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Freitag, 7. November 2025

STORY: Asse und Achten (Ritt)


Asse und Achten
Michael R. Ritt

(Orig.: „Aces and Eights“, 2019; Übers.: Reinhard Windeler)


Diese Geschichte benötigte einen etwas längeren Anlauf. Sie war bereits für die Anthologie „Showdown“ (2016) vorgesehen, ehe der Herausgeber Brett Cogburn sie durch eine andere Kurzgeschichte des Autors ersetzte, nämlich „Three Days to Pine River“ (im AKWA Journal als „Drei Tage bis Pine River“ auf Deutsch erschienen). Im Jahre 2018 sollte die verschmähte Geschichte in die von Hazel Rumney herausgegebene Sammlung “The Trading Post and Other Frontier Stories” aufgenommen werden und erlitt ein ähnliches Schicksal, denn auch dort erhielt eine andere Story des Autors („An Hour Before the Hangman“) den Vorzug. Dass diese zweimalige Zurückweisung kein Hinweis auf mangelnde Qualität ist, davon kann sich jeder Leser hier selbst überzeugen. Zudem nutzte Michael R. Ritt die zusätzliche Zeit, um weiter an der Geschichte zu feilen. In der Form, in der sie letztlich ein Jahr später in der ebenfalls von Hazel Rumney herausgegebenen Anthologie „Contention and Other Frontier Stories“ veröffentlicht wurde, gelangte sie bei den Peacemaker Awards 2020 in die Endausscheidung und erhielt somit ihre verdiente Anerkennung.

______________________________

In Nuggettown hatte es schon lange niemand mehr zu Reichtum gebracht. Ich hatte immer gedacht, dass sich mit dem Namen wohl jemand einen Scherz erlauben wollte. Nuggets hüpften nicht gerade aus dem Boden, und jede Ähnlichkeit zwischen diesem Ort und etwas so Zivilisiertem wie einer richtigen Stadt war rein zufällig.

Die Lady-Belle-Mine war die einzige in der Stadt, die nennenswerte Mengen Gold gefördert hatte. Die übrigen Unternehmungen waren kleine Schürfstellen, wie die von Pete und mir, auf denen Pfannen und Waschrinnen zum Einsatz kamen, die kaum genug Ertrag zeitigten, um dem Betreiber zu ermöglichen, seinen täglichen Bedarf an Lebensmitteln und Alkohol zu bezahlen. 

Ich muss aber auch sagen, dass die Stadt eigentlich gar nicht so übel war. Sie war jung und rau, aber sie hatte Zukunft. Es war die Rede davon, dass die Colorado Central Railroad eine Nebenstrecke den Berg hinauf bauen wollte, um das Erz aus der Lady Belle abzutransportieren. Wir hatten vier Saloons, eine Schmiede, das Prüfamt, einen Gemischtwarenladen und drei Gaststätten. Außerdem befand sich gerade ein Hotel im Bau, das nach seiner Fertigstellung das größte Gebäude in Nuggettown sein würde. Einmal im Monat kam sogar ein Methodisten-Wanderprediger vorbei, um den Bergarbeitern die Leviten zu lesen und Kirchenlieder mit ihnen zu singen.

Die Straße, die durch das Stadtzentrum verlief, war nichts weiter als ein schlammiger, gefurchter Pfad, den die Frachtwagen benutzten, um Erz den Berg hinunter nach Denver zu befördern und Vorräte den Berg wieder hinauf. Ein nächtlicher Regenschauer hatte etwa fünfzehn Zentimeter Schlamm hinterlassen, der an meinen Stiefeln klebte, als ich von einer Straßenseite zur anderen watete. Ich hatte die meisten seiner üblichen Aufenthaltsorte abgeklappert, aber meinen Kumpel Pete nirgends gefunden. 

Durch den Schlamm patschend überquerte ich die Straße zu „Otto’s Saloon“. Aus grob behauenem Holz erbaut war der Saloon eines von einem Dutzend Gebäuden in Nuggettown, die diese Bezeichnung verdienten. Die übrigen Behausungen in der Stadt waren alte Armeezelte, die nach dem Krieg aus Restbeständen an Goldsucher verkauft wurden. „Otto’s Saloon“ war derzeit das größte Gebäude der Stadt und verfügte über ein Obergeschoss mit Zimmern, die meist stundenweise vermietet wurden. Es war ein herrlicher Tag Anfang Juni, und jemand hatte eine alte hölzerne Bierkiste, die an der Seite die Aufschrift „Schueler & Coors“ trug, in die Tür gestellt, damit sie offen blieb.

Es gibt einen besonderen Geruch, der für jeden Ort charakteristisch ist, an dem Männer sich zum geselligen Beisammensein treffen. Eine seltsam einladende Mischung aus Bier, Rauch, ungewaschenen Körpern und Pferden hing in der Luft. Ein Saloon war ein verdammt schöner Ort, und ich holte tief Luft, während ich ein paar Sekunden in der Tür stand, um meine Augen an das schwache Licht im Inneren zu gewöhnen.

Ich hörte ihn, bevor ich ihn sah. Das heißt, ich hörte den Tumult, und wo Tumult herrscht, ist Pete Canfield normalerweise mittendrin.

„Du hast gehört, was ich gesagt habe, du verdammter Betrüger. Ich will mein Geld zurück.“ Der Bursche, der Pete am Kartentisch gegenübersaß, schob plötzlich seinen Stuhl zurück und erhob sich. Die beiden anderen Herren am Tisch strichen hastig ihre Gewinne ein und traten zur Seite. Pete blieb sitzen, den Stuhl nach hinten geneigt, und sah seinen Ankläger ruhig an, der einen Smith & Wesson Russian Kaliber .44 in seinem Gürtel stecken hatte.

Pete ließ seinen Stuhl nach vorne kippen. Er legte seine Hände auf die Tischkante und begann zu lachen. „Du glaubst, ich muss betrügen, um dich beim Kartenspielen zu schlagen, du armseliger Wicht? Wir wussten alle, dass du nur ein Paar Sechsen hattest! Du bist derjenige, der sehen wollte. Betrachte deinen Verlust als den Preis für eine Pokerlektion.“

Ich hatte diesen Burschen schon ein paar Mal gesehen. Sein Name war Kenny Bassett, aber er wurde Bass genannt. Er war vielleicht zwei Jahre älter als Pete, der fünfundzwanzig war, womit Bass ungefähr in meinem Alter gewesen wäre. Soweit ich wusste, arbeitete er auf keinem Claim. Er trieb sich einfach nur in der Stadt herum, spielte Karten, trank und pflegte seine große Klappe. Er hielt sich für einen harten Kerl und protzte gerne mit seinem Revolver, aber ehrlich gesagt habe ich nie gesehen, dass er ihn für etwas anderes als zur Dekoration benutzte.

Manchmal reichten schon ein paar scharfe Worte und ein Revolvergriff, der aus dem Gürtel ragte, um Leute zum Nachgeben zu bewegen. Zu diesen Leuten gehörte Pete nicht.

Ich hörte Bass sagen: „Ich zähle bis drei.“

Wo kam dieser Bursche her? Er musste zu viele von diesen Groschenromanen gelesen haben.

Bass stand da, seine Arme hingen locker an seinen Seiten, von sich selbst eingenommen, als ob er im Begriff wäre, etwas Dummes zu tun. Dann tat er tatsächlich genau das.

„Eins…“

Pete stieß seine Arme nach vorne, sodass der Tisch gegen Bass’ Beine krachte. Durch den plötzlichen Anprall verlor Bass das Gleichgewicht, und er landete mit dem Gesicht nach unten auf dem Tisch. Karten, Chips und Biergläser waren überall verstreut. Pete, der immer noch auf seinem Stuhl saß, stand auf, packte Bass am Kragen und zerrte ihn vom Tisch.

Bass landete auf dem Fußboden und rollte sich auf den Rücken. Da sah ich seinen Blick. Es war derselbe Blick, den ich schon einmal gesehen hatte, als ein Bekannter von mir in Texas das freundliche Wesen eines Pferdes, auf das er gerade gestiegen war, falsch eingeschätzt hatte. Das Pferd machte einen Satz, bog seinen Rücken durch und fing dann an auszuschlagen und zu hüpfen wie eine Heuschrecke in einer heißen Bratpfanne. Der Kerl landete mit dem Hintern voran in einem Wassertrog und hatte einen Ausdruck im Gesicht, der sagte: „Was zum Teufel ist gerade passiert?“ So war jetzt Bass’ Blick. Die Dinge waren nicht so gelaufen, wie er es erwartet hatte.

Pete beugte sich vor und packte Bass vorne am Hemd. Er drückte ein Knie in seinen Bauch, sodass Bass kaum noch Luft bekam. 

„Und noch eine Lektion für dich: Sowas wie faire Kämpfe gibt es nicht, du verdammter Idiot.“ Nach diesen Worten holte Pete mit seinem rechten Arm aus und schlug Bass schnell hintereinander dreimal ins Gesicht, dann stand er auf und wartete darauf, dass Bass wieder auf die Beine kam. Aber Bass machte nicht mehr mit. Er lag benommen und stöhnend da, Blut floss aus seiner Nase und einem Riss in seiner Lippe.

„Bist du hier bald fertig?“ fragte ich, als ich hinter Pete trat.

Er drehte sich um und ließ ein Lächeln aufblitzen, das Lilly oder jedes andere Mädchen in „Otto’s Saloon“ hätte dahinschmelzen lassen. Ich hatte das schon oft gesehen. Pete war jung und schlank, mit wettergegerbten Gesichtszügen, die ihn ein wenig älter aussehen ließen, als er tatsächlich war. Er hatte dunkles Haar und braune Augen, die er, wie er sagte, von seiner Mutter geerbt hatte. Sie war Halb-Mexikanerin. Bei den Damen kam er ziemlich gut an.

„Oh, ich glaube, die Schule ist aus für heute.“ Er langte nach unten und zog den Revolver aus Bass’ Gürtel. Bass zuckte ein bisschen, rührte sich aber sonst nicht. Pete ging zur Theke und ließ die Waffe in einen Spucknapf aus Messing fallen, der dringend gereinigt werden musste. Dann gingen wir beide nach draußen.

***


Wir standen auf dem hölzernen Gehsteig vor dem Saloon, während Pete sich eine Zigarette drehte und sie mit einem Streichholz anzündete. 

„Weißt du“, sagte ich, „du könntest dir wenigstens etwas Mühe geben, einmal vierundzwanzig Stunden lang nicht in irgendwelche Scherereien zu geraten. Er hätte dich erschießen können, und du trägst nicht einmal eine Kanone.“

„Nein, aber du schon“, sagte Pete grinsend. „Ich habe gesehen, wie du in die Bar gekommen bist.“

„Du hast also wieder ’mal darauf gezählt, dass ich dir deinen Arsch rette.“

„Ach was, der war nun wirklich nicht ernsthaft in Gefahr“, sagte er mit einem Achselzucken. „Eines Tages wird Bass sich selbst oder jemand anderen umbringen. Er sollte mir dankbar sein, dass ich ihn in der altehrwürdigen Kunst des Faustkampfes unterrichtet habe.“

„Und jetzt hast du vor, eine Schule aufzumachen? Du als Lehrerin, das hätte schon ’was.“

Pete lächelte und schlug mir im Spaß mit einer kurzen Geraden den Hut vom Kopf. Ich erwiderte mit ein paar Boxschlägen, die ihn beinahe vom Gehsteig auf die schlammige Straße hätten stolpern lassen. 

Ich hob meinen Hut auf, wir fanden eine nicht so tiefe Stelle im Schlamm und machten uns daran, die Straße zu überqueren. Wir waren fast auf der anderen Seite, als Pete, der voranging, sich plötzlich umdrehte und mich am Arm packte, als wäre ihm gerade etwas eingefallen, das nicht warten konnte.

„Weißt du, Ben, vor ein paar Monaten haben sie McCall gehängt.“

„Du meinst Jack McCall, den Feigling, der letztes Jahr in Deadwood Hickok erschossen hat? Ja, davon habe ich gehört. Was ist damit?“

„Weißt du noch, welche Karten der alte Wild Bill in der Hand hielt, als McCall ihm in den Hinterkopf schoss?“

„Es heißt, es waren zwei Paare… Asse und Achten. Alle schwarz.“

Pete sah sich um, um sich zu vergewissern, dass niemand mithören konnte. Sein Gesicht nahm einen ernsten Ausdruck an, was bei ihm selten vorkam. Hätte ich Pete nicht besser gekannt, hätte ich angenommen, dass ihn etwas erschreckt hatte. Er senkte seine Stimme zu einem Flüstern. „Das sind dieselben Karten, die ich in meinem letzten Blatt hatte. Was glaubst du, was das bedeutet?“

Ich muss ein wenig verängstigt ausgesehen haben, denn er lachte, zwinkerte mir zu und klopfte mir auf die Schulter. „Ich mache nur Spaß, Ben. Du weißt doch, dass ich nicht an so einen Unsinn glaube.“

„Dann hattest du also keine Asse und Achten?“ 

„Doch, die hatte ich schon. Ich glaube einfach nur nicht an diesen Mumpitz von dem ‚Blatt des toten Mannes‘.“ Er drehte sich um, machte einen großen Schritt über die letzte Furche und stellte sich auf der anderen Straßenseite hin.

Die Leute bezeichneten Asse und Achten inzwischen als das „Blatt des toten Mannes“, weil Wild Bill Hickok diese Karten in der Hand hielt, als er getötet wurde (1). Ich gebe ohne Weiteres zu, dass ich wegen der ganzen Sache ein wenig erschrocken war. Als ich ein Kind war, hat mir meine Mutter immer aus einem Buch von Shakespeare vorgelesen. In einem Stück gab es diese Stelle, an der ein Kerl namens Hamlet zu seinem Freund sagt: „Es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden, Horatio, als Eure Schulweisheit sich träumen lässt.“

Dieser Satz ist mir immer im Gedächtnis geblieben. Es gibt ein paar Dinge, von denen wir einfach nichts wissen. Es gibt Verbindungen zwischen Menschen und Ereignissen, Ursachen und Wirkungen, die uns verborgen bleiben. Pete hingegen hielt nichts von diesem „Mumpitz“, wie er es nannte.

Ich stieß einen tiefen Seufzer aus und stellte mich neben Pete vor das Prüfamt. „Ich wünschte, du hättest mir das nicht erzählt. Das macht es umso schwieriger, dir zu sagen, was ich weiß.“

„Wovon redest du?“

„Der Grund, weshalb ich dich gesucht habe. Ich habe Neuigkeiten, die du unbedingt hören musst.“

„Was für Neuigkeiten?“

Ich trat mit einer Stiefelspitze gegen die Kante des Plankengangs, um etwas von dem Schlamm loszuwerden; dann wiederholte ich den Vorgang mit dem anderen Stiefel. „Ich bin gerade mit einer Ladung Bauholz für die Lady Belle aus Denver zurückgekommen. Ich habe Parker gesehen. Er ist auf dem Weg hierher.“

Pete sah aus, als hätte ich ihm eine Ohrfeige verpasst. „Parker kommt nach Nuggettown? Heute?“

„So isses. War nicht weit hinter mir. Sollte jeden Moment hier sein.“

„Warum zum Teufel kommt er jetzt hierher? Er sollte erst in einer Woche kommen!“ Pete klang bestürzt, so als ob Parker sich nicht an einen Zeitplan gehalten und ihn irgendwie hintergangen hätte. Ich war mir nicht sicher, ob seine Frage rhetorisch war oder nicht, also beachtete ich sie nicht weiter.

Plötzlich wich Pete die Farbe aus seinem Gesicht; ihm war ein anderer Gedanke gekommen. „Du glaubst doch nicht, dass Sam weiß, dass Parker auf dem Weg ist, oder?“ 

„Das ist es, was ich dir beibringen will. Sam begleitet Parker. Sie sind beide auf dem Weg hierher. Sie haben gesagt, dass sie dir viel Zeit gegeben hätten, und da du nicht nach Denver gekommen bist, würden sie zu dir kommen. Sie haben gesagt, ich soll dir ausrichten, dass deine Zeit abgelaufen ist.“

Pete begann zu zittern. Er setzte sich auf die Bank, die dort vor dem Gebäude stand. Er stützte beide Ellbogen auf seine Knie, ließ den Kopf hängen und seufzte. Ein langer Moment der Stille folgte, während er die Nachricht auf sich wirken ließ. 

Nach einer Weile setzte er sich aufrecht hin und holte tief Luft. Er drehte sich zur Seite und sah mich mit großen Augen und einem sarkastischen Grinsen im Gesicht an. „Verdammt nochmal, Ben. Du bist heute ja eine wahre Quelle guter Nachrichten, oder nicht? Gibt es sonst noch etwas, was ich wissen muss? Wurde mein Pferd von einer Schlange gebissen? Sterbe ich an Schwindsucht? Du kannst genauso gut alles preisgeben.“

Ich war nie gerne derjenige, der jemandem schlechte Nachrichten zu überbringen hatte, insbesondere, wenn es keine Möglichkeit gab, einen Teil der Last abzunehmen. „Mach’ nicht den Überbringer der Nachricht verantwortlich, Pete. Du hast gewusst, dass dieser Tag kommen würde. Die beiden denken schon die ganze Zeit daran, seit du Sam gegenüber deine große Klappe nicht halten konntest.“ 

Pete sprang auf, als hätte er sich auf einen spitzen Gegenstand gesetzt. „Was hätte ich denn tun sollen? Sam hat mich in die Enge getrieben und mich einen Feigling genannt. Ich musste etwas sagen.“

Pete begann, auf dem Plankengang auf und ab zu gehen. Dann warf er in einer für ihn allzu typischen theatralischen Geste und mit einem irritierten Gesichtsausdruck seine Arme in die Luft. Aber so war Pete nun einmal. Bei ihm war alles eine Theateraufführung. Er zog sich einen Kratzer an einem Stacheldraht zu und war überzeugt, dass er zum Arzt musste, um ihn nähen zu lassen. Wenn er sich beim Kartenspielen mit einem Kerl angelegt hatte, waren es am nächsten Tag drei Kerle, die er „fertiggemacht“ hatte, und zwar gründlich. Wenn es um Pete ging, hatte er immer das schnellste Pferd in der Gegend, konnte besser Karten spielen, mehr trinken und genauer schießen als jeder andere.

„Was hätte ich denn tun sollen?“ wiederholte er.

„Tja, es gibt jetzt keine Möglichkeit mehr, aus der Sache herauszukommen. Man sagt sowas nicht zu Sam, wenn man sich nicht beim Wort nehmen lassen will.“

Pete wirkte, als hätten ihn meine Worte verletzt. „Ich habe durchaus vor, mich beim Wort nehmen zu lassen. Ich dachte nur, dass ich etwas mehr Zeit hätte. Du weißt schon… noch ein bisschen Spaß.“

Das war das Problem mit Pete. Er nahm nie etwas wirklich ernst. Ich war immer der, der verantwortungsbewusst und besonnen war. Das war so ziemlich das Muster unserer Freundschaft. Pete tat irgendetwas Unüberlegtes und brachte sich damit in Schwierigkeiten. Dann kam ich hinter ihm her und räumte auf, was er angerichtet hatte. Noch bevor sich der Staub überhaupt gelegt hatte, geriet Pete woanders in Schwierigkeiten, und ich half ihm erneut aus der Patsche. Aber er war mein Freund.

***


Meine Familie kam aus Tennessee, zog aber nach Texas, als einer ihrer Nachbarn, Davy Crockett, meinem Vater erzählte, dass es viel aufregender sei, gegen Mexikaner zu kämpfen, als Steine ​​umzupflügen. Crockett hatte gerade seine sechsjährige Amtszeit als Kongressabgeordneter der Vereinigten Staaten beendet, also dachte er wahrscheinlich, dass es an der Zeit wäre, irgendwo hinzugehen, wo die Aussicht bestand, dass er tatsächlich etwas bewegen konnte.

Pa hatte mehr von einem Farmer als von einem Kämpfer in sich, aber ihm gefiel die Idee, nach Texas zu ziehen. Im Frühjahr 1836 ließen sich meine Mutter und mein Vater auf einer kleinen Farm in der Nähe von Nacogdoches im Hügelland im Osten nieder. Ich wurde 1850 geboren, als jüngstes Kind von vier Jungen und zwei Mädchen, alles waschechte Texaner. 

Mit fünfzehn Jahren verließ ich mein Zuhause und zog nach Westen und nach Süden. Ich arbeitete auf einigen der größten Rinderranches in Texas, darunter denjenigen von Allen und King.

Pete lernte ich vor drei Jahren auf einem Viehtrieb von Waco nach Abilene kennen. Wir verstanden uns auf Anhieb gut. Alle mochten Pete. Arbeiten war nicht so seine Sache. Er hatte kein Verantwortungsbewusstsein und neigte zur Angeberei, aber er hatte immer einen Witz oder eine Geschichte auf Lager. In seiner Gesellschaft war es nie langweilig, und er war überaus großzügig. Er hätte sein letztes Geld ausgegeben, um einem einen Drink zu spendieren.

Wir landeten in Colorado, weil Pete der Meinung war, dass er mit der Suche nach Gold reich werden könnte. Den Leuten erzählten wir, dass wir unseren Claim gemeinsam bearbeiteten, aber in Wirklichkeit war ich die ganze Zeit derjenige, der Steine ​​zertrümmerte oder die Pfanne schwenkte oder Kies in die Waschrinne schaufelte. Pete lag derweil auf dem Erdboden und kaute auf einem Grashalm, den Hut weit über die Augen gezogen, um sie vor der Sonne zu schützen. Er lag da, ohne sich um die von mir verrichtete Arbeit zu kümmern, und unterhielt mich mit Geschichten über seine Eroberungen bei den Frauen, die er gekannt hatte, oder über die Schwierigkeiten, in die er geraten war.

Schließlich gab ich den Claim auf und fing an, als Frachtwagenkutscher für die Lady Belle zu arbeiten. Pete schaffte es, mit Kartenspielen und Pferderennen über die Runden zu kommen – oder mit sonstigen Vergnügungen, die er sich einfallen ließ, um die Bergleute und Goldsucher von Nuggettown um die Erträge ihrer Arbeit zu erleichtern.

***


Pete stand da, die Hände in die Hüften gestemmt, und blickte Richtung Osten aus der Stadt hinaus auf die schlammige Straße, die sich durch Espen und Kiefern den Berghang hinunter auf die Ebenen im Osten schlängelte. Er sah aus wie ein Mann, der drauf und dran war, von etwas eingeholt zu werden, vor dem er davongelaufen war. Es war keine Angst. Ich hatte Pete schon einmal gesehen, als er Angst gehabt hatte. Das war es nicht. Es war eher Resignation.

Nach einer Minute wandte er sich wieder mir zu. „Wenn Sam und Parker heute hierher kommen, dann denke ich, dass der Tag heute genauso gut wie jeder andere ist, um es hinter mich zu bringen.“

Wir waren etwa drei Schritte gegangen, waren um die Ecke des Prüfamtes gebogen, und da war er. Ezra Parker stand vor uns, lässig an die Ecke des Gebäudes gelehnt, als wäre er schon eine Weile dort gewesen. In der einen Hand hielt er eine Zigarre und in der anderen ein brennendes Streichholz. Anstatt jedoch die Zigarre anzuzünden, ließ er das Streichholz fallen und trat dann mit einer Stiefelspitze darauf, um die Flamme auszulöschen.

Er sprach im Plauderton, als stünden wir drei in „Otto’s Saloon“ an der Theke, tränken gemeinsam Bier und unterhielten uns über das Wetter. „Hallo Jungs.“ 

Parker war eine imposante Erscheinung Mitte fünfzig mit aufmerksamen, kalten grauen Augen, die einen scharfen Kontrast zu seiner komplett in Schwarz gehaltenen Kleidung bildeten; von seinem Boss Stetson mit niedriger Krone und flacher Krempe bis hin zu einem Paar kniehoher Kavalleriestiefel. Seine fast einen Meter neunzig große Gestalt war von einem schwarzen Gehrock umhüllt, und unter dem Mantel trug er einen Colt .45 Peacemaker, der zu seinem vertrauten Begleiter geworden war, als er vor Jahren für General Crook gekundschaftet hatte. Er war mit Colonel Reynolds bei dessen Feldzug gegen die Nördlichen Cheyenne am Powder River gewesen, und ein Sioux hatte ihm während der Schlacht am Rosebud einen Pfeil ins Bein geschossen. Davon war ihm ein leichtes Hinken zurückgeblieben, das jeden anderen hätte angeschlagen erscheinen lassen. Aber bei Parker war es so, dass er dadurch gestählt wirkte, als wäre es eine schwer erkämpfte Narbe.

Er hielt seine Zigarre hoch, damit wir sie sehen konnten. „Ich weiß, dass es eine schlechte Angewohnheit ist. Ich versuche, davon loszukommen.“ Er steckte die Zigarre in eine Innentasche seines Mantels. „Aber ich gebe zu, manchmal vermisse ich ihren Geruch.“ 

Pete hatte sich keinen Zentimeter bewegt.

Parker trat einen Schritt näher und richtete seine Worte direkt an ihn. „Du hast auch eine schlechte Angewohnheit, Sohn. Die Angewohnheit, keine Verantwortung für deine Taten und Worte zu übernehmen. Das ist ein Verhaltensmuster, das jetzt aufhören muss… und zwar heute. Ich habe vor, dir dabei zu helfen.“

Er kam noch einen Schritt näher, sodass er nur noch eine Armlänge von Pete entfernt war. Der Blick seiner grauen Augen hatte es an sich, sich wie Eis auf der Haut an einem heißen Augusttag in einen einzubrennen. „Sam und ich erwarten dich im Pfirsichhain außerhalb der Stadt. Du hast eine Stunde Zeit, dich vorzubereiten. Es ist Sams Privatsache, aber wenn du nicht auftauchst, werde ich dich suchen kommen.“

Sollte jemand denken, dass dies vielleicht ein guter Zeitpunkt für Pete gewesen wäre, sich aus der Stadt zu verdrücken und für ein paar Tage in den Bergen zu verstecken, dann kannte derjenige Parker nicht. Er war einer der besten Kundschafter der Armee gewesen, und die Leute sagten, er könnte einen Schmetterling durch dichten Nebel verfolgen. Wegzulaufen stand nicht zur Debatte. 

Pete stand aufrecht da und sprach ruhig. Es lag keine Bosheit in seinen Worten. Keine Angst. Keine Prahlerei. Kein Hochmut. Stattdessen zeugten sie von einer Reife und einer Akzeptanz der Dinge, wie sie nun einmal waren, die der Art und Weise, wie Pete sich normalerweise verhielt, fremd waren. Er sah Parker direkt in die Augen. „Ich werde da sein, aber ich brauche zwei Stunden, um ein paar Dinge zu regeln.“

Parker zog seine Uhr aus der Westentasche, um nach der Uhrzeit zu sehen. „Na gut. Um Eins im Pfirsichhain. Ich verlasse mich auf dein Wort, Sohn. Enttäusche mich nicht.“ 

Wir beide standen wie angewurzelt da und sahen zu, wie Parker sich umdrehte und davonging. Das Geräusch seiner Stiefel auf dem hölzernen Gehsteig wurde durch den Nachklapp unterstrichen, wenn er sein lädiertes Bein nachzog.

Ich musste an die Asse und Achten denken. „Was hast du vor, Pete? Bist du sicher, dass du das durchziehen willst? Du weißt, was das bedeutet, oder nicht?“ Ich glaube, zu diesem Zeitpunkt machte ich mir mehr Sorgen als Pete, und ich war nicht derjenige, der damit rechnen musste, dass Parker ihn ins Visier nehmen würde. Mehr als ein Mann hatte auf die harte Tour erfahren müssen, dass Parkers Revolver kein modisches Accessoire war.

„Ich weiß, was das bedeutet, Ben. Es bedeutet, dass ich Sam gegenübertreten muss, oder ich muss Parker gegenübertreten. So oder so, nach heute wird es nicht mehr so sein wie bisher.“

„Ich werde dich unterstützen, egal was du machst, aber du musst dir sicher sein, dass es das ist, was du willst.“ Ich ließ Pete noch etwas länger Zeit, um seine Entscheidung zu treffen. Wenn man gezwungen ist, eine Entscheidung zu treffen, die man nicht treffen möchte, ist es manchmal am Besten, sich von seinem Instinkt leiten zu lassen und nicht zu viel darüber nachzudenken. Sich den Kopf bis zum Äußersten zu zerbrechen, kann einen Menschen verrückt machen, insbesondere einen Mann wie Pete Canfield, der in der Regel zuerst handelte und erst später über die Konsequenzen nachdachte – wenn überhaupt.

Drüben bei der Lady Belle ertönte der Pfiff, der für die Minenarbeiter das Zeichen für den Schichtwechsel war. Irgendwo auf der Straße begann ein Hund aus Protest gegen den schrillen Pfeifton zu heulen, was zu einer unheimlichen Symphonie führte, die vom Berg widerhallte und unten im Tal verklang.

Pete sah mich an, und ich konnte in seinen Augen sehen, dass er sich entschieden hatte. „Ich hätte die Sache mit Sam schon vor Monaten klären sollen. Ich hätte es nie so weit kommen lassen dürfen. Es ist Zeit, dass ich das Richtige tue.“ 

Er nahm seinen Hut ab und fuhr sich mit den Fingern über die Stirn und durch die Haare. Dann wischte er mit seinem Hut etwas von dem Staub weg, der sich auf seiner Hose angesammelt hatte. „Ich muss mich noch von Otto, Lilly und einigen der Mädchen verabschieden. Dann ziehe ich mir ein paar saubere Klamotten an, damit ich vorzeigbar aussehe. Warum treffen wir uns nicht in zwei Stunden draußen auf dem Claim?“

Er legte mir seine Hand auf die Schulter und lächelte. „Mach dir keine Sorgen. Es wird schon gutgehen. Tut es doch immer bei mir, oder?“

Pete und ich verabredeten uns für Viertel vor Eins am Claim, um zusammen zum Pfirsichhain zu reiten. Dann machte er auf dem Absatz kehrt und ging zurück zu „Otto’s Saloon“.

***


Als die Zeit gekommen war, traf ich Pete wie vereinbart dort, wo wir unseren Claim am Fluss am Stadtrand abgesteckt hatten. Ich saß auf meinem Pferd und beobachtete, wie er frisch gebadet, glattrasiert und in einem neuen Anzug aus dem Zelt kam. Wo in aller Welt er einen Anzug aufgetrieben hatte, konnte ich mir nicht vorstellen, aber es war ihm gelungen. Um seine Taille trug er einen schicken Revolvergürtel im Cheyenne-Stil mit einem in das Leder eingearbeiteten Blumenmuster. Aus dem Mexican-Loop-Holster ragte ein Colt mit Perlmuttgriff. 

Er kam heraus und klopfte den Staub von seinem Hut. Er strich sich das Haar zurück, setzte den Hut auf und fragte: „Wie sehe ich aus?“

„Wie der Ehrengast auf einer Beerdigung“, scherzte ich.

In seiner gewohnt dramatischen Manier griff Pete sich an die Brust, als spürte er einen Schmerz. „Na, vielen Dank für diese aufmunternden Worte. Ich glaube, ich bin gar nicht darauf angewiesen, dass Parker mir Übles will, wenn ich einen Freund wie dich um mich habe.“ 

Er band sein Pferd von dem Espenast los, an dem es angebunden war, packte den Sattelknauf, schwang sein Bein nach oben und hinüber und landete im Sattel, ohne die Steigbügel berührt zu haben. 

„Ich bin dein bester Freund, Pete, und ich reite mit dir hinunter zum Pfirsichhain oder hinauf in die Berge, wenn es das ist, was du willst. Aber um ehrlich zu sein… ich bin stolz auf dich. Du tust das Richtige.“

Wir beide ritten Seite an Seite zum Pfirsichhain, der am südlichen Ende der Stadt lag. Keiner von uns sagte etwas, aber wir bemerkten beide, wie leer und still die Straßen wirkten. Inzwischen hatten alle gehört, was anlag, und die Leute machten sich auf den Weg zum Obstgarten, um sich das Spektakel anzusehen. Ich fragte mich, was es mit einer Sache wie dieser auf sich hatte, dass sie die perverse Neugier der Menschen weckte. Dasselbe passierte bei einer öffentlichen Hinrichtung. Die Leute waren stundenlang unterwegs und machten sich einen Feiertag daraus, um dabei zuzusehen, wie einem Mann der Hals langgezogen wurde. Auf unserem Weg kamen wir an mehreren Menschen vorbei, die aus irgendeinem Grund beschlossen hatten, in der Stadt zu bleiben. Jeder winkte und rief „Viel Glück, Pete“, als wir vorbeiritten. Einige lachten nur.

Als wir uns dem Mietstall am Stadtrand näherten, sahen wir einen Mann, der sein Halstuch in einen Pferdetrog tauchte und sich das Gesicht wusch. Er sah in unsere Richtung, als wir vorbeiritten. Es war Bass. Er hatte ein hässliches blaues Auge, das fast zugeschwollen war, und eine aufgeplatzte Unterlippe. Er warf Pete einen bösen Blick zu. „Ich hoffe, du kriegst, was du verdienst, du Hurensohn.“ Pete ritt vorbei, ohne auf seine Bemerkung zu reagieren oder auch nur seine Anwesenheit zur Kenntnis zu nehmen.

Schon von Weitem konnten wir den ganze Trubel sehen und hören. Einige von Lillys Mädchen schmückten den kleinen Obstgarten mit Blumen und hängten Luftschlangen an die Ästen der Pfirsichbäume, die in voller Blüte standen.  Auf einem Wagen hatten die Saloons der Stadt einige ihrer Stühle herangeschafft, und sie wurden gerade abgeladen und für die Menschen aufgestellt, die gekommen waren, um dem Ereignis beizuwohnen. Es standen Tische mit Essen bereit, und Silas Gant stimmte seine Fiedel für den Tanz, der anschließend stattfinden sollte.

Parker stand da und wartete. Sein Mantel war aufgeknöpft und an den Seiten zurückgeschlagen. Das Sonnenlicht funkelte auf der Trommel des Peacemaker-Colts, der im Holster an seiner Seite steckte.

Pete und ich brachten unsere Pferde zum Stehen und saßen ab. Ich sah, wie Petes Beine ein wenig nachgaben, als er aus den Steigbügeln stieg. Ich erwog kurz, einen Arm auszustrecken, um ihm Halt zu geben, wollte ihn aber nicht in Verlegenheit bringen. Ich musste ihm Anerkennung zollen. Er fasste sich, streckte sich, holte tief Luft und ging mit geschwellter Brust direkt auf Parker zu.

Parker musterte Pete von oben bis unten, und ihm fiel auf, dass das Holster an Petes Waffengurt so angebracht war, dass er den Revolver über Kreuz ziehen konnte. „Bist du bereit für das hier?“

„Ich bin bereit“, antwortete Pete. „Ich hätte das schon vor Monaten mit Sam klären sollen.“

Ein Lächeln erhellte das Gesicht von Reverend Ezra Parker, als er ihm die Hand entgegenstreckte. „Das ist, was ich hören wollte, Sohn. Genau das wollte ich hören.“

***


Samantha Ann Murphy stand unter einem kleinen improvisierten Torbogen, den jemand gezimmert, weiß gestrichen und mit Wildblumen geschmückt hatte. Sie trug ein weißes Chiffonkleid, das sie in einem Geschäft in Denver gekauft haben musste. Ihr rotes Haar fiel ihr locker über die Schultern und erinnerte mich an Lava, die die Hänge eines schneebedeckten Berges hinunterfließt. Sie war bereits im fünften Monat, aber das war ihr kaum anzusehen.

Sams Vater, Thomas Murphy, war Eigentümer der Lady Belle sowie zweier anderer Minen zwischen Denver und Colorado Springs. Er war ihm nicht recht gewesen, dass Pete seinem kleinen Mädchen den Hof machte, aber als er erfuhr, dass sie ein Kind erwartete, änderte er seine Meinung und drängte auf eine Hochzeit, damit sein Enkel nicht als Bastard geboren würde. Er bot Pete sogar an, ihn als Vorarbeiter in der Lady Belle anzustellen, um zu gewährleisten, dass er für Sam und das Baby sorgen konnte. In den letzten drei Monaten hatte er versucht, Pete dazu zu bringen, nach Denver in sein Herrenhaus zu kommen, damit er und Sam den Bund fürs Leben schließen konnten, doch alles ohne Erfolg.

Tatsächlich war es der Methodistenprediger Ezra Parker, der vorschlug, die Hochzeit nach Nuggettown zu verlegen.

„Ist sie nicht eine Augenweide?“ Pete war wie gebannt.

„Allerdings“, stimmte ich zu.

„Ich weiß nicht, warum ich soviel Angst davor gehabt habe – auch wenn sie mich nur dadurch, dass sie mich einen Feigling genannt hat, dazu gebracht hat, ihr einen Heiratsantrag zu machen. Ich musste mich bisher immer nur um mich selbst kümmern. Eine Ehefrau und eine Familie sind eine große Verantwortung.“

Pete und ich stellten uns neben Parker und Sam unter den kleinen Torbogen. Pete nahm Sam bei der Hand. „Du bist wirklich wunderschön. Es tut mir leid, dass ich so lange gebraucht habe, um zur Vernunft zu kommen. Von diesem Tag an werde ich dich nie wieder enttäuschen. Das ist mein Versprechen.“

Sam hatte Mühe, die Tränen zurückzuhalten, die sich in ihren Augenwinkeln sammelten. Lächelnd legte sie ihre Hand sanft auf Petes Wange. „Ich liebe dich, Pete, aber ich möchte nicht, dass du etwas bereust. Wenn du nicht bereit bist, dich voll und ganz darauf einzulassen, dann geh’ jetzt. Niemand wird dich daran hindern.“

Pete beugte sich vor und küsste sie. „Ich bereue nur, dass ich dich nicht schon früher geheiratet habe.“

Reverend Parker schlug seine Bibel auf. „Seid ihr beide bereit?“

Pete legte seine Hand auf Sams Bauch und antwortete: „Wir drei sind bereit.“

„Dann lasst uns anfangen. Liebe Gemeinde…“

***


Der Empfang im Anschluss an die Trauung war ein wahres Fest. Das Paar war in der Gemeinde sehr beliebt, und die ganze Stadt freute sich, dass Pete sich endlich zu Sam bekannt hatte. Alle tanzten oder schlenderten herum, unterhielten sich und genossen die Bergluft, den klaren Himmel und die Junisonne.

Ich lehnte mit einem Becher Apfelwein in der Hand an einem der Wagen, als Parker auf mich zukam. „Das war wirklich ein schöner Gottesdienst, Reverend.“

Parker zuckte bei der Anrede leicht zusammen und lachte dann leise in sich hinein.

„Ich habe mich noch nicht ganz daran gewöhnt. Ich wurde so lange ‚Captain‘ genannt; dieses ‚Reverend‘-Ding ist noch ziemlich neu für mich.“

„Darüber habe ich nie wirklich viel nachgedacht“, sagte ich, „aber ich vermute, dass viele Prediger etwas anderes waren, bevor sie mit dem Predigen angefangen haben.“

„Das stimmt. Predigen ist eine Berufung, aber nicht jeder erhält diese Berufung zur gleichen Zeit in seinem Leben. Bei mir entwickelte sich das erst ziemlich spät… und unerwartet. Es mag ein Klischee sein, aber es stimmt, dass die Wege des Herrn unergründlich sind. Das war das erste Mal, dass ich eine Trauung vollzogen habe.“ 

„Na, ich finde, Sie haben das sehr gut hingekriegt.“

„Danke, Ben. Das weiß ich zu schätzen.“

„Ich bin allerdings neugierig, wenn es Ihnen nichts ausmacht, dass ich frage. Was hätten Sie getan, wenn Pete sich nicht dazu entschieden hätte, das Richtige zu tun? Angenommen, er wäre in die Berge abgehauen?“

Reverend Parker wurde für einen Moment nachdenklich. „Die Bibel spricht davon, dass der gläubige Mensch tatsächlich aus zwei Menschen besteht. Da ist der alte Mensch mit den alten Gewohnheiten und der alten Art, Dinge zu tun. Und dann ist da der neue Mensch, der nach dem Bild Christi neu geschaffen wird. Ich bin mir nicht sicher, welcher Mensch Pete verfolgt hätte, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es für ihn so oder so nicht besonders gut ausgegangen wäre.“

Die Frischvermählten waren mit dem Begrüßen ihrer anderen Gäste fertig und kamen zu dem Platz, an dem Parker und ich uns unterhielten. Ich schüttelte Pete die Hand und gab der Braut einen Kuss auf die Wange.

„Wie geht’s dem alten Ehepaar?“ fragte ich.

„Verdammt“, bemerkte Pete, „wenn ich gewusst hätte, dass da getrunken und getanzt wird, hätte ich schon vor Monaten geheiratet.“

Sam schnappte nach Luft und kniff Pete mit gespielter Empörung in den Arm.

„Aua! Wofür war das denn?“

„Genießen Sie das Trinken und Tanzen, solange Sie können, Mr. Canfield“, schalt Sam, „denn morgen treten Sie Ihren neuen Arbeitsplatz als Vorarbeiter in der Lady Belle an. Sie tragen jetzt Verantwortung.“

Pete antwortete mit übertriebener Ernsthaftigkeit. „Ich versichere Ihnen, Mrs. Canfield, dass ich meine Aufgaben mit größtem Ernst und Fleiß erfüllen werde.“

Das löste bei uns allen schallendes Gelächter aus, das plötzlich von einem Schuss unterbrochen wurde. Ich sah, wie Pete sich um die eigene Achse drehte und zu Boden fiel, gefolgt von Sams Schrei. Zwei weitere Schüsse fielen, die fast gleichzeitig abgefeuert wurden. Der erste Schuss wurde von Parker abgefeuert, dessen Waffe wie aus dem Nichts aufgetaucht zu sein schien. Der zweite Schuss kam von mir.

Das alles geschah innerhalb weniger Sekunden, wie so viele Ereignisse, die das Leben verändern. Kenny Bassett war zur Hochzeitsfeier gekommen und hatte sich unbemerkt unter die anderen Gäste gemischt. Nachdem er sich mit starkem Apfelwein Mut angetrunken hatte, wartete er auf seine Chance, es Pete heimzuzahlen. Nun lag Bass tot auf dem Boden, und auf seiner Brust breiteten sich zwei purpurrote runde Flecken aus.

Ich eilte zu Pete hinüber, um zu sehen, wie sein ​​Zustand war. Die Kugel hatte ihn herumgerissen, sodass er mit dem Gesicht nach unten gelandet war. Sam weinte und versuchte, ihn umzudrehen.

Parker zog sie sanft weg. „Komm’ schon, Sam. Lass’ Ben ’mal nachsehen.“

Ich drehte Pete auf den Rücken. In seiner Jacke konnte ich ein Loch auf der linken Seite seiner Brust sehen, gerade oberhalb seines Herzens. Ich begann, die Jacke aufzuknöpfen. 

Plötzlich öffnete Pete seine Augen und packte mein Handgelenk. „Vorsichtig, Partner. Dieser Anzug ist noch nicht ganz bezahlt.“ 

Ich machte einen Satz zurück, erschrocken und mehr als nur ein bisschen verwirrt. Sam kam angestürzt und schlang ihre Arme um Petes Hals, als er sich aufsetzte.

„Vorsichtig, Pete“, warnte ich. „Du hast eine Kugel abgekriegt.“

Pete kam auf die Beine, wenn auch langsam, und klopfte den Staub von seinem neuen Anzug. „Mir geht’s gut.“

„Wie ist das möglich?“ rief ich aus. „Du hast ein Einschussloch in deiner Brust.“ 

Pete griff nach oben an seine Anzugsjacke, die er trug, und tastete in Brusthöhe mit den Fingern nach dem Einschussloch. Dann griff er in die Brusttasche und zog ein Kartenspiel heraus, das er dort hineingesteckt hatte. In ihm befand sich, ohne dass es den Satz Karten durchschlagen hätte, ein Geschoss vom Kaliber .44.

Ehrlich gesagt weiß ich nicht, was ich von dem halten soll, dessen Zeuge ich an jenem Nachmittag in dem Pfirsichhain am Stadtrand von Nuggettown wurde. Vielleicht war etwas dran an dem Fluch der Asse und Achten – dem Blatt des toten Mannes –, vielleicht war es auch einfach nur Mumpitz, wie Pete sagte. Oder vielleicht war es so, wie die Indianer sagen würden: dass Petes Medizin stärker war als der Fluch. Reverend Parker sah das anders. Er sagte, es sei Gottes Vorsehung gewesen, die es nicht zugelassen habe, dass Pete vor der Zeit aus dem Leben gerissen wurde.

Eines weiß ich ganz sicher. Ich könnte auf tausend verschiedene Hochzeiten gehen, bei denen alles reibungslos verläuft. Aber wenn nur einziges Mal mein Kumpel Pete heiratet, dann gibt es einen Tumult. Und wo Tumult herrscht, ist Pete Canfield normalerweise mittendrin.


***Published with permission from Michael R. Ritt and Literary Agent Cherry Weiner  - cwliteraryagency@gmail.com***

© für die deutsche Übersetzung: Reinhard Windeler, 2025


Wir danken dem Autor sowie der Cherry Weiner Literary Agency für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung dieser Übersetzung.


Fußnote

(1) Dass Hickok diese Karten in der Hand hielt, ist eine hartnäckige Legende. Nachweislich erstmals aufgestellt wurde diese Behauptung im Jahre 1926, als Frank Jenners Wilstach (1865 – 1933) sie in seinem Buch „Wild Bill Hickok: The Prince of the Pistoleers“ veröffentlichte (übrigens der Vorlage für den Film „The Plainsman“ [dt.: Der Held der Prärie] von Cecil B. DeMille, 1936). Dabei berief er sich auf einen Brief, den er von Ellis Taylor „Doc“ Peirce (1846 – 1926) erhalten habe, der 1876 als Frisör und Bestatter in Deadwood tätig war und einen Ruf als Fabulierer hatte. Bisher wurde kein Beleg aus den fünfzig Jahren zwischen 1876 und 1926 gefunden, in dem erwähnt worden wäre, wie Hickoks Blatt aussah, und daher erscheint es sehr zweifelhaft, dass sich seinerzeit jemand darum gekümmert haben und es anschließend tatsächlich Tagesgespräch im Wilden Westen gewesen sein soll. Der Begriff „Dead Man’s Hand“ existierte dort in jener Zeit zwar tatsächlich, bezog sich aber auf andere Pokerpartien und andere Blätter. – Den Unterhaltungswert der hier präsentierten Story schmälert dieses Wissen jedoch in keiner Weise.


Anmerkung des Übersetzers

Zur Zeit (Stand November 2025) ist „The Sons of Philo Gaines“ aus dem Jahre 2020 Michael R. Ritts einziger veröffentlichter Roman. Zwei weitere Romane über die Familie Gaines sind jedoch bereits fertig: „Trouble on the Brazos“ und „The King of Nugget Town“. Wie man einem Facebook-Beitrag des Autors entnehmen kann, nimmt es in dem dritten Roman, der im Jahre 1882 spielt, mit Pete Canfield aus der obigen Kurzgeschichte kein gutes Ende, denn die Hauptfigur, David Gaines, findet Pete, der zu dieser Zeit bereits Eigentümer der Lady-Belle-Mine ist, ermordet auf und versucht anschließend, gemeinsam mit dessen Witwe Samantha das Verbrechen aufzuklären. Welche Rolle Petes Freund Ben, der inzwischen Gaines’ Schwester geheiratet und Karriere in der Lady-Belle-Mine gemacht hat, dabei spielt, ist dem Beitrag nicht zu entnehmen.

Erscheinungstermine für die beiden genannten Fortsetzungen sind noch nicht bekannt.

Ergänzung 2026: Michael R. Ritt ist im Internet mit einer gut gestalteten website vertreten: https://rittwesterns.com



Freitag, 20. Juni 2025

STORY: Das Geisterpferd (Michael R. Ritt)


Das Geisterpferd

von Michael R. Ritt

(Orig. „The Demon Horse“, 2018; Übers.: Reinhard Windeler)


Dieses Mal müssen wir aufpassen, dass die Einleitung nicht länger wird als die Geschichte selbst. 
Zwischen April 2018 und April 2019 gab der Western-Autor Scott Harris insgesamt vier Sammlungen von Kurzgeschichten heraus, zu denen er jeweils einundfünfzig Schriftstellerkollegen einlud, die zwei Dinge zu beachten hatten: Erstens mussten alle zweiundfünfzig Stories mit demselben Satz beginnen (natürlich in jedem Band mit einem anderen), und zweitens mussten sie alle jeweils aus exakt fünfhundert Wörtern bestehen. 
Die vorliegende Geschichte steuerte Michael R. Ritt, den wir schon bei anderer Gelegenheit vorgestellt haben, zu der Sammlung mit dem Titel „A Dark & Stormy Night“ bei, der sich daraus erklärt, dass der vorgegebene Anfangssatz im Original „It was a dark and stormy night“ lautete, was eine kleine Erläuterung verdient hat.
Der englische Schriftsteller Edward Bulwer-Lytton (1803 – 1873) eröffnete damit im Jahre 1830 seinen Roman „Paul Clifford“. Seither sind diese Worte zu einem Klischee für den übertrieben melodramatischen Anfang einer Geschichte geworden. Sogar ein Hund kann diesen Satz zu Papier bringen, wie man an Snoopy sehen kann, den der Peanuts-Erfinder Charles M. Schulz (1922 – 2000) seit 1965 immer wieder ein Buch zu schreiben beginnen ließ, und zwar jedes Mal mit den Worten „Es war eine dunkle und stürmische Nacht“ (natürlich ohne dass jemals ein Werk vollendet worden wäre). Seit 1982 richtet die kalifornische San José State University sogar den Bulwer-Lytton Fiction Contest aus, bei dem es darum geht, den schlechtesten Anfangssatz eines (fiktiven) Romans zu verfassen.
Und wie lang ist die deutsche Übersetzung von „The Demon Horse“? Richtig, genau fünfhundert Wörter. Ehrensache.

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Es war eine dunkle und stürmische Nacht.“

Slim Taggert schüttete seinen Kaffeesatz ins Feuer und sagte gereizt: „Was ist denn das für eine blöde Art, eine Geschichte anzufangen? Du musst vorne anfangen, mit den Indianern.“

Cookie wischte eine Bratpfanne aus und hängte sie an ihren Platz im Küchenwagen. „Wer erzählt die Geschichte, du oder ich?“

Alle Cowboys um das Feuer herum waren sich einig, dass Cookie die Geschichte erzählen sollte. Daher streckte sich Slim auf seinem Bettzeug aus und zog seinen Hut über seine Augen, als ob er nicht mehr interessiert war.

Cookie fuhr fort: „Ich steckte in diesem kleinen Arroyo, wo mich die Apachen hingejagt hatten. Ich hatte ziemlich gute Deckung und hatte es geschafft, sie mir den ganzen Tag über vom Leib zu halten. Aber jetzt war es dunkel, und ich hatte nur noch drei Kugeln. Das hieß, dass ich nur noch zwei Schüsse hatte. Ich kenne die Apachen, also habe ich die letzte Kugel für mich selbst aufgehoben.

Es war so dunkel wie in einer Gruft, abgesehen von den Blitzen, die ab und zu von Osten nach Westen am Himmel aufblitzten. Mir war klar, dass die Dämonen der Hölle in dieser Nacht auf die Wüste losgelassen worden waren. Ich konnte den Schwefel in der Luft riechen.“

Als Cookie fortfuhr, starrte Pete, der jüngste der Cowboys, ihn voller Spannung mit großen Augen an.

„Plötzlich hörte ich einen Schrei, der mir die Haare zu Berge stehen ließ. Ich wusste, jetzt wollten sie mich holen. Ich steckte meinen Kopf über den Rand des Arroyos. Es blitzte gerade, und ich sah einen Indianer, der rechts von mir entlanglief. Ich wartete auf den nächsten Blitz und feuerte dann. Er purzelte in den Arroyo, mit einem großen Loch in der Brust. Gleich darauf sprang ein anderer Indianer in den Arroyo und brüllte wie ein Verrückter. Nur, dass es kein Kriegsgeheul war. Es war der Schrei eines Menschen, der zu Tode erschreckt war. Er guckte mich direkt an, mit großen Augen, und schrie: ‚Chelee-gode‘.“

Pete schien es die Sprache verschlagen zu haben, dann fragte er: „Was bedeutet das?“

Cookie ging zu ihm hinüber, hockte sich vor ihn und flüsterte: „Geisterpferd.“

Alle Cowboys waren jetzt still – einige hielten die Luft an – und warteten, dass Cookie fortfuhr.

„Was hast du dann gemacht?“ flüsterte Pete.

„Der Indianer machte kehrt und lief den Arroyo rauf. Ich steckte meinen Kopf wieder über den Rand, konnte aber nur dann etwas sehen, wenn es blitzte. Aber ich hörte eine Menge. Ich hörte, wie Männer schrien, und ich hörte ein teuflisches Grunzen, ein Knurren. Bei den Indianern war die Hölle los. Ich machte mich auf dem Boden vom Arroyo so klein, wie ich nur konnte, und betete wie ein Baptistenpastor.
Es war so schnell vorbei, wie es angefangen hatte, aber ich bin erst aus dem Arroyo ’raus, als es hell wurde. Die Indianer waren weg, abgesehen von den vier toten. Und gar nicht weit weg stand das Chelee-gode.“

„Wie sah das aus?“ fragte Pete.

Cookie stand auf und grinste: „Wie ein Kamel.“




***Published with permission from Michael R. Ritt and Literary Agent Cherry Weiner  - cwliteraryagency@gmail.com***
© für die deutsche Übersetzung: Reinhard Windeler, 2025

Wir danken dem Autor sowie der Cherry Weiner Literary Agency für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung dieser Übersetzung.


Anmerkungen des Übersetzers:
1) Was es mit Kamelen im Wilden Westen auf sich hat, wissen Leser des AKWA Journal spätestens seit Vonn McKees Kurzgeschichte „… für einen anderen ein Meer“, die wir im April 2025 veröffentlicht haben.
2) Für Freunde des Skurrilen: Die Gewinner des in der Einleitung erwähnten Wettbewerbs (in verschiedenen Kategorien) gibt es zumindest für die Jahre ab 1996 online unter folgendem Link: https://www.bulwer-lytton.com/winners 

Ergänzung 2026: Michael R. Ritt ist im Internet mit einer gut gestalteten website vertreten: https://rittwesterns.com




Freitag, 21. März 2025

STORY: Drei Tage bis Pine River (Michael R. Ritt)


Drei Tage bis Pine River

von Michael R. Ritt

(Original: "Three Days to Pine River", 2016 - Übers.: Reinhard Windeler, 2025)



Michael Robert Ritt (Jahrgang 1960) war bis 2023 als Verbraucherschützer für das US-Landwirt­schaftsministerium tätig. Dann, nachdem er zwanzig Jahre lang in Colorado und Montana gelebt hatte, kehrte er nach Wisconsin zurück.

Seine erste Short Story („The Conversion of Boze Carter“) wurde Ende 2013 veröffentlicht, sein erster und bisher einziger, aber hochgelobter und preisgekrönter Roman („The Sons of Philo Gaines“) im Jahre 2020.
Seine dritte Kurzgeschichte, die 2016 in der Anthologie „Showdown“ (Hrsg.: Brett Cogburn) erschien und 2021 im Podcast-Ableger „Six-Gun Justice“ (Hrsg.: Richard Prosch) nachgedruckt wurde, handelt von einem Marshal, der einen jungen Raubmörder seiner gerechten Strafe zuführen muss. Was die beiden miteinander verbindet, wird – geradezu mustergültig – erst mit dem allerletzten Wort eindeutig enthüllt.






__________________________

I.

Marshal Logan Califf war sich nicht sicher, was ihm im Moment mehr Kummer bereitete. Es hielt sich die Waage zwischen der höllischen Hitze Colorados einerseits und dem Mann auf dem Pferd hinter ihm, dessen Hände an den Sattelknauf gebunden waren, andererseits. Er hielt sein Reittier an und spähte den Pfad entlang, der vor ihm durch einen Espenhain führte, während er sich den Berghang hinunterschlängelte. Er mochte keine Pfade. Zu viele Leute benutzten sie. So wurden sie ja überhaupt erst zu Pfaden. 

Er zog es vor, querfeldein zu gehen, aber in den Bergen war die Auswahl, die ihm zur Verfügung stand, überschaubar.

Schweißperlen sammelten sich zu Tropfen, die seine Schläfen hinabliefen und in den Bartstoppeln verschwanden, die im Laufe der vergangenen Woche in seinem Gesicht gewachsen waren. Er nahm seinen Hut ab und fuhr sich mit einem tiefen Seufzer mit dem Ärmel über die Stirn.

„Was ist los, alter Mann? Wird’s ’n bisschen zu heiß für dich?“

Logan drehte sich halb um, um den Mann anzusehen, der das sagte. Mit einem Blick nach unten vergewisserte er sich, dass die Hände seines Gefangenen immer noch sicher gefesselt waren. Er hatte fast eine ganze Woche damit verbracht, ihn durch diese Berge zu verfolgen, nachdem er aus dem Gefängnis in Pine River ausgebrochen war. Er hatte nicht vor, ihn noch einmal entkommen zu lassen.

Er wendete seine Grulla-Stute und führte sie neben den Braunen des anderen Mannes. Die beiden Pferde standen Nase an Schweif, während Logan die Feldflasche anhob, die er mit einem Riemen an seinen Sattelknauf gehängt hatte. Er zog den Korken heraus, legte den Kopf in den Nacken und nahm ein paar Schlucke. Dann hielt er die Feldflasche an den Mund des jüngeren Mannes. Der Gefangene warf seinen Kopf mit einem Ruck zur Seite. „Das brauch’ ich nicht. Ich kann viel länger durchhalten als du.“ Trotzig versuchte er genug Speichel zu produzieren, um ihn in Logans Richtung zu speien, aber sein Mund war zu trocken für dieses Bemühen, und er brachte lediglich ein trockenes Spuckgeräusch zustande – große Klappe und nichts dahinter. 

Mit einem Achselzucken steckte Logan den Korken wieder in die Feldflasche und schlang den Riemen wieder um den Sattelknauf. „Es wird dir noch zupass kommen, dass dir die Hitze so gut gefällt. Da, wo dein Weg dich hinführt, gibt es mächtig viel davon.“

Sie setzten ihren Weg den Pfad hinunter fort; Logan, sein Gefangener und ein Packpferd, das den Abschluss bildete. Der Pfad war steil und tückisch, übersät mit Felsbrocken und umgestürzten Bäumen, weshalb Logan es den Pferden überließ, sich ihren Weg nach unten zu suchen. 

Die San Juan Mountains waren über viertausend Meter hoch, aber so weit oben waren sie nicht. Sie befanden sich weit unterhalb der Baumgrenze. Logan warf einen Blick auf einen nahegelegenen Gipfel und dachte daran, wieviel kühler es näher am Gipfel sein würde. Dies war ein besonders heißer Sommer gewesen, und Logan ertappte sich dabei, dass er die Anzahl der Monate bis zum ersten möglichen Schneefall berechnete. Komisch, dachte er, es war noch gar nicht so lange her, dass er darüber spekuliert hatte, wie schnell es Sommer werden würde.

Die Pferde bahnten sich ihren Weg durch einige Kiefern und näherten sich einer vernarbten Fläche, die im vergangenen Sommer abgebrannt war. Neue grüne Vegetation und Kiefernsämlinge sprossen auf dem geschwärzten Boden. Auf einigen der verkohlten Baumstümpfe und -stämme, die diese Seite des Berges übersäten, wuchs bereits Moos.

Logan ließ die Pferde anhalten und seinen Blick über den verbrannten Bereich sowie den Bergrücken schweifen, der etwa auf halber Strecke aufragte. Zu offen, dachte Logan. Sieht nach einem guten Platz für einen Hinterhalt aus. Um die baumlose Seite des Berges zu umgehen, lenkte er die Pferde nach Osten. Er mied das offene Gelände und blieb gerade eben zwischen den Bäumen.

Der jüngere Mann fing an zu lachen. „Machst du dir um ’was Sorgen, Marshal? Scheint mir Zeitverschwendung zu sein, den langen Umweg zu machen. Stört mich natürlich nicht im Geringsten. Du nimmst dir so viel Zeit, wie du willst. Ich dachte nur, du hättest es eilig, mir meinen Hals lang zu ziehen.“

„Dazu kommen wir noch, Lou. Ich möchte nicht, dass dein Komplize mich abknallt. Außerdem ist es hier in den Bäumen kühler als im Freien.“

„Ich sage dir dauernd, dass ich keinen Komplizen habe.“ Lou Beck spuckte das Wort aus, als wäre es ein Insekt, das ihm in den Mund geflogen war. „Ich weiß nicht, warum es dir so schwer fällt, das zu glauben.“

Logan ließ seine Stute über einen umgestürzten Baumstamm steigen, der quer über seinem Weg lag. Die anderen Pferde taten es ihr gleich. „Dann will ich’s dir ’mal erklären. Erstens: Als du eine Woche nach dem Raubüberfall in der Nähe von Hermosa geschnappt worden bist, hattest du nichts von dem Geld bei dir. Wenn du auch nur einen Teil davon gehabt hättest, hättest du es in der Stadt auf den Kopf gehauen. Zeugen in der Bank haben gesehen, dass du durch die Hintertür aus dem Gebäude gerannt bist, nachdem du den Bankier Stevens erschossen und das Geld aus dem Tresor genommen hast.“

„Ich wollte niemanden erschießen,“ hakte Lou ein. „Dieser fette alte Bankier hat nach einer Waffe gegriffen, die er im Tresor versteckt hatte. Ich hatte keine Wahl.“

„Du hattest eine Wahl. Du hast dich nur für das entschieden, was einfach und bequem für dich war.“ Logan wartete auf eine Antwort von Lou, aber es kam keine. „Egal, wie ich schon sagte, haben andere Zeugen dich und eine weitere Person gesehen, wie ihr wild entschlossen aus der Gasse gestürmt seid. Dein Komplize muss dort hinten gewesen sein und die Pferde gehalten haben.“

„Wie ich dem Richter schon gesagt habe – ich weiß nicht, wer das war.“

„Er ist also mit seinem Pferd zufällig gerade dann durch die Gasse hinter der Bank geritten, als du sie ausgeraubt hast und hinten ’raus gerannt bist?“

Lou reckte frech sein Kinn vor. „Richtig. Genau das ist passiert.“

„Hmm, nehmen wir ’mal an, um die Sache weiter zu durchdenken, das ist die Wahrheit – was es nicht ist, wie wir beide wissen –, aber nur wegen des Gedankenspiels halten wir es ’mal für wahr. Wo ist das Geld?“

Logan brachte die Pferde zum Stehen, drehte sich zu Lou um und wartete auf dessen Antwort.

„Ich habe es irgendwo versteckt, wo niemand es finden wird.“

Es war dieselbe Geschichte, die Lou bei seinem Prozess erzählt hatte. Sie war jetzt nicht glaubwürdiger als damals. „Du bleibst immer noch bei dieser hanebüchenen alten Geschichte? Sei’s drum. Es gibt immer noch den Grund Nummer zwei, warum ich weiß, dass du einen Komplizen hattest.“

„Und was ist das für ein Grund?“

„Jemand hat dich aus meinem Gefängnis befreit.“

„Verdammt, das war einfach. Ich habe nur deinen Deputy überwältigt, mir seine Waffe geschnappt und ihn erschossen. Dann habe ich seine Schlüssel genommen und mich selbst ’raus gelassen.“ Lou lächelte, als ob seine großartige Leistung dazu bestimmt war, Stoff für eine Legende zu werden. 

„Dann erklär’ mir, du Genie, warum seine Leiche im Vorraum und nicht direkt vor der Zelle gefunden wurde. Wie konntest du ihn vom anderen Ende des Gefängnisses aus überrumpeln?“

Lou hatte darauf keine Antwort. Eine Fliege landete immer wieder auf seiner Nasenspitze. Lou, dessen Hände immer noch an den Sattelknauf gebunden waren, schüttelte den Kopf hin und her, als er versuchte, das lästige Insekt zu verscheuchen. Bei einem vergeblichen Versuch, sich seines Quälgeistes zu entledigen, schüttelte Lou seinen Kopf mit so viel Schwung, dass sein Hut wegflog und unter seinem Pferd landete, das scheute, als der Hut auf den Boden fiel, und einen leichten Schritt zur Seite machte, um nicht auf ihn zu treten.

Logan saß da, wartete auf eine Antwort, und seine Verärgerung wuchs mit jedem Moment, der verging. Seine Augen verengten sich, und die Muskeln in seinem Kiefer spannten sich an. Mit zusammengebissene Zähnen sagte er: „Mein Deputy war ein guter Mann. Er hatte eine Frau und einen kleinen Sohn. Er hatte sein ganzes Leben noch vor sich.“

Lou senkte in einem seltenen Anflug von Reue seinen Kopf und sagte in ehrerbietigem Ton leise: „Das wusste ich nicht. Tut mir leid, das von ihm zu hören. Das ist wirklich ein Jammer.“

„Tja, über eins sind wir beide uns einig, Lou“, sagte Logan, als er die Pferde wieder den Berg hinunter in Bewegung setzte. „Du bist der jämmerlichste Mensch, den ich kenne.“

„Was ist mit meinem Hut?“ rief Lou, kurz bevor das Packpferd hinter ihm auf die Krempe trat und den Hut im Staub zerdrückte.

„Du hast keinen Hut verdient“, rief Logan zurück.

***

Der Pfad wurde flacher, als sie zu einer kleinen Bergwiese kamen. Lupinen und Akelei bildeten einen Flickenteppich aus blauen und roten Wildblumen. Der schwache, süße Pfefferduft von Scharlachroter Gilia lag in der Luft. Drei Maultierhirsche grasten ein paar hundert Meter entfernt am anderen Ende der Wiese. Sie blickten auf, entdeckten Logan und die Pferde, die sich näherten, und verschwanden dann zwischen den Bäumen, die das andere Ende des Feldes säumten.

Logan brachte sein Pferd zum Stehen, um das Feld vor ihm eingehend zu betrachten. Wieder einmal wollte er instinktiv den offenen Bereich vermeiden und ihn außen umgehen. Stattdessen drehte er sich zu Lou um. „Weißt du, Lou, mir ist gerade ein Gedanke gekommen.“

„Na, dann gratuliere ich zu deiner großartigen Leistung.“ Lou war immer noch verstimmt, weil er seinen Hut eingebüßt hatte. Sein Kopf war nach vorne geneigt, und seine Augen waren geschlossen. Er sah fast aus, als wäre er eingeschlafen.

Logan saß nur da und blickte ihn an, ohne ein Wort zu sagen.

Schließlich hob Lou den Kopf und sah sich um. Dann bemerkte er, dass Logan ihn anstarrte. „Was?“

„Es ist mir in den Sinn gekommen, dass, wenn du einen Komplizen hast, vielleicht nicht ich es bin, den er abknallen würde.“

„Was redest du da?“

Logan warf noch einen Blick über die Wiese und drehte sich dann zu Lou um. „Also, so wie ich es sehe, ist dieser Komplize, den du angeblich nicht hast, offensichtlich der Kopf des Unternehmens. Er bringt dich dazu, die Bank am helllichten Tag auszurauben – unter Zeugen –, während er sich mit den Pferden in der Gasse versteckt hält. Er entkommt mit dem Geld, aber du wirst geschnappt und ins Gefängnis geworfen. Dann befreit er dich aus dem Gefängnis, bevor du die Gelegenheit hast, jemandem seine Identität zu verraten.“

„Klingt, als würde dieser ausgedachte Komplize, den du mir ständig andichtest, mir helfen; wenn er mich doch aus dem Gefängnis holt und so weiter. Worauf willst du hinaus, Marshal?“

„Was ich sagen will, Lou, ist … dass er dich nur aus dem Gefängnis geholt hat, damit du nicht in Versuchung kommst, jemandem zu erzählen, wer er ist. Der Richter hat gesagt, er würde deine Strafe in zwanzig Jahre Gefängnis umwandeln, wenn du das Geld zurückgibst. Ich würde darauf wetten, dass dein Komplize der einzige Grund ist, weshalb du so stur bist. Er hat dich überzeugt, dass du dir keine Sorgen machen musst; dass er dich aus dem Gefängnis holen würde, falls du geschnappt wirst. Wie hat er das gemacht …? Hat er dir einen größeren Anteil von dem Geld angeboten, wenn du den Mund hältst?“ Logan beugte sich im Sattel vor und tätschelte der Grulla-Stute den Hals, während er sprach. „So wie die Dinge jetzt stehen, hat er das Geld, und der Einzige, der seine Identität kennt, ist nicht mehr sicher hinter Schloss und Riegel. Er hat dich nicht ’rausgeholt, um dich zu retten. Er hat dich ’rausgeholt, damit er dich zum Schweigen bringen kann.“

Lou saß einen Moment da, ohne etwas zu sagen und dachte über das nach, was Logan gerade gesagt hatte. Sein Mund war halb geöffnet, während er mit leerem Blick auf den Hinterkopf seines Pferdes starrte. Schließlich schüttelte er den Kopf und antwortete: „Du liegst daneben, Marshal. Du kannst so viel spekulieren, wie du willst. Ich sage dir immer wieder, dass ich keinen Komplizen habe.“

Trotz dem, was Lou gesagt hatte, bemerkte Logan etwas in seinen Augen, als er aufblickte. Es könnten Zweifel gewesen sein oder vielleicht Angst. Es war nur eine Andeutung, aber es gab Logan etwas, mit dem er arbeiten konnte. „Also gut. Wenn das, was du sagst, wahr ist, dann hat keiner von uns beiden etwas zu befürchten, oder?“

„Das ist, was ich dir immer wieder sage, Marshal.“

Ohne ein weiteres Wort stieß Logan seine Fersen in die Seiten der Grulla-Stute. „Hüüah“, schrie er, als sein Reittier mit den anderen beiden Pferden im Schlepptau hinaus auf die offene Wiese sprang.

Lou umklammerte den Sattelknauf und hielt sich verzweifelt fest. „Was machst du da? Willst du uns umbringen?“ schrie er und wurde von einer Seite zur anderen geworfen, während Logan die Pferde über das Feld jagte.

Sie hatten ein Drittel der Wegstrecke zurückgelegt, als der erste Schuss fiel. Es war aus den Bäumen rechts von ihnen gekommen und wirbelte direkt vor Logans Pferd Erde auf. Intuitiv duckten beide Männer sich tiefer im Sattel. Logan lenkte die Pferde nach links und ließ sie weg von dem Schützen galoppieren, der jetzt irgendwo hinter ihnen war.

Bald darauf folgte ein zweiter Schuss, der Lous rechtes Hosenbein durchschlug und ein Loch durch den fleischigen Teil seiner Wade riss. Lou schrie vor Schmerz auf.

Logan änderte erneut die Richtung und lenkte die Pferde zurück nach rechts. Zwei weitere Gewehrschüsse waren zu hören, die beide ihr Ziel verfehlten, bevor die Pferde es in die Sicherheit der Bäume am anderen Ende der Wiese schafften.

Etwa zwanzig Meter innerhalb der Bäume brachte Logan die Pferde zum Stehen. Er saß ab und zog sein Gewehr aus dem Sattelschuh. Mit seinem Reittier zwischen sich und der Wiese überprüfte er eilends, wie es um Lou und die Pferde bestellt war.

„Herrgott noch ’mal.“ Lous Gesicht war schmerzverzerrt, und er zuckte zusammen, als Logan sein Hosenbein aufriss, um seine Wunde zu untersuchen. „Wieso musstest du das tun? Hast du versucht, mich umzubringen, bevor man mich hängen kann?“

„Hör’ auf zu jammern. Es ist nur ein Kratzer.“ Er riss einen Streifen Stoff aus dem Aufschlag von Lous Hose. Er nahm das Halstuch, das er sich umgebunden hatte, und befestigte damit den über der Wunde zusammengeknüllten Stoffstreifen. „Das wird die Blutung ruckzuck stoppen.“

Lou saß auf seinem Pferd; mit einer Schusswunde im Bein, gefesselten Händen, ohne Hut, erhitzt und hungrig. Er bot einen ziemlich erbärmlichen Anblick.

Mit dem Gewehr in der Hand arbeitete sich Logan von Baum zu Baum vor, während er sich dem Rand der Wiese näherte, um nach Hinweisen auf den Schützen zu suchen. Nachdem er sich davon überzeugt hatte, dass dort niemand mehr war, ging er dorthin zurück, wo die Pferde und Lou zwischen den Bäumen warteten.

„Es ist gut, dass dein Komplize kein besserer Schütze ist. Es hätte viel schlimmer für dich ausgehen können als eine kleine Fleischwunde.“ Logan steckte das Gewehr wieder in den Sattelschuh und saß auf.

„Du gibst einfach nicht auf, oder?“ Lou verzog das Gesicht, als er seinen Stiefel aus dem Steigbügel zog, um etwas Druck von seinem verletzten Bein zu nehmen.

„Wenn das nicht dein Komplize war, der gerade auf uns geschossen hat, wer war es dann? Was glaubst du?“

„Ich nehme an, es war ein Jäger, der unsere Pferde mit den drei Hirschen verwechselt hat, die wir gesehen haben.“

Logan schüttelte verständnislos den Kopf. „Deine Ma ist eine der freundlichsten und gottesfürchtigsten Frauen, die ich kenne, und dein Pa war der beste Gesetzeshüter, mit dem ich je zusammengearbeitet habe. Wie konntest du nur so ein böser, starrköpfiger Dummkopf werden?“

„Mein Pa war ein selbstgerechter Hurensohn, dem seine Arbeit immer wichtiger war als seine Familie. Er war nur dann glücklich, wenn er hinter einem Pferdedieb oder einem Mörder her war. Er wusste nicht einmal, dass Ma oder ich existierten. Also komm’ mir nicht damit, was für ein großartiger Mann mein Pa war – oder was für ein gutes Vorbild. Tatsächlich war er nie lange genug da, um überhaupt irgendetwas für mich zu sein.“ Lous Gesicht wurde rot wegen der Wut, die in ihm hochgekommen war. Der bittere gallige Geschmack lenkte seine Gedanken für einen Moment von dem Schmerz ab, den ihm die Schusswunde in seinem Bein bereitete.

„Nun, du siehst die Dinge auf eine Art, und ich sehe die Dinge auf eine andere, schätze ich.“ 

„Du siehst die Dinge auf seine Art, weil du genauso bist wie er.“

„Glaubst du, mir macht das hier Spaß? Glaubst du, ich will dich hängen sehen? Ich bin nicht gerade begeistert von dem Gedanken, deiner Ma sagen zu müssen, dass ihr einziger Sohn als Mörder und Dieb gehängt wurde.“ Logan holte tief Luft und senkte seine Stimme. „Sohn, ich habe alles getan, was ich kann, um dich dazu zu bringen, mir zu sagen, wer es ist, mit dem du gemeinsame Sache machst. Sag’ mir, wo das Geld ist, damit du nicht hängen musst. Nimm das Angebot von Richter Nichols an. Zwanzig Jahre mit der Aussicht auf Bewährung. Du kannst immer noch ein Leben haben. Du kannst die Dinge noch ändern.“

Einen Moment lang glaubte Logan, Lou zögern zu sehen, als ob er etwas sagen wollte, aber sich nicht sicher war, wie er anfangen sollte. Gerade einmal eine oder zwei Sekunden lang schien sein Blick weich zu werden. Aber dann sah Logan, wie die Starrköpfigkeit und die mangelnde Bereitschaft zur Zusammenarbeit genauso schnell zurückkehrten. „Wir sollten einfach weitermachen, Marshal, und von diesem lausigen Berg wegkommen.“

***

Der Rest des Abstiegs nach unten verlief ereignislos, und die beiden Männer fanden sich bald in den Ausläufern der San Juan Mountains wieder. Die Temperatur war merklich gesunken, und der Wind hatte aufgefrischt, als sie am Ufer eines kleinen Wasserlaufs saßen und ihre Pferde tränkten. Logan schätzte, dass es noch etwa drei Tage bis Pine River waren, wohin er und Lou unterwegs waren.

Der Himmel wurde dunkler, und der Wind hatte eine Kühle in sich, die Logan eine gewisse Erleichterung brachte, aber auch mit der Aussicht auf Regen drohte. Logan war sich nur zu gut bewusst, wie schnell Stürme in den Berge aufzogen und wie gefährlich es für einen Menschen sein konnte, der mitten hinein geriet. Er sah zu den sich auftürmenden Wolken hinauf. „Besser wir finden ein Plätzchen, wo wir uns verkriechen können.“

Sie folgten dem kleinen Wasserlauf durch die bewaldeten Ausläufer, bis sie an eine offene Fläche kamen. Hier flachte das Land zu einem breiten Tal ab, das etwa eineinhalb Meilen breit und vielleicht drei oder vier Meilen lang war.

Etwa auf halber Strecke durch das Tal konnte Logan am nördlichen Ende mehrere kleine Gebäude erkennen. Es gab eine Hütte und eine Scheune mit einem kleinen Corral aus einzelnen Planken, außerdem ein Klohäuschen und ein kleineres Gebäude, das höchstwahrscheinlich ein Geräteschuppen war. Im Corral konnte Logan zwei frei umherlaufende Pferde erkennen, und er sah Rauch aus dem Schornstein der Hütte aufsteigen.

„Sieht nach einer warmen Mahlzeit und einem trockenen Platz zum Übernachten aus. Was meinst du, Lou? Sollen wir runtergehen und uns vorstellen?“

Lous Bein pochte. Er war hungrig und müde und wollte nichts lieber, als von seinem Pferd abzusteigen, sich in einem schönen warmen, weichen Strohhaufen auszustrecken und ungefähr zwölf Stunden lang zu schlafen. „Wenn das eine Chance auf bessere Gesellschaft ist, als du sie in den letzten drei Tagen warst, dann bin ich auf jeden Fall dafür.“

Das Gehöft war am Nordende des Tals eingebettet. Es gab gutes Gras, und der Wasserlauf, dem sie gefolgt waren, floss mitten hindurch. Logan dachte, dass es ein großartiger Ort war, um Rinder oder Pferde zu züchten, aber abgesehen von den beiden Pferden im Corral war auf dem gesamten Anwesen kein Nutztier zu sehen.

Sie ließen ihre Pferde auf die Lichtung und hinüber bis zur Hütte gehen, die an der Vorderseite eine kleine Veranda besaß, die angebaut war und etwas vorsprang. Auf der Veranda saß ein Mann. Sie konnten ihn singen hören, als sie sich der Hütte näherten.

„Ich sitze hier am Straßenrand an diesem schönen Sommertag,
halte ab und zu ein Schwätzchen, wie ich es gerne mag.“  (1)

Der Mann war, soweit Logan es abschätzen konnte, über sechzig Jahre alt. Er war kräftig gebaut und hatte einen langen weißen Bart, der über eine Brust hing, die wie ein Fass war. Er hatte ein Stück Wachstuch in der Hand, mit dem er ein Winchester-Gewehr putzte, das auf seinem Schoß lag. Logan fielen die blauen Augen des Mannes auf, die hell und scharf waren. Sie blickten unter zwei buschigen weißen Augenbrauen hervor, und ihnen schien nichts zu entgehen, als er die beiden berittenen Fremden musterte. Er sang weiter, als Logan die Pferde vor ihm zum Stehen brachte.

„Liege im Schatten der Bäume, wie meine Kameraden auch,
wie herrlich, wir schlagen uns Erdnüsse in den Bauch.“ (2)

„Howdy.“ Der alte Mann blieb in seinem Schaukelstuhl sitzen, als er sprach, aber Logan fiel auf, wie seine Hand auf dem Gewehrkolben ruhte.

„Howdy. Ich bin Marshal Logan Califf aus Pine River. Dieser Mann“ – er nickte zu Lou hinüber – „ist mein Gefangener. Wir sind auf dem Weg zurück in die Stadt.“

Der alte Mann erhob sich. Logan bemerkte die Initialen „T.A.B.“, die in den Walnussschaft des Winchester geschnitzt waren, als er sie neben dem Schaukelstuhl an die Wand lehnte. „Freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, Marshal. Ich bin Jesse Aldridge, aber Sie können mich Jess nennen.“

Logan sah zu den sich auftürmenden Wolken hinauf. „Jess, es sieht so aus, als ob wir etwas Regen kriegen. Ich hatte gehofft, wir könnten die Nacht in Ihrer Scheune verbringen und vielleicht eine warme Mahlzeit von Ihnen bekommen.“

Jess warf einen verstohlenen Blick auf Lou. „Was ist mit Ihrem Gefangenen da, Marshal? Ist er gefährlich? Ich wohne hier mit meiner Enkeltochter. Ich möchte mir nur ungern Ärger einhandeln.“

Wie aufs Stichwort öffnete sich die Eingangstür, und eine junge Frau erschien. Sie sah aus, als wäre sie Mitte zwanzig, mit langen blonden Haaren, die glatt bis zur Mitte ihres Rückens hinunterhingen. Sie war ein Kunstwerk an all den Stellen, auf die ein Mann gerne schaut, und sie hatte tiefblaue Augen, genau wie ihr Großvater. Sie trug ein blau-weißes Kattunkleid und hatte eine Schürze um ihre Taille gebunden. Sie wischte sich die Hände an einem Handtuch ab, trat heraus und stellte sich neben Jess.

„Marshal, das ist meine Enkeltochter Ann. Ann, Schatz, dieser Mann ist Marshal Califf. Er ist auf dem Weg nach Pine River und hatte gehofft, hier übernachten zu können.“

„Es ist mir ein Vergnügen, Sie kennenzulernen, Marshal.“

„Ganz meinerseits, Miss.“

Ann schaute Lou direkt an, richtete ihre Frage aber an Logan. „Und wer ist das?“

„Das ist Lou Beck. Er ist mein Gefangener. Ich bringe ihn zurück nach Pine River, wo er gehängt werden soll.“

„Ist Mr. Beck gefährlich, Marshal?“ wiederholte Ann die Frage, die ihr Großvater gestellt hatte. Logan konnte keine Angst in ihrer Frage erkennen. Stattdessen schien sie von der Aussicht fast begeistert zu sein.

„Im Moment nicht, Miss Aldridge. Ich versichere Ihnen, dass er während unseres Aufenthalts gefesselt bleiben wird. Er wird Ihnen oder Ihrem Großvater keine Ungelegenheiten machen. Stimmt doch, oder Lou?“

Lou lächelte zu Ann hinunter. Selbst ohne Hut und mit eine Woche alten Bartstoppeln war er ein gutaussehender junger Mann. Zweifellos hatte er schon mehr als eine einsame weibliche Bewohnerin einer Heimstätte umgarnt; besonders diejenigen, die nicht oft in die Stadt kamen.

„Schätzchen, du hast mein Wort, dass ich mich von meiner besten Seite zeigen werde. Zumal du so ziemlich das hübscheste Ding bist, das ich seit Ewigkeiten gesehen habe.“ Er zwinkerte Ann zu, was sie erröten ließ. „Und so angeschossen, wie ich bin“ – Lou verlagerte sein Gewicht im Sattel und zuckte dabei um des dramatischen Effekts willen zusammen – „bin ich wohl kaum in der Verfassung, um Ungelegenheiten zu machen.“

Die Farbe wich aus Anns Gesicht. Ihre Augen weiteten sich besorgt. „Marshal, ist dieser Mann verletzt?“ Lou fing an, sich das Bein zu reiben. Ann stieg von der Veranda herunter und ging schnell zur rechten Seite von Lous Pferd, um einen besseren Blick zu bekommen. „Ann, Süße“, rief Jess ihr nach. „Sei ja vorsichtig.“

„Irgendein Jäger hat unsere Pferde mit Maultierhirschen verwechselt“, beeilte sich Logan zu erklären. „Lou hat eine Kugel ins Bein abbekommen. Sie ist aber glatt durchgegangen. Er wird überleben … zumindest bis ich ihn zurück nach Pine River gebracht habe.“

Ann runzelte die Stirn bei Logans Bemerkung. „Helfen Sie mir, diesen Mann ins Haus zu bringen, damit ich seine Wunde versorgen kann.“

Genau in diesem Augenblick klatschte ein großer Regentropfen in den Staub vor Logans Pferd. Dann fiel ein weiterer und machte ein dumpfes Geräusch, als er die Krempe seines Hutes traf, vom Rand hinabrollte und auf der Wölbung des Sattels landete.

Jess stieg von der Veranda herunter. „Warum helfen Sie Ann nicht, Ihren Gefangenen ins Haus zu bringen, Marshal? Ich bringe währenddessen Ihre Pferde in die Scheune.“

Logan zog sein Messer und langte hinüber, um das Seil durchzuschneiden, mit dem Lou an seinem Sattel festgebunden war. Obwohl die rasiermesserscharfe Klinge das Seil durchtrennte und Lou von seiner Klammer befreite, blieben seine Hände aneinander gefesselt.

Jess führte die Pferde in die Scheune, während Logan und Ann Lou in die Hütte geleiteten. Sie setzten ihn auf einen Stuhl neben dem Kamin. Die Holzscheite darin knisterten und knackten und veränderten ihre Lage, als die Flammen sie verzehrten und in glühende Asche verwandelten.

Ann goss etwas heißes Wasser aus einem Kessel in eine kleine Schüssel. Lou zuckte vor Schmerzen zusammen, als sie den Verband entfernte und die Wunde reinigte.

Logan schaute sich in der kleinen Hütte um. Es gab nicht viel Mobiliar, aber sie war warm und trocken. Sie war in drei Räume unterteilt. Da war der Hauptraum mit dem Kamin, ein paar Stühlen und einem Holztisch mit Bänken auf beiden Seiten. Ein Topf mit Eintopf köchelte über dem Feuer, und der Duft von frisch gebackenem Brot ließ Logan das Wasser im Mund zusammenlaufen. Die andere Seite der Hütte war in zwei Schlafzimmer unterteilt; eines für Jess und eines für seine Enkelin.

Logan fiel auf, dass es kaum etwas gab, das auf das Händchen einer Frau hindeutete. An keinem der beiden Fenster hingen Vorhänge. Es gab keine Vasen mit Wildblumen, kein Tischtuch, kein schönes Geschirr und auch sonst nichts von den Dingen, auf die Frauen so viel Wert zu legen schienen.

„Wie lange leben Sie schon hier mit Ihrem Großvater?“ fragte Logan, als Ann damit fertig war, einen sauberen Verband um Lous Bein anzulegen.

„Ich bin seit ungefähr sechs Monaten hier. Aber das ist nicht von Dauer. Ich gehe nach San Francisco.“

„Ist da Ihre Verwandtschaft?“ Logan hatte sich auf die Seite des Tisches gesetzt, die dem Kamin am nächsten war. Die Kälte und Feuchtigkeit des Sturms waren schnell in ihn gezogen, und die Wärme der brennenden Holzscheite fühlte sich gut an. Eines nach dem anderen streckte er seine Beine aus und rieb sich etwas von der Steifheit aus seinen Knien.

„Pa wurde am Antietam (3) getötet, als ich ein kleines Mädchen war. Meine Ma ist letztes Jahr an Schwindsucht gestorben. Deshalb bin ich hierher zu meinem Opa gekommen. Aber wie gesagt“, fügte sie schnell hinzu, „ich bin auf dem Weg nach San Francisco.“

Die Haustür öffnete sich, und Jess kam herein. Er wischte sich den Regen von den Armen. „Es fängt da draußen an, ziemlich gut zu schütten. Sieht so aus, als hättet ihr Jungs es gerade noch rechtzeitig hierher geschafft.“ Wie um das zu unterstreichen, erhellte ein Blitz den Himmel, und durch das Tal rollte ein Donner, der von den Bergen widerhallte, als er in der Ferne verklang. Die Dunkelheit war hereingebrochen, getrieben von den Gewitterwolken, die tief über der Hütte hingen.

***

Jess setzte sich Logan gegenüber auf die Bank und legte die Winchester vor sich auf den Tisch. Als sie einander gegenübersaßen, zog Logan vorsichtig die Schlaufe vom Hammer des Colts in seinem Holster. Er nickte in Richtung des Gewehrs. „Das ist eine schöne Schusswaffe, die Sie da haben. Ich kann sehen, dass Sie sie gut pflegen. Wie lange haben Sie sie schon?“

„Das ist ein gutes Schießeisen, Marshal, aber es gehört nicht mir. Ich habe es gereinigt, als Sie angeritten kamen, aber es gehört Ann.“

Logan drehte sich schnell um und griff gleichzeitig nach seinem Revolver. Aber es war zu spät. Ann stand da mit einem Colt Army Revolver Kaliber .44, den sie in ihrer Schürze versteckt hatte. Sie hatte ihn direkt auf Logan gerichtet.

„Tun Sie das nicht, Marshal. Ich habe Ihrem Deputy ohne Weiteres eine Kugel verpasst. Ich kann dasselbe mit Ihnen machen, wenn es sein muss. Ziehen Sie Ihre Waffe langsam ’raus und werfen Sie sie hier ’rüber.“

Logan tat, was sie verlangte.

Jess hatte sich keinen Zoll bewegt. Der schockierte Ausdruck auf seinem Gesicht war für Logan Beweis genug, dass er mit all dem nichts zu tun hatte. „Ann! Was machst du denn da?“

„Halt’ dich einfach ’raus, Opa.“ Sie hielt die Waffe weiter auf Logan gerichtet. „Werfen Sie Ihr Messer auch ’rüber, Marshal. LANGSAM!“

Logan zog sein Messer aus der Scheide und ließ es über den Boden gleiten.

Sie hielt den Colt mit einer Hand auf Logan gerichtet, griff sich das Messer mit der anderen und schnitt Lou los. Als sie damit fertig war, warf sie das Messer zur Seite.

Lou rieb sich die Handgelenke, öffnete und schloss seine Fäuste und bog seine Finger, damit sie besser durchblutet wurden. „Wer ist jetzt das Genie, Marshal?“ Er bückte sich und hob Logans Revolver auf. „Die letzten drei Tage bist du mir mit der Frage auf die Nerven gegangen, wer mein Komplize war. Ich hätte fast laut gelacht, als du direkt zu der Hütte geritten bist.“

„Das muss ich dir lassen, Lou“, sagte Logan ruhig und mit einer Zuversicht, die im Widerspruch zu der Tatsache stand, dass jetzt zwei Schusswaffen auf ihn gerichtet waren. „Das habe ich nicht kommen sehen. Aber jetzt verstehe ich, warum du deine Komplizin nicht verraten wolltest – selbst nachdem sie versucht hat, dich auf dem Berg zu töten.“

Lou wedelte mit dem Revolver vor Logan wie eine Lehrerin, die einem aufsässigen Schüler mit dem Finger droht. „Das wird nicht klappen, Marshal, wenn du versuchst, uns so gegeneinander aufzubringen. Ann und ich lieben uns. Wir gehen zusammen nach San Francisco und heiraten da.“

„Das stimmt, mein Schatz.“ Ann lächelte und klimperte mit ihren Wimpern in Lous Richtung. „Außerdem, warum sollte ich versuchen, dich umzubringen, wo du mir doch nicht gesagt hast, wo du das Geld versteckt hast?“

„Mach’ dir darüber keine Sorgen, Liebling. Ich habe es in diesem hohlen Cottonwoodstamm versteckt, wo wir vor ein paar Monaten unser Picknick gemacht haben. Da ist es so sicher, wie es nur sein kann.“

„Das ist gut, Lou.“ Ann deutete auf das Seil, mit dem Lous Hände gefesselt gewesen waren. „Nimm das Seil und fessele sie. Wir brechen sofort auf.“

„Du willst jetzt los?“ fragte Lou. „Es stürmt. Es ist nicht sicher, bei so einem Wetter draußen unterwegs zu sein.“

„Tu’ was ich sage“, rief Ann als Antwort.

Lou zögerte einen Moment; dann nahm er mit einem Achselzucken das Seil und fesselte Logans Hände. Als er fertig war, machte er dasselbe mit Jess.

Ann ging zur Tür. „Wir müssen jetzt los, Lou.“ Sie griff sich das Gewehr, das auf dem Tisch lag. Zu Logan gewandt sagte sie: „Irgendetwas hat Ihnen einen Tipp gegeben. Es war dieses Gewehr, oder? Ich hatte gehofft, dass Ihnen die Initialen nicht auffallen würden.“

„T.A.B. – Thomas Allen Beck. Ich kenne dieses Gewehr gut. Ich hab’ es Lous Pa vor ungefähr sechs Jahren geschenkt, als er zum Captain der Rangers ernannt wurde. Lou bekam es, als sein Pa getötet wurde. Sie konnten es nur von Lou bekommen haben. Als ich sah, wie Ihr Opa es reinigte, als wir angeritten kamen, dachte ich, er sei derjenige, der auf uns geschossen hatte. Ich bin nie auf die Idee gekommen, dass Lous Komplize eine Frau sein könnte. Ich schätze, dass muss ich in der Rubrik ,Fehler‘ verbuchen.“

„Wenn Sie lange genug leben wollen, um noch mehr Fehler zu machen, Marshal, dann bleiben Sie einfach ruhig sitzen, während wir hier wegreiten. Alles, was ich will, ist, das Geld zu kriegen und aus diesen gottverlassenen Bergen ’rauszukommen und wieder irgendwo hinzukommen, wo es Restaurants und Geschäfte und Theater gibt.“

Jess hatte Mühe zu verstehen, was sich vor ihm abspielte. „Ann, das kannst du nicht tun; das ist nicht richtig. Leg’ einfach das Gewehr hin und binde uns los. Wir können über alles reden.“

„Es gibt nichts zu besprechen, Opa. Ich kann keinen weiteren Tag hier bleiben. Ich kann nicht einmal eine weitere Stunde hier bleiben. Wenn ich es tue, das schwöre ich, verliere ich meinen Verstand.“ Sie öffnete die Tür und gab Lou ein Zeichen. Draußen zuckte ein Blitz, und der Regen strömte von der Kante des Verandadaches. „Los, wir verschwinden jetzt von hier, Lou.“ Die beiden traten in die Dunkelheit hinaus und schlossen die Tür hinter sich.

Logan stand auf und verlor keine Zeit, als er quer durch den Raum zum Kamin lief, wo sein Messer immer noch auf dem Boden lag. Seinen Revolver hatte Lou aufgehoben, aber dem Messer hatte er keine Beachtung geschenkt. Obwohl seine Hände fest zusammengebunden waren, war es kein Problem für Logan, den Griff des Messers mit beiden Händen zu umfassen.

Jess hatte das Messer ebenfalls im Blick und kam zum Kamin herüber. Er hielt seine Hände vor sich, während Logan begann, an den Seilen zu sägen. „Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie leid mir das alles tut, Marshal. Ich verstehe einfach nicht, dass Ann diesen Weg eingeschlagen hat.“

Logan konnte den Schmerz und die Verwirrung in den Augen des alten Mannes sehen und hatte Mitleid mit ihm. Es gibt viele verschiedene Arten von Schmerz, die ein Mann zu ertragen lernen kann, aber der Schmerz, zusehen zu müssen, wie jemand, den man liebt, schlechte Entscheidungen trifft, ist einer der schlimmsten – und einer, den Logan nur zu gut kannte.

Nachdem er Jess befreit hatte, reichte Logan dem alten Mann das Messer, der bald darauf Logans Hände los gemacht hatte.

Sie gingen zur Tür der Hütte, blieben aber abrupt stehen, als ein Schuss zu hören war. Beide Männer warfen sich auf den Boden und warteten ein paar Sekunden, um sicherzugehen, dass nicht sie diejenigen waren, auf die geschossen wurde. Auf dem Bauch kroch Logan nach vorne, langte nach oben, um den Türriegel anzuheben, und öffnete die Tür langsam einen Spalt weit.

Draußen war es zu dunkel, um etwas zu erkennen. Dann erhellte ein plötzlicher Blitz die Nacht, und Logan konnte Lou zwischen der Hütte und der Scheune im Matsch liegen sehen. Er bewegte sich nicht. Der fallende Regen und der Donner, der über allem grollte, machten es schwierig zu hören, wie der verletzte Mann stöhnte.

Logan rannte dorthin, wo er lag, und bückte sich, um Lou zu untersuchen und herauszufinden, in welcher Verfassung er war. Es sah nicht gut aus. Er hatte ein Einschussloch in seiner Brust, und seine Atmung war flach.

„Du hattest recht, Logan.“ Seine Worte waren angestrengt und kamen, bevor und nachdem er nach Luft schnappte. „Sie hat mich zum Narren gehalten. Du hattest die ganze Zeit recht. Sie ist hinter dem Geld her.“ Lou bekam einen Hustenanfall, der schaumiges Blut aus seinen Mundwinkeln strömen zu lassen begann. Es vermischte sich mit dem Regen und floss über die Seiten seines Gesichts hinunter in den Matsch.

„Es tut mir leid, Sohn. Es sieht so aus, als hätte sie dich umgebracht. Sag’ mir, wo das Geld versteckt ist. Wo ist dieser Picknickplatz, den du erwähnt hast?“

Lous Worte kamen langsam und abgehackt, er sprach unter großer Anstrengung. Jedes einzelne Wort schien ihn ein kleines Stück des Lebens zu kosten, das ihm noch blieb. „Der Bach … in diesem … [hust, hust] in diesem Tal … [hust, hust, hust] wo er in den Rio … de Los Pinos … Da …“ Ein weiterer Hustenanfall folgte und dann ein Moment der Stille. Plötzlich lief ein Beben durch Lous Körper, gefolgt von einem langen, langsamen Ausatmen. Sein Brustkorb bewegte sich nicht mehr, und seine Augen starrten blicklos in den fallenden Regen und die ewige Dunkelheit des Sturms.

Jess war geradewegs in die Scheune gegangen, während Logan mit Lou sprach. Jetzt kam er mit Logans gesatteltem und zum Aufbruch bereitem Pferd heraus. Er schaute auf den Körper von Lou, der regungslos im Schlamm lag, und dann sah er Logan an. „Sie ist meine Enkeltochter, Marshal“, war alles, was er sagen konnte.

Logan nahm Jess die Zügel ab und stellte seinen Fuß in den Steigbügel. „Ich würde es gerne vermeiden, auf eine Frau zu schießen, Jess, aber sie hat zwei Männer getötet, und ich habe nicht vor, der dritte zu sein.“

***

Einen Moment später machte sich seine Grulla-Stute auf den Weg das Tal hinunter, dem Wasserlauf folgend, der ihn zum Rio de Los Pinos bringen würde. Es regnete weiterhin, und es blitzte fast ununterbrochen, was Logan nervös machte, aber es erhellte auch den Weg, sodass er sein Pferd in einem gleichmäßigen Tempo halten konnte.

Ann hatte nicht mehr als zehn Minuten Vorsprung vor ihm, aber sie war besser mit der Gegend vertraut als Logan und wusste genau, wohin sie wollte. Logan hatte nur eine grobe Richtung, der er folgen konnte, daher blieb er mit seinem Pferd nahe am Wasserlauf, der durch den Regen, der gefallen war, breiter wurde und schneller floss.

Ein paar Meilen von der Hütte entfernt begann sich das Tal zu verengen. Der Weg wurde steiler, und Logan musste die Grulla-Stute im Schritttempo gehen lassen, als er Felsbrocken und Bäume passierte, die immer zahlreicher wurden, da das offene Tal immer mehr Kiefern und Aspen Platz machte.

Er kam an einen unvermittelt auftauchenden Abgrund und brachte sein Pferd zum Stehen. Hier ergoss sich der Wasserlauf, der jetzt zur Größe eines kleinen Flusses angeschwollen war, über den Rand einer zwölf Meter hohen Klippe. Logan konnte das Tosen des Rio de Los Pinos von unten hören und wusste, dass er sich in der Nähe der Stelle befinden musste, wo Lou das Geld versteckt hatte.

Ein plötzlich zuckender Blitz erhellte das Logan gegenüber liegende andere Ufer des Wasserlaufs. Ann saß auf ihrem Pferd, die Winchester zielte genau auf ihn. Sie zog den Abzug durch. Die Kugel prallte vom Sattelknauf ab und schnitt eine Furche in Logans Handrücken. Als Logan sich zur abgewandten Seite von seinem Pferd fallen ließ, sah er das Zucken eines weiteren Blitzes und hörte er einen gewaltigen Knall, der seine Ohren mehrere Sekunden lang klingeln ließ, während er im nassen Gras lag.

Minuten vergingen, in denen Logan still dalag und auf einen weiteren Gewehrschuss wartete, aber es kam keiner. Der Sturm schien etwas nachzulassen. Der Regen hatte sich zu einem stetigen Nieseln beruhigt, und Donner und Blitz waren weiter nach Osten gezogen.

Logan hob langsam seinen Kopf und versuchte, über den Wasserlauf auf die andere Seite zu blicken, aber es war immer noch zu dunkel. Er kam auf die Knie und stand dann auf. Die Grulla-Stute hatte sich nicht bewegt, also ergriff er die Zügel und saß auf.

Etwa eine halbe Meile stromaufwärts gab es eine Stelle, an der das Bett des Wasserlaufs breiter war. Selbst so, wie er durch den kürzlichen Regen angeschwollen war, reichte das Wasser der Stute nur bis zum Bauch, sodass Logan ohne Schwierigkeiten auf die andere Seite gelangte.

Als er sich stromabwärts auf den Rückweg machte, hatte der Regen aufgehört, und die Bewölkung war größtenteils aufgerissen. Der Vollmond schien mit einer Helligkeit herab, die der vom Regen durchtränkten Vegetation einen silbernen Schimmer verlieh.

Er war auf der Hut, als er sich dem Bereich näherte, aber seine Vorsicht war unnötig. Ann und ihr Pferd lagen reglos im nassen Gras. Sie waren beide tot. Die Winchester lag ein paar Meter von Ann entfernt auf dem Boden. Der Kolben war völlig zerfetzt, und der Lauf war von dem Blitzschlag, der ihn zerschmettert hatte, auseinander gebogen.



II.

Sechs Tage später stieg Logan aus dem Zug auf den Bahnsteig von Cheyenne. Er hatte dafür gesorgt, dass die Kiefernholzkiste, in der Lou Becks Leiche lag, auf ein Fuhrwerk geladen wurde, das ihm von einem Mietstall zur Verfügung gestellt wurde.

Hannah Beck lebte allein auf einer kleinen Ranch drei Meilen nördlich der Stadt. Es war schon seit einiger Zeit keine wirkliche Ranch mehr. Abgesehen von ein paar Kühen, ungefähr einem halben Dutzend Pferden und einigen Hühnern, die in der Erde scharrten, war nicht viel da, was eine verwitwete Frau auf Trab halten konnte. Sie verbrachte ihre Zeit damit, in ihrem Blumen- und Gemüsegarten zu arbeiten und an ihren Sohn Lou zu denken. Sie hatte seit fast zwei Jahren nichts mehr von ihm gehört. Jeden Abend setzte sie sich in ihrem Schlafzimmer in den Schaukelstuhl, las laut einen Abschnitt aus der Bibel und betete für ihren Jungen. Und jeden Tag schaute sie zu der Straße, die durch die windgepeitschten Ebenen führte, die die Ranch umgaben, in der Hoffnung auf ein Anzeichen für seine Rückkehr.

Sie sah den Wagen, als er noch weit entfernt war. Während sie auf ihrer Veranda saß und Äpfel für einen Kuchen schälte, beobachtete sie, wie der Wagen sich bewegte und dabei Staubwolken aufwirbelte, die mehrere Minuten lang in der Luft hingen, bevor sie wieder auf die einsame Straße herabsanken. Als der Wagen abbog und durch das Tor und die Straße entlang zu ihrer Ranch fuhr, stand sie auf und ging zum Rand der Veranda. Sie blinzelte und schirmte ihre Augen gegen die Mittagssonne ab, während sie darauf wartete, dass der Wagen näher kam. Ein Lächeln ließ ihr Gesicht aufleuchten, als sie den Fahrer erkannte. Sie stieg von der Veranda hinab und ging über den Hof.

Logan brachte den Wagen zum Stehen und zog die Bremse an. Er kletterte vom Sitz herunter und ging auf Hannah zu. Sie trafen sich auf halbem Weg.

Für einen langen Moment hielten sie sich umarmt. Hannah drückte ihr Gesicht fest an seine Baumwollweste, sie roch den Staub der Straße, der sich auf seinem Anzug aus feiner Wolle niedergelassen hatte, und sie spürte, wie sich sein Brustkorb bei jedem seiner Atemzüge rhythmisch hob und senkte.

Sie ließ ihn los, machte einen Schritt zurück und nahm Logans beide Hände in die ihren, während sie zu seinem Gesicht aufblickte, das so stattlich und markig war. Sie wollte jeden Zoll davon in sich aufnehmen. „Es tut gut, dich zu sehen, Logan. Es ist schon so lange her.“

„Es ist viel zu lange her, Hannah.“

Etwas in seinem Gesicht, in der Haltung seines Kiefers und im Tonfall seiner Stimme war anders, als es sein sollte. In seinen Augen war eine Traurigkeit, die sie nicht gesehen hatte, seit ihr Ehemann Tom, Logans bester Freund, getötet worden war. Ihr Lächeln verschwand, und ihre Augen verengten sich. „Was ist passiert, Logan? Etwas mit Lou?“

Logan senkte seinen Blick und starrte auf den Boden, ohne etwas zu sagen. Welche Worte sind in solch einem Augenblick die richtigen? Wie überbringt man die Nachricht, die kein Elternteil jemals sollte hören müssen? Er legte seinen Arm um ihre Taille und führte sie an die Seite des Wagens. Sie blickte über den Rand des Kastens und sah den Kiefernholzsarg darin.

Logan schlang seine Arme um sie und hielt sie fest, während sie schluchzte. Schließlich löste sie sich von ihm und tupfte sich mit einem Zipfel ihrer Schürze die Augen.

Logan streckte seine Hände aus und legte sie auf ihre Schultern. „Hannah, ich möchte, dass du eines weißt.“ Er beugte sich leicht nach vorne, damit er ihr direkt in die Augen sehen konnte. „Mit seinem letzten Atemzug hat Lou mir geholfen, eine Mörderin zur Strecke zu bringen. Du kannst stolz auf ihn sein.“ Genauere Einzelheiten musste sie nicht wissen. 

Hannah drehte sich um und betrachtete den Sarg, in dem ihr einziger Junge aufgebahrt war. Dann wandte sie sich wieder um und sah zu Logan auf. Sie legte eine Hand sanft auf eine Wange seines Gesichts und fühlte die Bartstoppeln, die dort in den letzten paar Tagen gewachsen waren. Sie brachte ein schwaches Lächeln zustande. „Danke, Logan. Danke dafür, dass du mir meinen Jungen nach Hause gebracht hast. Du bist ein guter Bruder.“


*** Published with permission from Michael R. Ritt and Literary Agent Cherry Weiner  - cwliteraryagency@gmail.com ***
© für die deutsche Übersetzung: Reinhard Windeler, 2025


Wir danken dem Autor sowie der Cherry Weiner Literary Agency
für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung dieser Übersetzung.



Endnoten:
(1) und (2)
„Sitting by the road-side on a summer day,
Chatting with my messmates, passing time away,
Lying in the shadow underneath the trees,
Goodness, how delicious, eating Goober Peas!“
ist die erste Strophe von „Goober Peas“, einem traditionellen Volkslied aus den Südstaaten der USA, das während des Bürgerkriegs bei den konföderierten Soldaten beliebt war. Erstmals veröffentlicht wurde es 1866 von A.E. Blackmar in New Orleans, der scherzhaft A. Pindar als Texter und P. Nutt als Komponisten angab; beide angebliche Namen haben dieselbe Bedeutung: Erdnuss.
Eine deutsche Fassung des Liedes scheint es nicht zu geben, sodass sich der Übersetzer notgedrungen auch als Textdichter versuchen musste.

(3) Die Schlacht am Antietam Creek fand am 17. September 1862 in Maryland statt und war die verlustreichste Ein-Tages-Schlacht des gesamten amerikanischen Bürgerkrieges.

Ergänzung 2026: Michael R. Ritt ist im Internet mit einer gut gestalteten website vertreten: https://rittwesterns.com



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