augen. Jemand stützte ihn und gab ihm einen Klaps auf die Wange.

„Schon gut, Mann.“

„Ohhhhhhh“, stöhnte er, „hätte mich zertrampelt. Ich … bin hinter ein paar … Felsen gekrochen.“ Hadji war sich nicht bewusst, dass er sich bis auf wenige Meter an den Minenarbeiter heranbewegt hatte, um jedes Wort mitzubekommen. Jetzt klingelten ihm die Ohren, und er dachte, er würde ohnmächtig werden.

Muss hier ’raus … kann nicht atmen. Lasst mich … durch … 

Er drängte sich durch den kleinen Menschenauflauf, erreichte die Tür und stolperte auf die Stufen. Er prallte auf die Wüstenluft, die jetzt abgekühlt und schneidend war, wie gegen eine Wand. Hadji stand stocksteif da und blickte die ebene Straße hinunter zum Rand der Stadt und darüber hinaus … bis zum schwarzen Himmel, an dem die schillernden Sternbilder funkelten. Seine Augen fanden die Himmelsrichtung, von der er wusste, dass es Südosten war, die Richtung, in der der Berggipfel lag, der wie die Schwanzfedern eines Adlers geformt war.

Der Gestank.

Hadji schüttelte den Kopf. Lange Beine. Ganz langer Hals. Konnte es sein, dass …?

Jedes Wort des Minenarbeiters wiederholte sich in seinem Kopf. Er schloss die Augen und erinnerte sich an einen anderen Abend in der Wüste vor langer, langer Zeit. Alles war verloren. Alles. So weit entfernt von zu Hause. So allein. Das war die Nacht, in der er alles von sich geworfen hatte, was er gewesen war. Auch die allerletzten Spuren seiner Vergangenheit hatte er weggeworfen – nein, verjagt hatte er sie.

Es hatte rotes Fell.

Hadji fühlte ein Frösteln, das kälter als die Nachtluft war. Die Haare in seinem Nacken sträubten sich, und jede Ader pulsierte vor Adrenalin.

Al-Sharood … der Unfassbare! Er lebt! 

1857

Er beobachtete, wie Beale das Fernrohr an sein Auge hielt und seinen Blick über die trockenen kargen Ebenen schweifen ließ, die mit Felsformationen übersät waren, die wie abgebrochene Zähne aufragten. Weit dahinter lagen niedrige, schroffe Hügel, die in der Ferne lavendelfarben schimmerten. Beale überprüfte seinen Messingkompass und stieß einen Seufzer aus. Er klemmte sich das Fernrohr unter den Arm und machte mit einem Bleistift Eintragungen in ein kleines Tagebuch. Er steckte das Buch in seine Manteltasche und machte eine Drehung, um sich mit entschlossener Miene der müden Gruppe wartender Männer zuzuwenden.

„Noch fünf Meilen. Da vorne ist eine Schlucht. Vielleicht Wasser, vielleicht auch nicht. Aber wir werden dort unser Lager aufschlagen, so oder so.“

In diesem Moment zerriss der schrille Schrei eines Pferdes die sengende Luft. Dann war zu hören, wie ein Mann fluchte, und ein tiefes, gurgelndes Gronnnk. Hadji Ali drehte sich um, gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie ein bulliger Soldat, Lawford, an den Zügeln seines scheuenden Braunen zerrte. Die Augen des Tieres waren vor Schreck verdreht und weiß, als es sich bemühte, sich loszureißen. Kaum, dass Lawford den Braunen beruhigt hatte, sprang er aus dem Sattel und ging mit forschem Schritt auf Greek George zu, einen hageren Mann, der das Ende eines Seils hielt.

„Du! Wenn du dieses dreckige Viech nicht von meinem Pferd fernhältst, erschieße ich euch beide!  Das schwöre ich! Bleibt hinten, ihr alle! Ich kann euch auf den Tod nicht mehr ausstehen – euren Anblick und euren Gestank!“

Das Viech am anderen Ende von Greek Georges Seils senkte seinen Kopf und seinen langen Hals hinab auf Menschenhöhe und spuckte einen faustgroßen Klumpen schaumigem weißen Schleims aus. Er klatschte auf Lawfords Stirn und tropfte in klebrigen Fäden in Richtung seiner Augen. Der Soldat wischte ihn mit den Ärmeln seines Mantels weg, stampfte wild auf und fluchte.

Hadjis und Greek Georges Blicke trafen sich, beide unterdrückten ein Grinsen. Ein lautes Knacken erregte ihre Aufmerksamkeit. Mit gerunzelter Stirn hielt Beale das zusammengeschobene Fernrohr in seinen Händen.

„Aufgesessen, Lawford“, sagte er. „Wir sind seit zwei Wochen unterwegs. Sie sollten inzwischen wissen, wie diese Art von Konfrontation ausgeht.“

Innerhalb weniger Minuten war die bizarr aussehende Karawane wieder in Bewegung, mit dem schneidigen Ned Beale an der Spitze, ungefähr fünfzig berittenen Männern hinter ihm, gefolgt von einem halben Dutzend Kameltreibern, die sich entlang einer Reihe von zweiundzwanzig ungeschlachten Lasttieren verteilten, die alle mit Packen und Wasserfässern beladen waren. Als der Trupp einen ebenen Sandstreifen überquerte, löste sich Beale aus der Formation und winkte die Kolonne weiter. Er wendete sein Pferd und ließ sich an das Ende der Reihe zurückfallen. Als die Kameltreiber ihn passierten, lenkte er seinen Wallach neben ein schwerfälliges Dromedar namens Maya, allerdings in respektvollem Abstand. Hadji ging nebenher, die lockeren Hosenbeine seines türkischen Şalvar flatterten in der heißen Brise. 

„Hi-Jolly!“ rief Beale und benutzte dabei die von den Amerikanern entstellte Version von Hadji Alis Namen. „Erklär’ mir ihre Gangart. Mir ist aufgefallen, dass sie ihre Füße senkrecht nach oben anheben, anstatt sie vorwärts durch den Sand zu ziehen.“

Ein Wandgemälde in Barstow, California, an der Route 66

Hadji hatte schon so lange mit Kamelen zu tun gehabt, dass ihm nur das Ungewöhnliche auffiel. Ein Hinken oder ein Schonen eines Hufs wegen eines zwischen den Zehen steckenden Steins.

„Ja, Leutnant.“ Er hatte gehört, dass die anderen Männer Beale mit seinem früheren militärischen Rang angesprochen hatten. „Das haben Sie gut beobachtet. Darum wirbeln sie keinen Staub auf, wie es Pferde und Menschen tun.“

Beale nickte. „Ich muss sagen, ich bin inzwischen von diesen großartigen Geschöpfen fasziniert. Sie gedeihen in der Hitze und ernähren sich, indem sie an Pflanzen knabbern, die ich nicht als kaubar, geschweige denn als nahrhaft bezeichnen würde. Ja, an der letzten Wasserstelle schienen sie kaum daran interessiert zu sein anzuhalten, um zu trinken, während die Pferde völlig erschöpft waren. Und schau dir das an! Das müssen über achthundert Pfund sein, die auf dem Rücken von der da festgeschnallt sind. Einfach herrlich.“

Beale warf einen Blick nach vorn, als wollte er die Richtung überprüfen.

„Zum Teil auch dank der Dienste dieser seltsamen, nützlichen Viecher“, sagte er, ,,wird Präsident Buchanan seine Wagenstraße quer durch diese, hmmm … diese elende verdammte Wüste bekommen. Die Erkundungsexpedition wäre ohne sie vielleicht unmöglich gewesen.“

Hadji Ali zuckte die Achseln. „Sie fühlen sich hier zu Hause, genau wie ich. Was für den einen Mann eine Wüste ist, Leutnant …“ – er strich mit seinem Arm über den Horizont – „ist für einen anderen ein Meer.“

Der Leutnant lächelte. Er ritt schweigend und beobachtete Mayas lockere, leichte Schritte. Hadji amüsierte sich über die Bewunderung des Mannes und begann selbst, sich auf die Bewegungen des Kamels zu konzentrieren. Ihr Kopf und ihr Hals wippten bei jedem Schritt so unbekümmert, als würde sie zum Vergnügen einen Nachmittagsspaziergang machen und sich nicht mitten auf einer Wanderung von mehr als tausend Meilen befinden. Wenn Maya es wüsste, dachte Hadji, würde es für sie keinen Unterschied machen.

Sie ging einfach, weil es das war, wozu sie geboren war.

****

Er hatte weder ein Maultier noch ein Pferd.

Und hier gibt es auch keins, das zu stehlen sich lohnen würde.

Hadji ließ seinen Blick über die Reihe von klapperigen Eseln und sonstigen Reittieren schweifen, die vor der Taverne angebunden waren. Die Nacht war klar und der Mond hell. Der Minenarbeiter sagte, es wäre drei Tage entfernt. Hadji würde es in zwei schaffen, vielleicht sogar in weniger. Er würde zu Fuß dorthin gehen und laufen, wenn es möglich war. Es spielte keine Rolle, dass sein Körper mehr als siebzig Jahre lang Entbehrungen ertragen hatte. Er war zäh. Da konnte man jeden Soldaten oder Frachtführer fragen, der mit ihm zusammengearbeitet hatte.

Er eilte zu der Hütte, in der er schlief und seine wenigen Habseligkeiten aufbewahrte. Sie war ein Lagerraum gewesen, der zu einer Mine gehörte, die vor Jahren aufgegeben worden war. Mittlerweile neigte sie sich bedenklich und bestand sie nur noch aus einem Dutzend krummer Wandbretter voller Risse, die an verrosteten Nägeln hingen.

Drinnen durchsuchte Hadji einen Haufen und fand seine Feldflasche. Eine Dose mit weißen Bohnen und ein Messer vom Regal wanderten in einen zerschlissenen Rucksack. Er verharrte und suchte den Lehmboden ab, der in blassen Streifen vom Mond erhellt wurde. Er nahm seinen Gebetsteppich, der zusammengerollt in der Ecke stand, befestigte ihn an den Lederschnüren seines Rucksacks und stahl sich davon. Er ging an der kleinen Ansammlung von Gebäuden vorbei, die jemand einfallslos Quartzsite genannt hatte, vorbei an der Taverne, wo die letzten Gäste sich an der Tür aufhielten. Hadji blieb an einem Wassertrog stehen, um die Feldflasche aufzufüllen, schaute vorsichtig über seine Schulter und schlich dann die im Schatten liegende Straße entlang und hinaus in die raue, von Steinen übersäte Weite der Wüste.

****

Etwas weckte ihn, aber er wusste nicht, was. Hadji rieb sich die Augen und setzte sich auf. Er sah nichts als Felsen und windgepeitschten Sand, der mit glitzernden Quarzsplittern gesprenkelt war. Skelettartige Ocotillostängel rasselten bei jedem Windstoß. Er erinnerte sich nicht daran, am Fuße des knorrigen Saguaro Schutz gesucht zu haben, der über ihm aufragte. Sein Blick wanderte nach Osten, wo die Bergwände rot-orange glühten. Sonnenuntergang!
Hadji wandte sich dem Horizont im Westen zu. Die feurige Sonnenscheibe war zur Hälfte hinter den Hügeln versunken. Er suchte wie wild nach seinem Rucksack und fand ihn einige Meter entfernt unter einem dürren Kreosotbusch. In großer Eile krabbelte er zu ihm hinüber und löste die Schnüre, damit er den Gebetsteppich greifen konnte. Als das geschmolzene Rot im Westen an Kraft verlor, breitete Hadji den Teppich auf dem Sand aus, um das Mahghrib zu beten. Wie viele Tagesgebete hatte er auf dieser Reise versäumt?

Seit lange vor dem Morgengrauen war er unterwegs gewesen, langsamer und schneller, schneller und langsamer, fast ohne einmal anzuhalten. Spät am Nachmittag musste ihn die Erschöpfung übermannt haben. Er hatte keine Erinnerung daran, sein Gepäck fallen gelassen oder sich hingelegt zu haben.

Hadji erhob sich vom Gebetsteppich und kramte die Bohnen und das Messer aus dem Rucksack. Er öffnete die Dose und brach ein Blatt von einer Agave in der Nähe ab, um es als Löffel zu verwenden. Seit dem Vortag hatte er nichts mehr gegessen, und die Bohnen waren, obwohl nicht aufgewärmt, ein Festmahl für seinen leeren Magen. Als er fertig war, nahm er einen langen Schluck aus der Feldflasche und stand auf.

Im Dunkeln würde er Al-Sharood niemals finden. Aber für kurze Zeit gab es noch ausreichend Licht, um weiterzugehen. Hadji drehte sich langsam einmal im Kreis und suchte die Landschaft ab. Er trank nochmals und verstaute die Feldflasche. Hadji legte die Hände wie einen Trichter vor den Mund, blickte zu den Bergen hinüber und gab einen teils gesungenen und teils ausgestoßenen Schrei von sich, Alheda'a … den für jeden Kameltreiber einzigartigen Kamelruf. Die bebenden, uralten Töne aus Hadjis Heimatland erschallten in all ihrer Ursprünglichkeit und Klarheit über der Wüste.

Wird sich Al-Sharood erinnern?

Er wiederholte den Ruf immer und immer wieder, aber kein Kamel erschien. Der Wind trug keine Antwort herüber, kein Grunzen und kein Brüllen.

Hadji warf sich den Rucksack über die Schulter und setzte seinen Weg zu der noch viele Meilen entfernten Bergkette fort. Auf den gespaltenen Gipfel zu, der die Form der Schwanzfedern eines Adlers hatte.

Ich komme, alter Freund. Ich komme.

1869

Gila Bend. Ein Ort, so gut wie jeder andere.

Hadji Ali ritt auf Maya und führte ein mit Seilen miteinander verbundenes weiteres Dutzend Kamele in die dunkler werdenden Berge von Sonora. Was Wüsten anging, war sie gastfreundlicher als die meisten, die er gesehen hatte. In den Vertiefungen und auf den felsigen Klippen gab es reichlich Futter und Schutz. Es war das Beste, was er für sie tun konnte. Dennoch wuchs seine Verzagtheit mit jedem Schritt. Er blickte zurück auf die Reihe der einhöckerigen Dromedare und der Trampeltiere, deren zwei zottelige Höcker beim Gehen wackelten. Braun, gelbbraun, gelb, rotbraun. Die frühe Dämmerung dämpfte ihre Farben, aber er kannte sie auswendig. Sie waren allesamt alte Freunde für ihn.

Die Kamele bewährten sich auf Edward Beales Expedition zur Erkundung einer Wagenstraße. Doch dann war der Bürgerkrieg gekommen, und der Fokus der Regierung verlagerte sich von der Erforschung auf das Überleben, als das Land in Nord und Süd zerrissen wurde. Einige Kamele wurden in die Wildnis entlassen, andere an potenzielle Frachtführer verkauft. Hadji Ali war einer der ersten Käufer in der Schlange.

Er lieferte Salz und andere Vorräte an Bergbaulager. Wasser an Postkutschenstationen. Beförderte Post. Aber genau wie er passten die Kamele nie richtig in die Umgebung. Pferde hatten Angst vor ihnen. Ebenso Maultiere, Esel und Schweine. Wie oft hatten sie schon für Chaos und Zerstörung gesorgt, nur weil sie durch eine Stadt oder auf einer Postkutschenroute gingen?

Im Gegensatz zum weichen Sand der Wüste, aus der sie kamen, war dieses Land steinig und hart für die Hufe der Kamele. Hadji fertigte Schuhe aus Sackleinen an, aber sie halfen nur wenig.

Das großartige Kamel-Experiment der US-Armee war ein Fehlschlag. Es gab jetzt eine Eisenbahn, die den Osten mit dem Westen verband. Die Regierung brauchte seine nützlichen Tiere nicht mehr, um bei der Erkundung von Routen zum Pazifik zu helfen.

Sie rasteten in einem breiten Tal, wo Unmengen von Salbeibüschen die Rauheit des Landes milderten. Schwaden von Wildblumen des späten Frühlings blühten zwischen den riesigen Saguaros. Goldene Mohnblumen, violetter Eulenklee. Sogar die stacheligen Polster des Feigenkaktus zu seinen Füßen trugen hübsche Blüten in Rosa oder Gelb.

Hadji stieg ab und rief die Kamele zu sich. Einem nach dem anderen löste er die Seile und nahm er ihnen die Halfter ab. Er rieb ihnen die Nasen und Ohren und sprach ihre Namen aus, während er ging.

„Ach ja, du warst immer die Königin der Karawane, schöne Maya. Es war mir eine Ehre, dir zu dienen. Soughan, Tayyara … meine schnellsten Kamele. Ihr könnt jetzt soweit laufen, wie ihr wollt. Oh, weiser Salouf, der selbst im trockensten Land immer Trinkwasser finden konnte. Aklu, gab es überhaupt etwas, das du nicht fressen würdest? Ha, sieh dir all diese Blumen an, an denen du knabbern kannst! Aber friss nicht den Kaktus, hörst du?“

Die Kamele antworteten, indem sie ihn mit ihren Nasen anstupsten und freundlich grunzten, und sie blieben in der Nähe, obwohl sie vom Seil befreit waren. Hadji setzte seinen Weg entlang der Reihe fort.

„Al-Sharood, groß und rot, immer so schwer einzufangen! Du bist jetzt frei, mein Ausreißer.“

Als das letzte Kamel freigelassen dastand, stellte Hadji sich auf einen flachen Felsen.

„Ihr könnt jetzt gehen, meine Getreuen. Yadhhab! Geht!“ Er wedelte mit den Armen, dann klatschte er laut in die Hände. „Yadhhab!“

Sie liefen nicht los, sondern drehten sich um, immer nur ein paar zur gleichen Zeit, und entfernten sich vom Kreis der Herde. Hadji winkte und rief immerzu, und schließlich trabte Tayyara in eine Senke und verschwand aus dem Blickfeld. Die übrigen zerstreuten sich, meist in die Richtung, in die Tayyara gegangen war.

Hadji blieb noch etwas länger auf dem Felsen und beobachtete sie. Als er sich sicher war, dass sie nicht mehr zurückschauten, drehte er ihnen den Rücken zu und machte sich auf den Weg zu seinem Lager. Um nicht von Verzweiflung erdrückt zu werden, zwang er sich, nur auf die Geräusche um ihn herum zu achten … das stakkatoartige Zirpen des Kaktuszaunkönigs, die zitternden Schreie von Turmfalken über ihm, das aufgeregte Gespött eines Regenpfeifers, als Hadji in der Nähe seines Nestes auf dem steinigen Boden ging. Das Knirschen seiner Stiefel, das Keuchen seiner Atemzüge, ein und aus. Die Laute des Alleinseins.

****

Er taumelte jetzt mehr, als dass er ging, und nachdem er in der Dunkelheit in einen Feigenkaktushaufen nach dem anderen gestolpert war, nahm er die Stiche ihrer Stacheln kaum noch wahr. Seine Atemzüge waren schwer und unregelmäßig, und seine Lungen brannten jedes Mal, wenn er die kalte Luft einsog.

Sollte anhalten und mich ausruhen … werde ihn so auf gar keinen Fall finden. Noch eine Meile …

In lichten Momenten dachte er an die Wendungen in seinem Leben seit dem Abend, an dem er die Kamele freigelassen hatte. Er hatte sich als Goldschürfer versucht. Die Armee setzte ihn ab und zu als Maultierfrachtführer ein. Und dann war da noch Gertrudis. Er erfuhr nie, warum sie einwilligte, ihn zu heiraten. Nach neun Jahren und drei Kindern konnte er das häusliche Leben nicht länger aushalten und verließ er seine Familie – keine Entscheidung, auf die er stolz war.

Wann habe ich dich das letzte Mal gesehen, süße Gertrudis? Vor drei Jahren? Vor vier? Tucson. Ich habe dich angefleht, mich zurückzunehmen. Natürlich hast du nein gesagt. Ich mache dir keine Vorwürfe, mein Schatz. Ich bin deiner Liebe oder deiner Vergebung nicht würdig.

Hadjis alter Körper schrie nach Ruhe. Er kam an einen Felsvorsprung und blieb stehen. Als er in seinem Rucksack kramte, fanden seine Finger ganz unten ein paar Schwefelhölzer. Er sammelte abgestorbene Hartholzzweige, hatte bald ein Feuer am Brennen und grub neben den Felsen ein flaches Bett in den Sand. Das Feuer würde nicht die Nacht brennen, aber zumindest würde er eine Weile warm schlafen.

Als er die Augen schloss, wanderten seine Gedanken von der Vergangenheit in die Gegenwart, alles eine verschwommene Zeitlinie. Es gab kein Damals oder Heute. Es gab nur diesen Moment unter diesen Sternen, neben diesem knisternden Feuer.

Ach, Al-Sharood, wie ist es dir im Laufe der Jahre ergangen? Auch du bist jetzt ein alter Mann. Bist du einsam? Bist du, wie ich, dazu verdammt, wie ein Schiff, dessen Anker sich gelöst hat, auf diesem Meer aus Sand umher zu treiben?
 
****

Ein Windstoß blies Sand in Hadjis Gesicht. Wach geworden öffnete er die Augen halb und hielt seinen Unterarm vor sie.

Im Dezember? Es war spät für einen Sandsturm, aber die Hitze der letzten paar Tage und die Kälte, die über Nacht einzog, waren eine deutliche Einladung für einen Haboob. Hadji war stolz darauf, dass die Einheimischen den arabischen Namen verwendeten.

Schon wehte Sand gegen seinen Körper, und seine Zähne knirschten und seine Augen schmerzten. Er stand auf, schüttelte sich und zog sich den Rucksack über die Schulter. Er konnte die Berge nicht sehen, aber da er wusste, dass der Wind aus dem Westen kam, begann er, mit dem Rücken zum Wind zu gehen. Innerhalb einer Stunde wurde der Sturm schlimmer, und im Wirbel des auf ihn einprasselnden Sandes verlor er die Orientierung. Mit ausgestreckten Händen schritt er vorsichtig voran, in der Hoffnung, dass er sich in einer geraden Linie bewegte. Sein einziger Segen war, dass die Wucht des Windes, sofern sie ihn nicht zu Boden warf, seinen müden Körper vorwärts beförderte.

Seine Finger berührten Gestein, obwohl er es nicht sehen konnte. Er benutzte beide Hände, um seinen Weg zu ertasten. Er erkundete die Oberfläche erst auf der rechten, dann auf der linken Seite. Es war ein einzelner Felsbrocken, dachte er, und er klopfte auf ihn, bis er rechtwinkelig um eine Ecke führte. Hadji folgte der Kontur des Felsbrockens und stellte erleichtert fest, dass er nochmals um eine Ecke führte und somit in seiner Aushöhlung Schutz auf der dem Wind abgewandten Seite bot.

Das Heulen des Windes war nicht weniger geworden, aber wenigstens wurde er nicht mehr von Sand und Wüstenteilchen verschlungen. Hadji spuckte den Sand aus, der in seinem Mund backte, und nahm einen Schluck aus der fast leeren Feldflasche. Sein Atem kam in kurzen keuchenden Stößen. Er sackte gegen den Felsen und bedeckte sein Gesicht mit den Händen, dann ließ er sich auf sein Gesäß sinken. Er wusste, dass er nicht mehr weitergehen konnte.

Sein Kopf und seine Brust schmerzten, und ein schrilles Klingeln erfüllte seine Ohren. Irgendwie wusste er, dass er nicht mehr lange bei Bewusstsein bleiben würde.

Was sollte er tun, was sollte er tun?

Es war, wie es sein sollte. Er war in der Wüste geboren worden, wenn auch weit weg von diesem Ort, und er hatte sein Leben damit verbracht, durch ihre Schluchten, Senken und Dünen zu wandern. Sie waren eins, er und der Sand und die Sonne und der Wind. Jetzt würde er ihnen seinen Körper anvertrauen.

Hadji hob die Feldflasche auf und trank den letzten Schluck Wasser, um sich auf sein Sterbegebet vorzubereiten. Doch bevor er sich nach Osten hinkniete, versuchte er die Wand aus braunem Staub mit seinem Blick zu durchdringen. Ein letztes Bestreben regte sich tief in seinem Innersten. Er holte tief Luft, hielt wieder die Hände wie einen Trichter an den Mund und ließ seinen Kameltreiberruf heraus, den, der ihm allein zueigen war, den nur seine Kamele kannten.

Zuerst das Stakkato, ah uh eh eh eh eh, dann das uralte Klagelied, das er von seinem Vater gelernt hatte. Seine Stimme war schwach und ein wenig rau, aber er sang es trotzdem … zweimal, dreimal … eine zitternde, eindringliche Melodie mit Worten in einer Sprache, die er kaum gehört hatte, seit er vor fast fünfzig Jahren sein Zuhause verlassen hatte. Der Ruf wurde vom unaufhörlichen Wind verschluckt, aber Hadji spürte, wie sich Frieden über ihm ausbreitete, weil er ihn gesungen hatte. 

Mit zitternden Händen band er den Gebetsteppich los und rollte ihn auf dem Sand aus. Er konnte nur Bruchstücke des Gebets hören, denn seine Worte wurden vom Sturm weggefegt.

Ich habe Allah als meinen Herrn angenommen. Ich glaube, dass die Stunde des Jüngsten Gerichts gewiss kommen wird, an der es keinen Zweifel gibt; und dass Allah alle, die in ihren Gräbern sind, auferwecken wird. Ich glaube, dass die Abrechnung über unsere Taten die Wahrheit ist. Alles Lob gebührt Allah, dem Herrn des Universums.

****

Ein warmer Lufthauch kitzelte Hadjis Nacken, dann eine Berührung … weich und zärtlich wie der Kuss eines Kindes. Mit immer noch geschlossenen Augen hob er seinen Kopf. Dann berührte die sanfte Wärme seine Stirn.

Du heißt mich zu Hause willkommen, Allah!

Hadji faltete seine Hände und öffnete langsam die Augen, im Ungewissen darüber, welche himmlische Pracht er gleich zu Gesicht bekommen würde. Stattdessen schwebte nur wenige Zentimeter vor seinem Gesicht eine große samtige Schnauze. Nasenlöcher in Form von Schlitzen trafen auf eine vertikale Linie, und diese bildeten zusammen ein Ypsilon, das zu einem rautenförmigen Maul hinunterführte, das sich zu etwas krümmte, das wie ein Lächeln aussah.

Das Lächeln eines Kamels.

Die Luft war noch immer braun und voller Staub, und Hadji blinzelte zu dem Gesicht und zu der Gestalt, die undeutlich über ihm sichtbar wurde. Er war sich sicher, dass es ein Traum sein musste. Dann, in einer Pause zwischen zwei Windböen, strömte eine Welle schweren, moschusartigen Geruchs herein. Dies war kein Traum.

Hadji schlang seine Arme um den Hals des Kamels und bemühte sich, auf die Beine zu kommen. Er lachte und weinte zugleich. Ja, er war verfilzt, vernarbt und nicht gut genährt, aber es war ohne jeden Zweifel Al-Sharood! Hadji streichelte das rote Fell, das in Fetzen über dem Hals und dem Leib des Kamels hing, und untersuchte ihn, so gut er konnte. Eine kahle Stelle von der Größe eines Tellers befand sich auf der Schulter… eine alte Verletzung, die verheilt war. Seine Schnauze war vom Alter weiß geworden, und an allen vier Beinen waren narbige Streifen zu sehen.

„Wir bieten schon einen bedauernswerten Anblick, wir beide“, sagte Hadji und kicherte. Ihm wurde bewusst, dass er sich nicht nur aus Freude an Al-Sharoods Hals festhielt, sondern auch, um einen Halt zu haben. Er war bis ins Mark erschöpft, und diese Erschöpfung durchdrang alle seine Glieder, und ihm war schwindelig. Hadji bückte sich, ergriff den Gebetsteppich und rollte ihn pflichtbewusst zusammen. Er legte ihn auf den Rucksack.

Ohne dass er sich bewusst dazu entschlossen hatte, sackte Hadjis ausgelaugter Körper in sich zusammen. Mit dem Rücken gegen den Felsbrocken blieb er sitzen. Er schien nicht genug Luft bekommen zu können.

Al-Sharood kam näher und stupste wieder an Hadjis Stirn. Seine Vorderbeine knickten nach vorne ein, und er senkte den vorderen Teil seines Leibs auf den Boden ab. Das Kamel stöhnte und grunzte, als seine Gelenke sich beugten. Als nächstes knickten die Hinterbeine unter dem Leib ein, und das Kamel lag nun flach auf dem Bauch im Sand. Er streckte seinen langen Hals nach vorne und legte seinen gewaltigen Kopf auf Hadjis Schoß.

„Mein hübscher Ausreißer. Es ist … so wunderbar, dich zu sehen, mein Junge.“ Er streichelte das Fell an Al-Sharoods Wange.

„Nicht gerade ein gutes Benehmen von dir … diesem alten Minenarbeiter einen Schrecken einzujagen. Eine Zunge aus Feuer! Er hatte große Angst … war gar nicht mehr bei Sinnen.“

Er wusste, dass er nicht sprechen sollte, nicht sprechen konnte.

Die Wucht des Haboob hatte etwas nachgelassen, aber Hadji wusste, dass sie wieder zunehmen könnte. Er wusste auch, dass er diesen Ort nicht lebend verlassen würde. Aber sein Herz floss über.

Hadjis Arme umschlossen Al-Sharoods riesigen Kopf, und er streichelte weiterhin kraftlos das Gesicht und die Ohren des Kamels. In beiden müden alten Körpern wurden Atem und Herzschlag langsamer.

Es war, wie es sein sollte. Sie waren ebenso ein Teil der Wüste wie die Felsen und der Sand. Sie hatten viele Stürme erlebt und wussten, dass sie immer irgendwann ein Ende nehmen. Hadji beruhigte das Kamel mit Worten, an die nur sie sich erinnerten, und Al-Sharood schmiegte sich enger an seinen alten Meister und Freund, während beide darauf warteten, dass ein allerletzter Sturm vorüberzog.

© für die deutsche Übersetzung: Reinhard Windeler, 2025

Wir danken der Autorin für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung dieser Übersetzung.

Grabmal von Hadji Ali

Anmerkung des Übersetzers:
Die vorliegende Geschichte beruht auf wahren Geschehnissen. Nicht nur die Beale-Expedition hat tatsächlich stattgefunden, auch Hadji Ali hat tatsächlich gelebt. Vermutlich 1828 wurde er als Sohn griechisch-syrischer Eltern in Smyrna, dem heutigen İzmir, geboren. Als junger Erwachsener konvertierte er zum Islam und änderte seinen Namen von Philip Tedro zu Hadji Ali. Dieser Name wurde in Amerika tatsächlich zu „Hi-Jolly“ verballhornt. Die Heirat mit Gertrudis Serna fand 1880 in Tucson, Arizona, statt. Im Dezember 1902 starb er zwischen Wickenburg, Arizona, und dem Colorado River. Der Legende nach fanden zwei Cowboys ihn zusammen mit einem entlaufenen Kamel, um dessen Hals er seine Arme gelegt hatte, als offensichtliche Opfer eines Sandsturms.
Im Jahre 2019 hatte die aus Serbien stammende Schriftstellerin Téa Obreht Hadji Ali bereits zum Vorbild für eine der Figuren ihres Romans „Inland“ (dt.: Herzland; 2021) genommen.


Sonntag, 1. Dezember 2024

McKEE - Die Rückkehr meines Großvaters


Die Rückkehr meines Großvaters 

von Vonn McKee

(Orig.: „The Gunfighter's Gift“, 2014; übersetzt von Reinhard Windeler)


Vonn McKee ist das Pseudonym einer Autorin (Jahrgang 1959), die im Tal des Red River in Louisiana aufwuchs und die Sommer in Minnesota verbrachte, woher ihr Vater stammte. Angeregt durch ihren Großvater besaß sie mit Achtzehn eine vollständige Sammlung der Romane von Zane Grey, von denen sie ebenso inspiriert wurde wie von den Geschichten ihrer Großmutter, die ihre Kindheit auf der Dakota-Prärie verbracht hatte. Mittlerweile lebt sie in Nashville, Tennessee.
 
Unter ihrem Geburtsnamen war sie bereits seit mehr als dreißig Jahren als Country-&-Western-Sängerin und -Songschreiberin etabliert, als sie begann, sich mit Kurzgeschichten auch literarisch im Western-Genre zu betätigen. Ihr Debüt (The Songbird of Seville) war 2015 sofort ein Spur-Award-Finalist, die hier präsentierte Story kam im selben Jahr beim Peacemaker Award ebenfalls in die Endausscheidung. Beide Stories befinden sich zusammen mit sechs weiteren Kurzgeschichten in dem Sammelband „Comanche Winter and Other Stories of the West“, der 2020 erschien.

________________________________________


Der Fremde ritt langsam, so, als ob er schon tausend Meilen geritten wäre. Für mich schien es, als sei er aus dem Nichts aufgetaucht, eine plötzliche Silhouette vor dem Nachmittagshimmel im Juli. Der alte Jumper erhob sich von seinem sandigen Platz am Ende der Veranda und ließ ein tiefes Knurren hören.

Es war mein sechzehnter Geburtstag. Wir waren gerade mit dem Pfundskuchen fertig, den es bei uns nur zu besonderen Anlässen gab. Ma stand da, mit drei Blechtassen in den Händen, die noch kühl von dem Apfelsaft waren, den wir getrunken hatten. Daddy setzte die Vorderbeine seines zurückgekippten Stuhls sachte auf die Verandabretter. Er hielt eine Hand über seine Augen und blinzelte in ihrem Schatten in die Richtung, in die Jumpers Schnauze wies.

Als der Besucher den Chugwater-Bach durchquerte, konnten wir sehen, dass er von schlanker Statur war und einen großen hellen Stetson trug, unter dem sein Gesicht im Schatten lag. Er ritt einen stämmigen Pinto. Daddy stand auf und verschränkte seine Arme.

„Wer ist es, Henry?“ fragte Ma und schaute dabei zunächst zu ihm, dann zu mir. „Kannst du das von hier aus erkennen? Willie?“ Daddy sagte nichts. Er stand nur da und runzelte die Stirn. Ich zuckte die Achseln.

Als der Reiter an der Reihe von Mas Malven am Rande des Hofs vorbeikam, bellte Jumper und wollte losrennen, aber Daddy rief ihn zurück. Der Mann war älter, als ich zuerst angenommen hatte. Er hatte ein dunkles wettergegerbtes Gesicht. Ich erinnere mich, dass ich dachte, dass er für sein Alter sehr gerade im Sattel saß.

Er stieg in einer Art und Weise von seinem Pinto ab, als bereitete ihm jedes Gelenk in seinem Körper Schmerzen. Dann ging er bis auf etwa drei Meter auf die Veranda zu und nahm seinen Hut ab. „Henry. Florence. Gut seht ihr aus“, sagte er.

Ich war völlig geplättet. Ich sah zu Daddy, und sein Gesicht war rot; seine Kiefer waren aufeinander gepresst und arbeiteten. Ma sah einfach nur besorgt aus. Die Haare auf Jumpers Rücken standen zu Berge, aber er blieb, wo er war, und beobachtete.

Der Mann kam an den Rand der Veranda, wo ich stand und meinen Arm um einen Pfosten gelegt hatte. Er schaute mir direkt ins Gesicht, griff in seine Hemdtasche und holte eine blaue Schachtel heraus. Sie war ziemlich lang und flach. Er reichte sie mir. Ich habe immer noch das Bild vor mir, wie er mit seinen grauen Augen in meine blickte. Augen, die aussahen, als könnten sie hart und mitleidlos sein, wenn es nötig war, aber an jenem Tag kräuselten sich kleine Falten an ihren Enden… die vielleicht sogar ein bisschen eingerissen waren. Ich nahm die Schachtel aus seinen Händen und las den Namen, der in silberner Schrift auf ihm stand… „Borsheim’s“, und darunter, kleiner geschrieben, „Omaha“.

„Alles Gute zum sechzehnten Geburtstag, Wilhelmina“, sagte er mit einer Stimme, die weich und rauh zugleich war.

Ohne mich auch nur mit einem Blick zu Ma zu vergewissern, dass es in Ordnung war, oder mich darüber zu wundern, wieso er meinen Namen kannte, nahm ich den Deckel von der Schachtel, und da war sie, die erste Perlenkette, die ich jemals zu Gesicht bekommen hatte. Die Perlen sahen wie wunderschöne kleine Vollmonde aus, cremefarben und mit rosafarbenen, gelben und blauen Sprenkeln, wo das Sonnenlicht mit ihnen spielte.

„Ich weiß, du erinnerst dich nicht mehr an mich, Skeeter“, sagte er. „Ich habe dich nicht mehr gesehen, seit… meine Güte, seit…“

„Seit sie drei Jahre alt war“, sagte Daddy. Er klang nicht sehr erfreut, den Mann zu sehen.

Der alte Mann wandte sich Daddy zu. „Drei Jahre alt. Richtig. Du hattest schon immer ein gutes Zahlengedächtnis, Henry.“

„Ich habe ein gutes Gedächtnis für viele Dinge. Viele, die nicht schön waren. Also, was führt dich hierher, Pap?“

Pap! Ich hätte es mir denken können. Über ihn wurde in unserem Haus nie gesprochen, aber ich hatte ein Foto von ihm auf der Kommode meiner Großmutter Ellen gesehen. Er sah aus wie mein Daddy, nur sehr jung … und mit einem Lächeln. Nach Grandmas Tod sah ich das Bild nie wieder. Hatte er mich immer Skeeter genannt?

„Tja, ich schätze, ich habe getan, wofür ich hergekommen bin“, sagte Pap. „War mir nicht sicher, dass ich es rechtzeitig schaffe. Sieht so aus, als hätte ich die Feier verpasst.“

Daddy schnaubte. „Oh, du würdest doch niemals eine Feier verpassen, oder?“ Ich zuckte zusammen, als er in diesem Ton sprach. Pap lächelte irgendwie und senkte seinen Blick auf den staubigen Boden. Er nickte leicht mit dem Kopf, als hätte er die harsche Antwort erwartet.

„Nein, Sohn. Es gab Zeiten … vor langer Zeit, genau genommen … da wär’s mir nicht passiert. Ich weiß, dass es für dich nichts bedeutet, aber ich habe mit alldem abgeschlossen.“ Er setzte seinen Hut wieder auf und hakte seine Daumen hinter die vorderen Gürtelschlaufen. Er sah aus, als hätte er eine Menge zu sagen, wusste aber nicht, wie er anfangen sollte. Schließlich sagte er: „Na dann. Ich werde dann ’mal gehen.“

„Du… Musst du noch woanders hin, Pap?“ Es war Ma. Sie hatte immer noch ihre Finger in den Henkeln der Tassen. Daddy warf ihr einen warnenden Blick zu, aber ihre Augen waren weiter auf den Mann gerichtet, der auf ihrem Hof stand.

„Eigentlich nicht, Florence. Nein. Aber das ist schon in Ordnung. Ich muss weiter. Trotzdem Danke. Das ist nett von dir.“

Wie Ma nahm auch ich meinen Mut zusammen. „Wir haben noch etwas Kuchen übrig. Ich würde mich freuen, wenn du ein Stück mit uns essen würdest“, sagte ich.

Daddy sah man an, wie es in ihm arbeitete, so wie er manchmal aussah, wenn Ma und ich ihn bei etwas überstimmten. „Pap, um Himmels willen, du kannst genauso gut über Nacht bleiben“, sagte Ma. „Bis Cheyenne sind es vierzig Meilen. Und du musst nicht auf dem Boden schlafen, wenn du hier Verwandtschaft hast.“

Pap biss sich auf die Lippe. Vermutlich wartete er darauf, dass Daddy etwas sagte. Daddy sah Pap nur an und winkte ab, als hätte er nichts mit der Entscheidung zu tun.

„Ich kann in der Scheune bleiben. Wie wäre das?“ sagte Pap. Und davon ließ er sich nicht abbringen, egal, wie sehr Ma sich auch aufregte.

Ich holte ihn ein, bevor er den Pinto in die Scheune brachte. Ich drückte die Schachtel von Borsheim an meine Brust. „Pap! Ich wollte nur … na ja, ich wollte mich bei dir für die Halskette bedanken. Sind die Perlen …“ Plötzlich war es mir peinlich. „Sind das wirklich echte Perlen?“

Pap grinste mich an, als ich rot wurde. „Ja, Ma’am. Jede einzelne von ihnen ist eine echte Perle, Skeeter. Genau wie du.“

***
Aus Paps Nacht in der Scheune wurden Wochen. Er bat nicht darum, bleiben zu dürfen. Ma bestand einfach darauf. Und er weigerte sich weiterhin, im Haus zu schlafen. Wir konnten sehen, dass Pap nicht bei bester Gesundheit war. Ohne den großen Stetson sah er irgendwie gebrechlich und gebeugt aus. Komisch, wie sich all das veränderte, wenn er auf einem Pferd saß.

Er und ich begannen, morgens gemeinsam auszureiten, nachdem ich die Hühner gefüttert und meine anderen Aufgaben erledigt hatte. Pap half mit, wenn er Lust dazu hatte, wahrscheinlich sogar dann, wenn er keine hatte. Ma verhielt sich so, als wäre er schon immer ein Teil des Haushalts gewesen, aber Daddy, nun ja, er war ganz anders gestrickt. Er sagte nie viel, wenn Pap dabei war, was für einige stille Mahlzeiten sorgte.

Eines Tages ging ich gleich nach dem Abendessen nach draußen, um Jumper mit den Essensresten zu füttern. Pap hatte sich ins Heu gelegt, könnte man wohl sagen. Ich hörte, wie Ma drinnen im Haus etwas mit ihrer Jetzt-hör-mal-zu-Stimme sagte, obwohl ich die Worte nicht verstehen konnte. Es dauerte nicht lange, bis Daddy sie fußstampfend unterbrach und sie eine nette Meinungsverschiedenheit hatten. Ich blieb draußen, wo es sicher war.

„Du warst nicht dabei, Florence. Du hast nie gesehen, wie er meine Mutter herumschubste, mir eine Ohrfeige verpasste oder das Schwein gegen eine Flasche Whiskey eintauschte. Du hast nicht gehört, wenn auf dem Schulhof geflüstert wurde, dass dein Pa sein Schießeisen für Geld vermietet …“

Bevor ich noch mehr hörte, machte ich mich auf den Weg zum Hühnerstall. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass der alte Pap etwas von diesen Dingen getan hatte. Na ja, vielleicht die Sache mit dem Schießeisen. Er hatte einen Colt Equalizer an einem Haken direkt neben seinem Bett im Heu und seinen Decken hängen. Es sah wirklich nicht wie ein Spielzeug aus. Aber gemein zu Grandma und Daddy sein … das hielt ich für ausgeschlossen.

Hühner haben mich immer beruhigt, wenn ich aufgeregt war. Sie hatten sich bereits auf die Stange gesetzt und fragten sich zweifellos, was ich dort machte. Ich streichelte ein paar von ihnen über den Rücken. Ihr weiches Gefieder und ihre halbgeschlossenen Augen taten ihr Übriges, und schließlich hörte ich so weit auf zu zittern, dass ich zum Haus zurück gehen konnte. Ma und Daddy waren auf der Veranda und riefen nach mir.

***



Weißt du, ich habe nie viel für gescheckte Pferde übrig gehabt.“

Pap und ich waren ausreiten. Das Gras reichte fast bis zu unseren Steigbügeln und war hoch genug für die Heuernte. Ich wusste, dass ich in höchstens ein paar Tagen hier draußen sein und Daddy helfen würde.

„Was hast du gegen gescheckte Pferde?“ sagte Pap.

Ich betrachtete seinen Pinto eingehend. „Nun… ich will niemanden beleidigen. Es scheint einfach so, als würden die Flecken die Linien des Pferdes stören. Das alles lenkt so sehr ab, dass man nicht viel über seinen Zuschnitt sagen kann. Sieht für mich so aus, als könnte man unter all diesen Flecken ein hübsches Pferd verstecken. Ich schätze, man kann auch ein hässliches darunter verstecken.“ An dieser Stelle hatte ich das Gefühl, etwas zu viel von dem gesagt zu haben, was mir durch den Kopf ging.

„Aber damit meine ich nicht dein Pferd“, fügte ich hinzu. „Er ist ein hübscher Kerl.“

Pap lachte. „Ich bin nicht beleidigt, Skeeter. Aber ich schätze, damit hat sich eine Sache erledigt.“

„Was für eine Sache?“

„Ich werde mein Pferd wohl nicht dir hinterlassen, wenn ich sterbe.“

Bevor ich antworten konnte, gab er dem Pinto die Sporen, und der schnellte davon wie ein Rennpferd. Ich stieß meinem Puck die Hacken in die Seite, und er machte einen Satz nach vorn und ging in einen raschen Galopp über, aber ich wusste, dass wir nie aufholen würden. Als wir die Anhöhe am äußersten Südende unserer Farm erreichten, sah ich Pap, wie er unter einem Cottonwoodbaum stand und den Bauchgurt des Pintos lockerte. Ich saß ab und tat dasselbe bei Puck.

Mir war bis dahin nicht aufgefallen, dass Pap seinen Waffengurt trug. Der Griff des Colt spiegelte sich in der Sonne. Das Holz war an manchen Stellen dunkel gefärbt und glänzte, als wäre es abgerieben worden … und das ziemlich häufig.

„Erwartest du Ärger, Pap? Außer Kojoten und Präriehunden gibt es hier nicht viel. Die Cheyenne waren in letzter Zeit ruhig.“

Pap berührte das Holster und lächelte. „Ich dachte, wir könnten ein paar Tannenzapfen oder so etwas durchlöchern. Schadet einem Mädchen nicht, wenn es schießen lernt.“

Mir wurde etwas flau im Magen. Daddy hatte eine Winchester an der Wand hängen – seinen „Stinktierkiller“, wie er sie nannte –, aber ich durfte sie nicht anrühren.

Pap band die Pferde an einem dicken, tief hängenden Ast des Cottonwood fest. Dann stemmte er die Hände in die Hüften und ließ seinen Blick über die umliegende Landschaft schweifen. Schließlich nickte er in Richtung einer Gruppe krummer Kiefern in dreißig Metern Entfernung.

„Linke Seite“, sagte er. „Drei davon.“ Ich entdeckte den Ast mit drei Zapfen, die am Ende wie ein Hahnenfuß auseinander gingen und im Wind wippten.

Ich sah nicht einmal, wie Pap die Waffe aus dem Holster zog. Ein lauter Knall erfüllte die Luft, gefolgt von einer scharf riechenden Rauchwolke. Puck bäumte sich ein wenig auf und warf den Kopf hin und her. Der Pinto zog mit seinem Maul ungerührt an Grasbüscheln, als wäre er an solche Vorkommnisse gewöhnt. Ich konnte sehen, dass der mittlere Kiefernzapfen am Ast nicht mehr da war, aber die rechts und links davon waren unversehrt.

Während ich noch hinschaute, gab es zwei weitere laute Knallgeräusche kurz hintereinander, und die Kiefernzapfen verschwanden einer nach dem anderen. Ich sah zu Pap hinüber und war überrascht, dass er sich ein wenig geduckt hatte. Der Colt rauchte noch immer in seiner rechten Hand, und er hielt seinen linken Arm zur Seite ausgestreckt und am Ellbogen angewinkelt. Seine Augen waren stark zusammengekniffen. Ich hatte noch nie in meinem Leben einen echten Revolvermann gesehen, aber ich hätte meine Perlenkette darauf verwettet, dass ich gerade einen vor mir sah.

„Pap! Du hast sie ganz schön durchlöchert.“

Im nächsten Moment lächelte er wieder, als wäre nichts geschehen. Er lud die leeren Kammern nach. „Warum probierst du’s nicht auch ’mal?“ Er hielt mir den Colt hin. Ich nahm ihn mit beiden Händen und dachte, dass er sich viel schwerer anfühlte, als er aussah.

„Aber Daddy erlaubt nicht, dass ich …“ Pap beachtete mich nicht und redete weiter. „Hier … halte ihn so, Skeeter. Du hast ja kein Huhn in der Hand.“ Er führte meine Finger um den Griff der Waffe und berührte meinen Zeigefinger. „Halte den für den Abzug frei. Jetzt zieh’ den Hammer mit deinem Daumen zurück.“ Ich musste feststellen, dass ich beide Daumen brauchte, um den Hammer zum Einrasten zu bringen.

Pap zeigte auf eine Kiefer, die etwa auf halbem Weg zwischen uns und derjenigen stand, auf die er geschossen hatte. „Da ist ein großer Haufen Zapfen, die oben herausragen. Sieh direkt am Lauf entlang und visiere sie etwas unterhalb an. Dann drück’ den Abzug.“

Ich versuchte, genau das zu tun, was er sagte. Als Nächstes klingelten mir die Ohren von dem Schuss, und mein Arm fühlte sich an, als wäre er gebrochen. Ich hatte keine Ahnung, was ich getroffen hatte, wenn überhaupt etwas. Höchstwahrscheinlich ein Stück Himmel über Wyoming.

Paps Stimme klang gedämpft. „Nicht allzu schlecht für den ersten Versuch. Wenigstens hast du die Pferde verfehlt. Versuch’s noch einmal. Vielleicht nimmst du auch deine andere Hand dazu.“

Ich hielt den Colt auf Armeslänge von mir weg und legte beide Hände um den Griff. Die Kiefernzapfen schwankten ein wenig im Wind, aber ich versuchte, das Visier unterhalb des Büschels auszurichten.

„Wenn du sie im Visier hast, halte die Luft an, unmittelbar bevor du abdrückst“, sagte Pap. „Komm schon, Skeeter. Nimm den Hurensohn ins Visier.“

Ich wurde glühend rot. Solche Ausdrücke war ich nicht gewohnt. Trotzdem holte ich tief Luft und konzentrierte mich mit aller Kraft auf die Spitze des Visiers. Für eine Sekunde schien es, als gäbe es keinen Laut und nichts anderes auf der Welt außer mir und diesen Kiefernzapfen. Ich drückte den Abzug, diesmal langsamer und gleichmäßiger. Der Schuss erschreckte mich nicht wie zuvor, weil ich nun darauf vorbereitet war.

„Wenn das nicht mein Mädel ist!“ brüllte Pap. Ich ließ den Colt sinken und schaute zur Spitze der Kiefer. Ich sah nur das abgesplitterte Ende eines Astes … keinen einzigen Kiefernzapfen.

Auf dem Heimweg machten wir wieder ein Wettrennen. Pap ließ mich gewinnen, das weiß ich. Als das Haus in Sicht kam, dachte ich, dass es im Chugwater-Tal kein glücklicheres Mädchen gab.

***

Was hatte dieses ganze Schießen zu bedeuten?“ Daddy war auf der Veranda. Er hatte, wie meine Grandma Ellen es immer nannte, „ein Stirnrunzeln im Gesicht wie eine Welle auf dem Ozean“. Ich hatte das Gefühl, ich sollte Pap irgendwie in Schutz nehmen.

„Das war ich, Daddy. Ich habe Pap gebeten, dass er mich auf ein paar Tannenzapfen schießen lässt. Ich habe sogar einen getroffen.“

„Dann nehme ich an, du hast völlig vergessen, dass es nicht erlaubt ist … eine Schusswaffe in die Hand zu nehmen.“

„Ich weiß, dass du gesagt hast, ich sei nicht alt genug. Ich dachte, da ich jetzt sechzehn bin, wäre es vielleicht in Ordnung. Es tut mir leid, Daddy. Ich hätte dich fragen sollen.“

Ich sah Pap an, dass er drauf und dran war auszuplaudern, dass es seine Idee gewesen war. „Vielleicht kannst du das nächste Mal mitkommen“, sagte ich in der Hoffnung, Pap zuvor zu kommen und vielleicht Daddys Mütchen abzukühlen.

Daddy schaute von mir zu Pap. „Ich habe kein Interesse am Schießen. Und ich habe das Gefühl, dass es nützlichere Dinge gibt, die du tun könntest. Warum gehst du nicht rein und hilfst Ma ein bisschen?“

Es beunruhigte mich, die beiden allein zu lassen. Aber ich fügte mich und ging ins Haus. Ma war dabei, Kartoffeln für das Abendessen zu schälen.

„Willie! Alles in Ordnung? Ich habe Schüsse gehört.“

„Pap hat mir gezeigt, wie man mit einer Pistole schießt.“ Über dem Feuer hing ein kleiner Kessel, der mit Wasser für die Kartoffeln gefüllt war. Ich rührte mit einem Schürhaken in dem brennenden Holz. „Hast du jemals geschossen, Ma?“ Aus irgendeinem Grund musste ich an Paps Redewendung Nimm den Hurensohn ins Visier denken, und das entlockte mir ein Lächeln.

„Oh nein. Natürlich nicht. Nicht sehr schicklich für junge Damen, meiner Meinung nach.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Ich schätze, hier im Indianerland wäre es vielleicht ganz gut, sich damit auszukennen.“ Es schien, als hätte sie die letzte Bemerkung eher zu sich selbst gesagt als zu mir.

In diesem Moment hörte ich draußen Paps Stimme, lauter als ich sie je zuvor gehört hatte. „… verbringe einfach nur Zeit mit meiner Enkelin“, sagte er.

„Na, ist das nicht hochanständig von dir? Eine verdammte Schande, dass du nie daran gedacht hast, dasselbe mit deinem eigenen Sohn zu tun.“

Ma und ich sahen uns an, dann senkte sie ihren Blick wieder auf ihr Kartoffelschälen, als wäre es ihr peinlich, den Streit mitanzuhören.

Daddy war in Fahrt. „Ich wäre dir dankbar, wenn du Willie nicht deine Schießkünste beibringen würdest. Ich glaube nicht, dass sie weiß, wie viel Geld du und dieser Colt mit dem Töten verdient habt. Zum Teufel, du weißt es wahrscheinlich nicht einmal selbst …“

„Es gibt eine Menge, was du darüber nicht weißt, Henry. Ich habe nie einen Mann erschossen, der es nicht verdient hatte. Ich habe es wegen der ausgesetzten Belohnung getan, nicht zum Spaß, und meistens gab es auch überhaupt keine Schießerei. Im Übrigen bin ich mit all dem fertig.“

Eine Minute lang schwiegen die Männer. Dann sprach Pap wieder, dieses Mal ruhiger. „Henry … ich weiß, dass ich dir ein schlechter Vater war. Ich war auch nicht gut zu deiner Mutter. Damit habe ich bei Tag und bei Nacht gelebt. Erst als ich alles, was ich auf dieser Welt liebte, durch das Whiskeytrinken verloren hatte, gab ich es auf … nur war es da schon zu spät. Ich dachte, ich verbringe meine letzten Tage mit dem, was mir von meiner Familie noch geblieben ist. Mir ist jetzt klar, dass das eine dumme Idee war. Ich werde morgen früh verschwinden, Henry. Es war nett von dir, mich so lange bleiben zu lassen.“

Pap musste wohl zur Scheune gegangen sein. Daddy blieb auf der Veranda und drehte sich eine Zigarette. Ich konnte den Rauch riechen. Wir hatten Kartoffeln und Maisbrot zum Abendessen, nur wir drei.

***

Kurz vor Tagesanbruch brach ein schwerer Sommersturm über die Farm herein. Ich wurde vom Donnergrollen und einem heftigen Wind geweckt, der um die Ecken des Hauses heulte. Staub wehte durch die Türritzen herein. Dann folgte ein laut prasselnder Regen, der nicht vor Mittag nachließ. Das Heufeld im Süden würde warten müssen.

Ich dachte mir, dass Pap bei diesem Wetter nirgendwo hingehen würde, aber ich konnte mir nicht sicher sein, bis der Regen aufhörte. Ich ging, ja, rannte fast, zur Scheune und sprang dabei über Pfützen. Die Sonne war mit aller Macht herausgekommen, und aus dem wassergetränkten Boden stieg Dampf auf. Pap war dabei, den Pinto zu striegeln. Seine prall gefüllten Satteltaschen lagen gleich hinter dem Scheunentor.

„Howdy, Skeeter“, sagte er. „Das war ein ordentlicher Regenschauer, was? Ein, zwei Mal dachte ich, das Dach würde abheben.“

„Irgendwie mag ich Stürme“, sagte ich, „aber Ma tut das nicht. Wenn es stark regnet, strickt sie richtig viel.“

„Hör’ mal, Skeeter …“ Pap hörte auf zu bürsten. „Ich habe beschlossen, nach … nach Cheyenne zu reiten, vielleicht auch ’rüber ins North-Platte-Gebiet, um ein paar Leute zu besuchen, die ich von früher kenne. Die meisten von ihnen sind jetzt alte Rancher. Ich würde sie gerne alle noch einmal sehen, bevor man sie mit den Stiefeln voran ’rausträgt.“

„Ich habe es mitgekriegt.“

Pap sah unbehaglich aus. „Du hast es mitgekriegt.“

„Pap, ich habe mitgekriegt, wie du und Daddy euch gestern gestritten habt. Ich … ich wollte sagen, dass es mir leid tut. Wenn du nicht versucht hättest, mir das Schießen beizubringen, wäre das alles nicht passiert.“

Pap hängte den Striegel an einen Nagel und drehte sich zu mir um. „O Gott, Skeeter. Nichts davon ist deine Schuld. Das geht weit zurück, bis in die Zeit, als dein Daddy noch ein Junge war. Er hat das Recht, wütend auf mich zu sein. Ich war nicht besonders gut zu ihm, auch nicht zu deiner Grandma.“

„Nun, ich denke, er sollte dir verzeihen“, sagte ich. „Das ist lange her und jetzt ist alles anders. Ich möchte nicht, dass du weggehst, Pap.“

Er hob den Stetson und kratzte sich am Kopf. „Wilhelmina, du bist eine Perle, genau wie ich schon gesagt hab’. Es war alles wert, um eine Zeit lang mit dir zusammen sein zu dürfen. Aber ich glaube nicht, dass ich bleiben sollte.“

„Warte wenigstens noch ein oder zwei Tage. Der Chugwater muss von dem ganzen Regen über die Ufer getreten sein.“

„Das ist wohl so, nehme ich an.“

„Ich werde mit Daddy reden“, sagte ich verwegen. Pap antwortete nicht, sondern nickte nur.

Aber ich musste nicht mit Daddy reden. Er kam gerade in die Scheune. „Der Bach hat Hochwasser“, sagte er. „Wäre dumm zu versuchen, ihn zu durchqueren. Ich würde ein paar Tage warten.“ Das war alles, was er sagte.

***

Am nächsten Tag war Sonntag. Ich hatte nur ein Kleid, aus dem ich noch nicht herausgewachsen war, und ich hatte es die letzten vier Male in der Kirche getragen. Im Herbst würden wir Schweine verkaufen können, und das Geld dafür würde Calico-Stoff für neue Kleider bedeuten, vielleicht sogar ein neues Paar Schnürschuhe. Als ich die schlaffen Rüschen an den Ärmeln aufplusterte, schien das noch in weiter Ferne zu liegen. Ich hatte Ma angefleht, mir zu erlauben, meine Perlenkette beim Kirchgang zu tragen, aber sie sagte, das sähe aus wie ein Zeichen von Eitelkeit.

„Bitte, Ma“, bettelte ich. „Wenn ich sie nicht in der Kirche trage, wo denn dann? Bis zum Ball in der Stadt sind es noch mehr als zwei Monate. Ich kann es kaum erwarten, sie Myra Lundberg zu zeigen.“

Sie warf ihre Hände in die Luft. „Oh, na gut, Willie. Tu’s und trag’ sie. Aber wundere dich nicht, wenn du ein paar herablassende Blicke erntest.“

Ich war so glücklich, dass ich ein Kriegsgeheul ausstieß, als wäre ich ein Cheyenne. Ma half mir mit dem Verschluss, und während ich mich in Daddys Rasierspiegel betrachtete, strich ich meinen Kragen unter der Halskette glatt. Echte Perlen. Myra würde so neidisch sein, aber in der Art einer besten Freundin.

Beim Blick in den kleinen Spiegel staunte ich, wie sehr ich mich in letzter Zeit verändert hatte. Mein krauses blondes Haar war ein paar Nuancen dunkler geworden und hatte sich in Wellen gelegt. Mein Gesicht war nicht mehr rund und kindlich. Ich legte meine Hand auf meine Wange und spürte, wie glatt und flach sie war. Als ich mich umdrehte, ertappte ich Ma, wie sie mich mit Augen anblickte, die sanft und ein wenig traurig waren.

„Du bist ein hübsches Mädchen, Wilhelmina.“ Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.

Daddy lenkte den Farmwagen dicht an die Veranda heran, und Ma und ich kletterten hinauf. Wir quetschten uns auf unsere Plätze auf dem Sitz neben ihm. Der Wagen ruckelte und hüpfte den ganzen Weg zur Kirche, aber ich tat mein Bestes, um aufrecht und elegant wie eine Königin zu sitzen.

***
Ma hatte recht. Valeria Hobart verdrehte sich fast den Kopf, als sie während des Gottesdienstes nach hinten zu mir blickte. Ich sah ihr an, dass sie unbedingt wissen wollte, wie ich an eine Perlenkette gekommen war. Sie war recht hübsch, aber ihre Mundwinkel waren immer nach unten gezogen und ihre Nase war gerümpft, als würde sie etwas Saures riechen. Dann flüsterte sie ihrer Mutter etwas zu, und Mrs. Hobart blickte mit demselben Gesichtsausdruck hinter sich. Die Ähnlichkeit zwischen den Hobart-Frauen war sehr ausgeprägt.

Myra Lundberg liebte die Geschichte, wie Pap an meinem Geburtstag aus dem Nichts angeritten kam und mir ein Schmuckkästchen überreichte. Sie bestand darauf, dass ich sie ihr noch weitere drei Male erzählte, bevor ich mich auf den Heimweg machte.

Als wir an der Scheune ankamen, machte Pap sich über einer kleinen Feuerstelle zu schaffen, die er im Freien auf dem Hof aufgebaut hatte. Er drehte ein Kaninchen am Spieß, und dem Geruch nach war es fast fertig.

„Das Sonntagsessen geht heute auf mich, Leute.“ Er grinste, während er das Fleisch mit Butter bestrich.

Ma lächelte und gesellte sich zu ihm, wobei sie ihre Röcke von dem Rauch fern hielt. „Ich habe Apfelmus, der gut dazu passt … und Maisbrot von gestern Abend“, sagte sie. Ich war erleichtert, als Daddy keine Bemerkung über das Jagen an einem Sonntag machte.

Ich ging hinein, um Ma zu helfen, den Tisch zu decken. Durch die offene Tür behielt ich Daddy im Auge. Er spannte das Maultier aus und brachte es in den Pferch, damit es ein wenig Gras und Sonnenschein genießen konnte. Pap zog an einem Kaninchenbein, um zu prüfen, wie zart es war. Daddy leistete ihm am Feuer Gesellschaft.

Sie fingen an miteinander zu reden. Es schien kein Streit zu sein, es sah aus, als wären sich zwei Männer rein zufällig begegnet. Daddy hielt eine große Bratpfanne unter das Kaninchen, während Pap es vorsichtig vom Spieß nahm.

„Willie, stell’ die Teller auf den Tisch und dann geh’ und pflücke ein paar Malven für den Tisch“, sagte Ma. Sie strich eine zugeschnittene Leinendecke auf unserem rauen alten Kieferntisch glatt und glättete die gewellten Ecken. Es war ein Hochzeitsgeschenk gewesen, und ich hatte nur ein paar Mal gesehen, dass sie sie benutzte.

Ich richtete sorgfältig unsere Teller und das Besteck aus und eilte nach draußen, um die Blumen zu pflücken, wobei ich fast mit Pap zusammenstieß. Das gebratene Kaninchen brutzelte in der Pfanne, die er in der Hand hielt. „Brrrrrr, Mädel! Du hättest fast meine Pläne über den Haufen geworfen!“ Er war bester Laune.

Ich brach zwei Malvenstiele ab, die voller flauschiger Blüten waren, zartrosa und in der Mitte violett. Ma hielt sie hoch, um sie zu bewundern, bevor sie sie in einen kleinen Tonkrug stellte. „Grandma Ellen hat die Blumensaat den ganzen Weg aus Ost-Texas hergebracht“, sagte sie. Dann blickte sie rasch zu Pap. Ich sah, wie sie sich auf die Lippe biss.

„Dann stellen wir sie besser hier bei mir hin“, sagte Pap, der immer noch lächelte. Ich gestehe, dass mir die Tränen kamen, als er das sagte. Ich wünschte so sehr, Grandma Ellen hätte an unserem Tisch sitzen können. Diese wunderschönen Malven mussten an ihre Stelle treten.

Daddy sprach das Tischgebet. Pap verteilte Portionen des gebräunten Fleisches. Er erzählte uns ein paar Geschichten aus der Zeit, als Daddy ein Kind war … als er einmal auf einen Baum kletterte und nicht mehr herunterkam. Er musste die Nacht dort oben verbringen, und alle Nachbarn kamen, um nach ihm zu suchen. Und ein anderes Mal, als Daddy und sein Cousin Pete beschlossen, die Flecken von der Milchkuh abzuwaschen. Ma und ich lachten und lachten. Sogar Daddy lächelte, und nicht nur einmal. Ich konnte mich an kein Essen erinnern, das besser gewesen wäre.

***

Als das Geschirr abgewaschen und die Tischdecke zusammengefaltet und weggeräumt war, beschlossen Ma und ich, uns auf der Veranda auszuruhen, bevor wir die Sonntagskleider auszogen, die wir noch trugen. Pap erschien am Scheunentor. Er führte den Pinto, gesattelt und beladen, als ob er eine lange Wegstrecke vor sich hatte. Ich spürte, wie sich mein Magen zusammenzog. Als er bei der Veranda ankam, band er das Pferd an den Pfosten.

„Der Bach ist seit gestern ein gutes Stück zurückgegangen“, sagte er. Ich wusste, dass es so war. Wir waren auf dem Weg zur Kirche am Chugwater-Bach entlang gefahren. „Ich schätze, mit etwas Glück werde ich heute Nacht in Nebraska schlafen. Sind nur dreißig Meilen.“

„Das kommt ungefähr hin“, sagte Daddy. Ich erschrak ein wenig. Ich wusste nicht, wie lange er schon in der Tür gestanden hatte. „Um diese Jahreszeit ist es noch lange hin bis zum Sonnenuntergang. So weit solltest du es schaffen.“ Ich wollte Pap anflehen zu bleiben, aber ich wagte es nicht, Daddy in die Quere zu kommen. Er schien nicht dafür zu sein.

„Tja, ich gehe noch auf den Hügel, um eine Lady zu besuchen, bevor ich gehe“, sagte Pap. Er nickte in Richtung unseres Familienfriedhofs zwischen dem Haus und dem Bach. „Möchtest du mitkommen, Skeeter?“ Ich schaute zu Daddy, um zu sehen, ob er etwas dagegen hatte, aber er sagte nichts.

Ma sagte: „Warte, Pap. Nimm die Malven mit. Ich hatte ohnehin vor, Blumen hin zu bringen.“

Pap trat auf die Veranda, und zu ihrer großen Überraschung küsste er Ma auf die Wange. „Du bist eine wirklich gute Frau, Florence.“ Sie sah verwirrt aus und wrang ihre Hände in ihrer Schürze. Pap und ich machten uns auf den Weg zur Grabstätte. Ich trug den Tonkrug mit den Blumen. Mir fiel auf, dass Pap seinen Colt umgeschnallt hatte.

Der kleine Friedhof war von einer Reihe dicker Zedern umgeben, die Daddy gepflanzt hatte, als meine Zwillingsbrüder gestorben waren. Ich war erst sechs Jahre alt gewesen. Die Jungs, Matthew und Mark, waren von Geburt an winzig, und beide bekamen eine Lungenentzündung, als sie etwa ein Jahr alt waren. Sie starben im Abstand von zehn Tagen. Grandma Ellen folgte ihnen zu ihrer ewigen Ruhe, als ich zwölf war. Ich stellte die Blumen an ihren Grabstein.

Pap beugte sich vor und strich mit den Fingern über ihren Namen auf dem aus Holz geschnitzten Grabstein. „Du hättest nicht jemanden wie mich heiraten sollen, Ellen Denby. Aber ich bin meinem Gott im Himmel dankbar, dass du es getan hast. Ich wusste, dass ich nicht gut genug für dich war. Ist einer der Gründe dafür, dass ich so gegangen bin, wie ich es getan habe. Ich war damals ein erbärmlicher Säufer.“

Er richtete sich auf und wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht. „Als ich beschloss, mich wie ein Mann zu benehmen, war es schon zu spät.“ Ich wusste nicht, ob er mit mir oder mit Grandma Ellen sprach.

„Skeeter …“ Pap drehte sich zu mir um und nahm meine Hände zwischen seine. „Ich möchte, dass du nicht vergisst, was ich dir jetzt sage. Ich war in vielerlei Hinsicht ein Tunichtgut. Aber hör’ mir zu. Ich habe meinen Lebensunterhalt als Kopfgeldjäger verdient und im Laufe der Jahre einige ziemlich miese Gestalten geschnappt. Die meisten von ihnen habe ich lebend gefasst. Man hat mir für das, was ich getan habe, anständige Belohnungen gezahlt.“

„Ich glaube dir, Pap“, sagte ich. „Ich weiß einfach, dass du niemanden aus Bosheit getötet hättest.“

„Nun, einige wären da anderer Meinung. Hör zu …“ Er zog ein Stück Papier aus seiner Hemdtasche, derselben, aus der er auch meine Perlenschachtel geholt hatte. War das erst vor einem Monat gewesen? Er drückte mir den Zettel in die Hand und schloss meine Finger um ihn.

„Das ist der Name einer Bank in Denver, bei der ich mein Konto habe. Sie haben Anweisung von mir, Henry einen Scheck zu schicken. Sollte noch in diesem Monat ankommen. Skeeter, es ist sauberes Geld, und ich möchte, dass du dafür sorgst, dass dein Daddy es bekommt. Wenn er es nicht haben will, dann sag’ ihm, er soll es auf deinen Namen bei einer Bank einzahlen. Es … es sind fast zwölftausend Dollar.“

„Aber Pap ...“, sagte ich, „du kannst doch nicht dein ganzes Geld verschenken.“

Pap lachte. „Ich habe nie gesagt, dass ich alles verschenke. Für Bohnen und Zigarren habe ich genug.“

Hinter uns gab es plötzlich ein gewaltiges Krachen von Ästen, und als wir uns umdrehten, sahen wir, wie nur knapp fünf Meter entfernt ein großes rotbraunes Pferd durch die Zedern preschte. Der Reiter war ein schwerer Mann mit einem struppigen Bart. Das Pferd stürmte zwischen Pap und mir hindurch, und bevor ich reagieren konnte, griff der Mann nach unten, packte meinen Arm… und schleuderte mich vor sich in den Sattel. Er zog das Pferd mit einem kräftigen Ruck herum, und als es sich aufbäumte, stand Pap unmittelbar vor ihm, mit gespreizten Beinen und den Equalizer genau auf uns gerichtet.

„Na sowas, Dub Denby! Schätze, du bist überrascht, mich wiederzusehen“, rief der große Mann hinter meinem Kopf. Sein fleischiger Arm war um mich geschlungen und klemmte meine Ellbogen ein. „Wusste nicht, dass du hier oben Gesellschaft hast. Macht die Sache interessanter, findest du nicht?“ Er lachte, und ich roch Tabak und sauren Alkohol und einen fauligen Gestank, von dem mir übel wurde.

„Du bist wegen mir hier, Sid. Lass sie gehen“, sagte Pap. Seine grauen Augen waren wie aus Stein.

„Ha! Da hätte ich doch ein weiches Herz, oder? Zu meinem Bruder Rolf warst du nicht so mitfühlend. Du hast ihm eine verpasst … ungefähr hier.“ Mit seiner freien Hand drückte der Mann, der auf den Namen Sid hörte, mir die Mündung einer Pistole knapp unterhalb meines Schlüsselbeins und der Perlenkette, die ich vergessen hatte abzunehmen, in die Haut.

„Dein Bruder hatte schon eine Waffe auf mich gerichtet, als ich zog“, antwortete Pap. „Sie ist unbewaffnet und hat nichts mit dieser Sache zu tun. Du und Rolf habt euch euren Weg ausgesucht. Ihr habt gewusst, dass er mit einer Kugel oder dem Schlüssel eines Gefängniswärters enden würde.“

„Schätze, du hast einen ganz schönen Batzen Geld dafür bekommen, dass du die Gothard-Brüder geschnappt hast. Verdammt schade, dass einer von uns nur den halben Preis gebracht hat, da er ja tot war und so. Was mich betrifft, gibt es nicht viele Gefängnisse, die mich lange festhalten können. Ich bin jetzt seit sechs Monaten auf der Jagd nach dir. Und dieses Mal bin ich mit dem Töten an der Reihe, Dub.“

Sid Gothard schob den Lauf seiner Pistole hinauf an meine Schläfe. „Vielleicht erschieße ich auch dieses kleine Mädchen. Wäre vielleicht eine gute Idee, wenn du den Colt jetzt fallen lässt.“ Ich wollte Pap ein Zeichen geben, dass er seine Pistole nicht aus der Hand geben sollte, aber ich wagte nicht, mich zu bewegen. Ich formte mit dem Mund ein „Nein“. Ich dachte, vielleicht fiele mir ein Weg ein, wie ich ihm freie Schussbahn auf diesen stinkenden Mann hinter mir verschaffen könnte.

Pap ließ seine Waffe sinken und bückte sich, um sie behutsam vor sich auf den Boden zu legen. Dann trat er einen Schritt zurück. „Jetzt… lass sie los, Sid.“

Die nächste Minute verging langsam, wie in einem Traum. Sid streckte plötzlich seinen Waffenarm aus und zielte auf Pap. Ich warf mich mit meinem ganzen Gewicht zur Seite, kam frei und stürzte vom Pferd. Ich hörte einen Schuss, kam auf meine Hände und Knie und sah Pap, genauso geduckt wie an jenem Tag unter dem Cottonwood. Aber er hatte keine Waffe in der Hand. Er schaute mich ganz ruhig an, dann kippte er um.

Ich krabbelte auf den Colt zu… er lag immer noch zwischen uns auf dem Boden. Ich musste das Pferd erschreckt haben, denn es warf den Kopf hoch und tänzelte ein paar Schritte zurück … gerade lange genug, damit ich mit den Händen an den Griff kam. Ich wusste, dass Sid das nächste Mal auf mich zielen würde. Als ich die Pistole herumschwenkte, sah ich, dass es genau so war.

Die Luft anhalten… abdrücken! Ich hörte den Schuss, aber irgendwie wusste ich, dass er schon einen Sekundenbruchteil, bevor ich den Abzug drückte, gefallen war. War ich getroffen?

Sid Gothards Gesicht zeigte einen kurzen Ausdruck von Überraschung, dann kippte er zur Seite, rutschte hinunter und fiel schwer zu Boden.

Ich hörte Fußschritte. Pap? Ich wirbelte herum, den Colt immer noch in beiden Händen. In der Lücke zwischen den Zedern, durch die Sid geritten war, stand Daddy … und hielt sein Winchester-Gewehr, aus dessen Lauf eine Rauchfahne aufstieg.

Wir rannten beide zu Pap. Er blutete aus der Brust, ziemlich weit oben, ganz dicht neben der Stelle, wo Sid gedroht hatte, auf mich zu schießen. „Daddy, tu ’was für ihn!“ Ich war den Tränen nahe. Er beugte sich vor und lauschte auf Paps Oberkörper. Dann zog er sein eigenes Hemd aus, rollte es zu einem Knäuel zusammen und drückte es auf die Wunde.

Ich sah, wie Pap leicht zusammenzuckte. „Er lebt!“

„Heben wir seinen Kopf an. Hier … kannst du hier ‘rüber kommen und ihn auf deinen Schoß legen?“ Ma kam auf den Friedhof gelaufen. Ihre Wangen waren knallrot, und Spangen lösten sich aus ihrem Haar.

„Oh, mein Gott!“ rief sie. „Henry, Willie … seid ihr verletzt? Pap? Oh, du lieber Himmel, er ist getroffen!“

„Uns beiden geht’s gut, Florence. Pap hat eine Kugel abbekommen … und der Kerl da drüben wahrscheinlich zwei.“

Pap fuhr sich mit einer Hand über seine Brust und öffnete dann die Augen. Er schien furchtbare Schmerzen zu haben.

„Henry … Florence. Er …“ flüsterte Pap.

„Versuch’ nicht zu sprechen, Pap“, sagte ich. Er legte seine Hand auf meinen Arm und hinterließ einen blutigen Fleck.

„Ich … wollte nicht, dass mir mein Ärger … bis hierher folgt“, sagte er. "Verzeiht mir …"

„Mach’ dir deswegen keine Sorgen“, sagte Ma. „Er sagte, er sei ein alter Geschäftspartner von dir. Ich habe ihm gesagt, dass du hier oben bist. Es tut mir so unendlich leid, Pap. Ich hätte …“ Ihre Stimme zitterte, als sie seine Wange streichelte.

„Irgendetwas an ihm hat mich misstrauisch gemacht“, sagte Daddy. Ich empfand eine Woge von Dankbarkeit für ihn. Was wäre passiert, wenn er nicht genau zur rechten Zeit gekommen wäre?

„Henry … ich kann vielleicht nicht …“ Pap hatte Mühe zu sprechen. „Ich muss… dir sagen …“

„Ganz ruhig …“, flüsterte Ma. „Können wir versuchen, ihn ins Haus zu bringen?“
Daddy untersuchte die Eintrittswunde, schob seine Hand unter die Schulter und tastete mit den Fingern nach etwas. Er nickte. Ich war erleichtert, dass, falls Pap sterben sollte, es nicht dort auf dem Friedhof geschehen würde.

Der alte Mann wollte nicht aufhören zu sprechen. „Henry … alles für dich … die ganzen Jahre … gespart. Da ist Geld. Skeeter weiß, wo …“ Der Zettel! Ich musste ihn fallen gelassen haben, als Sid mich packte. Ohne aufzustehen, schaute ich mich rasch um und entdeckte schließlich das zerknitterte Stück Papier in der Nähe von Grandma Ellens Grab liegen.

„Halte durch, Pap“, sagte Daddy. „Du must dich nicht beeilen, um deine Chips einzulösen. Du gehst nirgendwo hin … jedenfalls nicht heute. Sieht so aus, als ob du mit einer kaputten Schulter davon gekommen bist.“ Daddy hob ihn behutsam hoch, und mir wurde bewusst, wie schmächtig der alte Mann war.

„Greif’ dir das Pferd, Willie“, rief er mir zu. „Wir werden uns später überlegen, was wir mit dem Drecksack machen.“ Ich nahm an, dass er Sid Gothard meinte.

Als wir den Hügel hinunter gingen – Daddy, der Pap trug, auf dessen Bauch der Colt lag, ich, die den Rotfuchs hinter sich herzog, und Ma mit der Winchester –, schaute Pap zu Daddy hoch und sagte: „Das war ein feiner Schuss, Henry.“

Daddy grinste, so unbeschwert, wie ich ihn seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. „Tja, ich habe einfach nur den Hurensohn ins Visier genommen … genau wie du es mir gesagt hast, Pap.“

© für die deutsche Übersetzung: Reinhard Windeler, 2024




OLD TRAILS - Western Stories, Vintage Articles


Was es hier alles gibt