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Freitag, 15. August 2025

STORY: Die Kutschenkönigin lässt die Kugeln hageln II (James Reasoner)


Die Kutschenkönigin lässt
die Kugeln hageln

von James Reasoner 
- Teil 2 von 2 -

(Orig. „Bullet Trap for the Stagecoach Queen“, 2022; Übers.: Reinhard Windeler)


Im ersten Teil findet die unerschrockene Angel einen angeschossenen Mann, wuchtet ihn in die Postkutsche und bringt ihn zur Station am Razorback Ridge. Hier versorgt die gerade anwesende Ranchersfrau Dorothy Stokes die Wunden, und wir erfahren, dass Dan Bishop von dem Outlaw-Marshal Sam Kyle und seiner Bande verfolgt wird. Mit einer List gelingt es Mrs. Stokes und Angel, zusammen mit Bishop die Station zu verlassen. Aber die Überschrift des vierten Kapitels, in dem wir uns gerade befinden, lautet „Rauch“ und lässt nichts Gutes ahnen …

______________________________


Zu gerne hätte Angel nach hinten geschaut, um zu sehen, ob Kyle und die anderen der Kutsche folgten, aber sie dachte, es würde besser aussehen, wenn sie es nicht tat.

Sie brachte die Pferde auf ein gutes Tempo und ließ die Razorback-Ridge-Station hinter sich.

Die breiten Lederverstrebungen, die unter der Postkutsche verliefen, sorgten für eine recht komfortable Fahrt, aber dennoch nahm sie an, dass Dan Bishop wahrscheinlich unter dem üblichen Rütteln und Schütteln litt. Doch wichtiger war, dass sie etwas Abstand zwischen sich und Sam Kyle brachten.

Nach ein paar Meilen lief der Bergrücken aus, und der Weg bog wieder nach Nordwesten ab. Wenn es nicht die Quelle gegeben hätte, hätte die Route den Bergrücken komplett umgangen, aber Wasser gab es hier in West-Texas nicht so häufig, dass man eine Quelle unbeachtet lassen konnte.

Angel blickte über ihre rechte Schulter zurück, um zu sehen, ob sie Staubwolken entdecken konnte, die darauf hindeuteten, dass Kyle der Kutsche folgte.

Stattdessen sah sie etwas anderes, etwas, das sie die Leinen anziehen ließ.

„Was gibt’s?“ rief Mrs. Stokes aus dem Inneren der Kutsche, als sie merkte, dass diese langsamer wurde.

„Rauch“, sagte Angel. „Schwarzer Rauch, wie von einem brennenden Gebäude.“

Die aus Adobe errichteten Wände des Stationsgebäudes selbst würden nicht brennen, wohl aber das Holzdach. Und auch die Scheune. Als sie auf die schwarze Rauchsäule blickte, die in den Himmel stieg, konnte sie anhand der Richtung erkennen, dass sie von der Kutschenstation stammte. Ihr sank das Herz.

Die Tür ging auf, und Mrs. Stokes trat heraus. Auch sie blickte über den Bergrücken zurück und sagte mit gedämpfter Stimme: „Oh nein.“

„Ich habe keine Schüsse gehört“, sagte Angel, „aber wahrscheinlich hätte ich bei dem Krach, den die Kutsche und das Gespann gemacht haben, nichts hören können. Aber ich weiß, dass Oliver Carlson nicht tatenlos zusehen würde, wie diese Männer die Station niederbrennen. Er würde versuchen, sie daran zu hindern …“

„Und sie würden ihn abknallen“, beendete Dan Bishop aus dem Inneren der Kutsche den Satz, als Angels Stimme verstummte. „Ihn und die beiden Jungs, die für ihn arbeiten.“

Angel stieg vom Kutschbock, damit sie einen Blick in die Postkutsche werfen konnte. Bishop hatte den Hut und den Schleier abgenommen, trug aber immer noch das schwarze Kleid über seiner blutbefleckten Kleidung. Sein Gesicht war blass, aber er machte einen kräftigeren Eindruck als noch vor Kurzem.

„Diesem Oldtimer muss irgendwie etwas rausgerutscht sein“, fuhr Bishop fort, „woraus Kyle erkannt hat, dass ich doch da gewesen bin. Kyle hätte keine Zeit damit verschwendet, den alten Mann zum Reden zu zwingen. Er ist schlau. Böse, aber schlau. Er wäre darauf gekommen, dass ich mich als Mrs. Stokes’ Mutter ausgegeben hatte. Sie werden jetzt hinter uns herreiten.“

„Warum dann noch den armen Mr. Carlson und diese Jungs töten?“ fragte Frau Stokes. „Warum die Station anzünden?“

„Damit ich weiß, dass er kommt. So ein krankes, sadistisches Ungeheuer ist er.“ Bishop hob eine zitternde Hand und drückte sie an seine Schläfe. „Wir müssen weiter, aber es wird nichts nützen. Mit der Kutsche kann das Gespann Kyle und seinen Männer zu Pferde nicht entkommen.“

„Wenn wir auf dem Weg bleiben, nicht“, sagte Angel. „Aber es gibt andere Möglichkeiten.“

Sie warf noch einmal einen Blick auf den dunklen Rauch, der jetzt rötlich-schwarz zu sein schien, weil er die letzten Strahlen der untergehenden Sonne einfing.

Die Sonne würde bald verschwunden sein, und die Dunkelheit würde zu ihrem Verbündeten werden.


V

Verschanzt

Ich behaupte nicht, dass meine Familie ein Haufen Heiliger war“, sagte Dan Bishop etwas später. „Mein Vater war ein Viehdieb, so wie es alle immer gesagt haben. Ein paar von meinen Brüdern haben auch in mondlosen Nächten Vieh weggetrieben. Aber ich habe es nie gemacht, und mein nächstältester Bruder Curt auch nicht.“ Er hielt inne. „Ich bin der Jüngste … ich meine, ich war der Jüngste in der Familie. Jetzt bin ich der Einzige, der noch übrig ist.“

Dorothy Stokes sagte: „Es tut mir leid, dass Sie Ihre Familie verloren haben, junger Mann. Ich bin froh, dass wir Ihnen helfen konnten, diesen schrecklichen Gesetzlosen zu entkommen, die sich selbst Gesetzeshüter nennen.“

Bishop lachte leise und humorlos. „Ich denke, genau genommen sind Kyle und seine sogenannten Deputies tatsächlich Gesetzeshüter. Die aufrechten Bürger der Stadt haben sie in gutem Glauben engagiert. Sie wussten nicht, dass sie einen Haufen Klapperschlangen in ihre Häuser ließen.“

„Ich wette, ihnen dämmert es langsam“, warf Angel ein, die ein paar Meter entfernt mit dem Rücken zu ihnen stand und in die Nacht spähte, während sie die Winchester schussbereit schräg vor ihrem Oberkörper hielt.

Sie hatte die Postkutsche neben einer Ansammlung von runden Felsbrocken und flachen Felsplatten zum Stehen gebracht. Bishop und Mrs. Stokes saßen auf einer dieser Platten. Bishop hatte das Kleid ausgezogen, das Mrs. Stokes ihm gegeben hatte, damit er sich verkleiden konnte. Es war reines Glück, dass sie ihre Reisetasche mit mehreren Kleidungsstücken zum Wechseln darin mit in das Stationsgebäude genommen hatte, während sie auf die Ankunft der Postkutsche gewartet hatte.

Bishop nippte an einem silbernen Flacon, der ebenfalls aus Mrs. Stokes’ Reisetasche stammte. Angel war ein wenig überrascht, dass die ältere Frau Whiskey bei sich hatte, aber auch er hatte sich als nützlich erwiesen, denn er hatte Bishop aufgemuntert und ihm die Kraft gegeben, die er brauchte, um das Täuschungsmanöver durchzuführen.

„Sie wissen, dass das nicht verhindern wird, dass die uns finden, Miss Devereaux“, sagte er. „Wenn die die Kutsche nach ein paar Meilen nicht eingeholt haben, wird Kyle sich denken, dass Sie vom Weg abgebogen sind. Er wird warten, bis es morgen früh hell genug ist, dann wird er umkehren und unsere Spuren finden.“

„Ich weiß“, sagte Angel, „aber er muss bis zum Morgen warten, denn heute Nacht ist kaum ein Mond zu sehen, und das ist das Wichtige. Dann haben wir Zeit, um einen guten Vorsprung herauszuholen.“

„Und wohin? Es war schon schwer genug, mit der Kutsche über offenes Land zu fahren.“ 

„Wir können es schaffen“, beharrte Angel. „Ich kenne einen Ort, wo wir uns verschanzen können.“

„Wie wollen Sie ihn im Dunkeln finden?“

„Miss Devereaux ist hier in der Gegend aufgewachsen, Mr. Bishop“, sagte Mrs. Stokes. „Sie kennt dieses Land ziemlich gut, nehme ich an, dafür, dass sie eine junge Frau ist.“

Angel musste darüber leise lachen. „Ja, mein Vater hat dauernd versucht, aus mir eine Dame zu machen, aber gleichzeitig war ihm klar, dass nicht viel davon wirklich bei mir angekommen ist. Nachdem sich die Apachen weiter nach Westen verzogen hatten und es sicher war, waren er und ich mehr als einmal in dieser Gegend zum Jagen.“

Sie spürte Blicke auf sich und drehte ihren Kopf, um sich zu vergewissern. Selbst in dem schwachen Licht konnte sie erkennen, dass Bishop sie aufmerksam ansah. Er sagte: „Ich glaube, ich hatte Glück, dass Sie heute der Jehu (1) auf dieser Kutsche waren.“

„Das werden wir noch sehen, nehme ich an. Fühlen Sie sich stark genug, um noch eine Zeitlang kutschiert zu werden?“

„Sie haben mich am Leben gehalten und mich bis hierher gebracht. Mein Leben liegt in Ihren Händen, Miss Devereaux.“

„Sagen Sie Angel zu mir“, sagte sie.

Kurz darauf war die Kutsche wieder unterwegs. Auf dem unebenen Boden taumelte sie von einer Seite auf die andere, was bedeutete, dass sie nicht sehr schnell fahren konnte. 

Angel hatte versucht, zuversichtlich zu klingen, dass sie wusste, wohin sie fuhr, aber tatsächlich hatte sie Schwierigkeiten, die richtige Richtung einzuschlagen. Als sie schließlich in den Schatten dunklere Bereiche vor sich auftauchen sah, die abgerundete Formen annahmen, durchströmte sie eine Welle der Erleichterung. Ihr Instinkt hatte sie richtig geleitet.

Sie lenkte die Postkutsche in einen Canyon zwischen zwei dieser Formen, bei denen es sich tatsächlich um unwirtliche Erhebungen handelte. Dies waren Ausläufer der Prophet Mountains, einer schmalen Bergkette, die nicht weit entfernt im Südwesten lag.

Links von Angel stieg der Hang steiler und unwirtlicher an. Sie sah eine Öffnung im Hügel oberhalb von ihr und hielt die Kutsche an.

„Wo sind wir?“ fragte Bishop.

„Sie beide bleiben hier“, sagte sie, ohne seine Frage zu beantworten. „Ich sehe mir das an.“

Sie kletterte vom Bock herunter und holte eine Öllaterne aus dem Kutschkasten. Sie hatte zwei Laternen, die man seitlich am Fahrersitz aufhängen konnte, um genügend Licht für Fahrten in der Nacht zu haben. Sie hatte sie nicht benutzt, weil sie nicht preisgeben wollte, wo sie sich befanden, falls jemand hinter ihnen war und sie suchte, aber jetzt musste sie eine davon anzünden.

Sie wartete damit, bis sie zum Eingang der Höhle geklettert war. Die Kutscherflinte hatte sie mitgenommen. Sie klemmte sie unter ihren linken Arm, während sie mit ihrer rechten Hand ein Schwefelhölzchen aus ihrer Hemdtasche fischte.

Ihr Vater hatte versucht, ihr beizubringen, wie man ein Streichholz entzündet, indem man mit dem Daumennagel über den Kopf schnippte, aber sie hatte es nie hinbekommen. Sie bückte sich und riss das Schwefelholz stattdessen an einem Felsen an. Als es brannte, zündete sie damit die Laterne an.

Die schussbereite Kutscherflinte hielt sie in der rechten Hand, den Kolben gegen ihre Hüfte gestemmt, als sie die Laterne anhob und einen Schritt in die Höhle machte.

Es war keine richtige Höhle, eher ein ausgehöhlter Raum unter einem Felsvorsprung, aber Menschen hatten ihn seit langer Zeit als Unterschlupf genutzt. Frank Devereaux hatte seiner Tochter erklärt, dass die Zeichnungen, die in die Felswand im hinteren Teil der Höhle geritzt und gemalt waren, Hunderte Jahre alt waren. Vielleicht sogar noch älter.

In Spanien gibt es Höhlen, in denen die Zeichnungen Zehntausende von Jahren alt sind, hatte Angels Vater gesagt  (2). Vielleicht sind diese auch so alt. Ich weiß es nicht. Aber das war einst das Zuhause von jemandem, also ist es ein Ort, dem man Achtung und Respekt entgegenbringen sollte.

Die einzigen Bewohner, über die sich Angel jetzt Sorgen machte, waren welche, die sich möglicherweise derzeit hier eingenistet hatten und von der Art waren, die Reißzähne im Maul und Rasseln am anderen Ende hatten. Aber zum Glück war der Ort leer, wie sie feststellte, als sie die Laterne hin und her bewegte und die hintersten Winkel des Raumes ausleuchtete.

Jetzt konnten sie und Mrs. Stokes Bishop dabei behilflich sein, hier hoch zu kommen, und sie konnte sich daran machen, den Rest des Plans auszuarbeiten, der in ihrem Kopf begonnen hatte, Gestalt anzunehmen.


VI

Schüsse bei Sonnenaufgang

Ich hatte davon gehört, dass sie Curt erwischt und ihn aufgehängt hatten“, sagte Dan Bishop leise in der Dunkelheit. Er saß mit dem Rücken an die hintere Wand der Höhle gelehnt. Angel saß im Schneidersitz in seiner Nähe auf dem Boden. Mrs. Stokes lag ausgestreckt auf einer groben Decke, die Angel aus dem Kofferraum am Heck der Postkutsche geholt hatte.

Bishop fuhr fort: „Mir war klar, dass Kyle als Nächstes hinter mir her sein würde, also bin ich so schnell wie möglich ’raus aus der Stadt. Aber es war zu spät. Sie waren mir schon auf den Fersen. Jemand schoss aus großer Entfernung mit seinem Gewehr auf mich und hatte Glück. Die Kugel ging glatt durch mich durch und traf mein Pferd in den Kopf.“

„Sodass Sie zu Fuß waren“, sagte Angel. „Warum sind die dann nicht einfach gekommen und haben Sie an Ort und Stelle erledigt?“

„Weil ich meinerseits auch noch ein bisschen Glück hatte. Mein Pferd ist nicht auf mein Gewehr gefallen, also schnappte ich es mir und gab ein paar Schüsse auf sie ab. Ich hab’ gesehen, wie Kyle gestürzt ist, und hab’ gehofft, dass ich ihn getötet hatte. Falls ich ihn getroffen hatte, war er, nach dem, was ich auf der Station gesehen habe, wohl nicht schwer verwundet. Aber es muss ihnen so einen Schrecken eingejagt haben, dass sie sich eine Zeitlang zurückzogen, und in der Zeit kamen Sie mit Ihrer Postkutsche vorbei.“ Bishop zuckte mit den Achseln. „Das ist die einzige Erklärung, die für mich Sinn ergibt.“

Auch für Angel ergab das Sinn. Sie hatte Sam Kyle zwar nicht ansehen können, dass er verwundet war, aber er hätte unter seiner Kleidung Verbände getragen haben können.

„Hören Sie“, fuhr Bishop fort, „die werden nicht vor Sonnenaufgang morgen früh hier sein. Ich weiß alles zu schätzen, was Sie beide, meine Damen, für mich getan haben, aber hier ist der Weg zu Ende. Sobald es am Morgen hell genug dafür ist, werden Sie beide mit der Postkutsche weiterfahren. Wenn Sie mir Ihr Gewehr dalassen, Miss Devereaux, werde ich hier auf Kyle und seine Männer warten. Solange Sie mit heiler Haut davonkommen und ich mich zur Wehr setzen kann, ist es mir egal, was die danach tun.“

Ohne auf seinen Vorschlag einzugehen, fragte Angel: „Was ist mit Ihrem Gewehr passiert?“ 

„Das habe ich irgendwo fallen lassen, nachdem ich auf wackligen Beinen von meinem Pferd weg bin. Da war ich schon ziemlich schwach, und ich kann mich wirklich nicht an viel erinnern, bis ich in der Kutschenstation zu mir gekommen bin.“

Die Kutschenstation, die Sam Kyle zerstört hatte, nachdem er Oliver Carlson und die beiden jungen Knechte ermordet hatte, dachte Angel.

„Wir laufen nicht weg“, sagte sie.

„Wir sind vier zu eins in der Unterzahl, und wir haben eine Winchester und eine Schrotflinte. Das ist nicht genug Feuerkraft —“

„Das könnte reichen, wenn wir sie richtig einsetzen.“

Angel hatte gedacht, Mrs. Stokes würde schlafen, aber die ältere Frau sagte: „Das Verhältnis ist auch nicht vier zu eins. Ich habe eine kleine Pistole in meiner Tasche, und ich kann schießen. Ich habe auf unserer Ranch schon so mancher Klapperschlange den Kopf weggepustet.“ Sie rümpfte die Nase. „Es macht mir nichts aus, ein paar menschliche Schlangen zu erschießen.“

„Das reicht trotzdem nicht“, beharrte Bishop. „Da unten am Hang sind Felsbrocken, wo die in Deckung gehen können. Die können uns hier festnageln und aushungern. Ganz zu schweigen davon, dass wir nicht viel Wasser haben.“

„Normalerweise fülle ich das Wasserfass an der Quelle am Razorback Ridge auf“, sagte Angel, „aber diesmal bin ich nicht dazu gekommen.“

Sie stand auf, ging zum Höhleneingang und schaute in die Dunkelheit hinaus. Der Mond stand als schmale Sichel am Himmel im Westen, aber die Sterne warfen genug silbriges Licht auf die Landschaft, dass sie die dunklen Umrisse der unten abgestellten Kutsche mit den immer noch angeschirrten Zugtieren erkennen konnte.

„Bis Sonnenaufgang sind es noch ein paar Stunden“, sagte sie zu den anderen, ohne sie anzusehen. „Eine Menge Zeit für mich, um zu tun, was nötig ist.“

* * *

Als die Sonne als orangefarbener Ball über den östlichen Horizont lugte, waren die sechs Pferde des Postkutschengespanns nirgends zu sehen, obwohl die Kutsche immer noch dort am Fuße des Abhangs stand, zwanzig Meter unterhalb des Eingangs zur Höhle.

Etwa fünfzig Meter hinter der Postkutsche wand sich der schmale Canyon durch die Bergausläufer um einen Felsvorsprung. Angel saß auf diesem Vorsprung, auf einer Felsplatte, von der aus sie den Weg überblicken konnte.

Die Pferde waren – ohne ihr Geschirr – in einem Gebüsch unterhalb von ihr angebunden, wo sie von der Postkutsche aus nicht gesehen werden konnten.

Sie saß da, ​​atmete tief ein und aus, um ihre Nerven zu beruhigen, und wartete darauf, dass Sam Kyle und seine Deputies auftauchten, nachdem sie ihren Spuren vom Hauptweg aus gefolgt waren.

Eine leichte Bewegung erregte ihre Aufmerksamkeit. Sie ließ sich vom Felsen hinuntergleiten und duckte sich dann dahinter, um nach Nordosten zu spähen. Sie hatte ihren Hut abgenommen und ließ ihr rabenschwarzes Haar ungebändigt um ihre Schultern fallen.

Die Reitergruppe kam in ihr Blickfeld. Diesmal wurde sie nicht von Sam Kyle angeführt, sondern von einem älteren Mann mit grauem Bart. Er musste ein Fährtenleser mit scharfen Augen sein, der die Spur beim ersten Anzeichen des Morgengrauens am Himmel im Osten aufgenommen hatte.

Die Mörder waren früher da, als Angel erwartet hatte.

Das war nicht schlimm, sagte sie sich. Weniger Zeit zum Warten und Sich-Sorgen-Machen.

Kyle musste die Postkutsche gesehen haben. Er überholte den älteren Mann, offensichtlich begierig darauf, das Gefährt zu erreichen. Doch dann wurde er langsamer, vielleicht aus Sorge vor einer Falle.

Kyle zog die Zügel an und hob eine Hand zum Zeichen, dass sie anhalten sollten. Er und die anderen unterhielten sich ein paar Minuten lang. Angel beobachtete sie von ihrem Versteck oben im Canyon aus und spekulierte, was sie sagten. Dass die Postkutsche da war, aber nicht die Zugtiere, könnte bedeuten, dass die drei Personen, die sie jagten, das Gefährt zurückgelassen hatten und versuchten, auf den Pferden reitend zu entkommen.

Dann zeigte Kyle auf den dunklen, höhlenartigen Raum unter dem Überhang. Dort könnte sich ihr Wild verstecken, sagte er zu den anderen. Jemand musste nachsehen.  Stimmen wurden laut.

Der ältere Mann und einer der Deputies zogen ihre Pferde herum und ritten vorwärts. Sie packten ihre Gewehre und hielten sie schussbereit, als sie sich vorsichtig der Postkutsche näherten. Als sie das Gefährt erreichten, brauchten sie nur einen Moment, um zu erkennen, dass es leer war.

Die beiden Männer wechselten ein paar Worte, und dann schwang sich der Fährtenleser aus seinem Sattel und machte sich mit seinem Gewehr auf den Weg den Hang hinauf.

Das war eine dumme Entscheidung, dachte Angel, zuzulassen, dass sich einer deiner wertvollsten Männer auf diese Weise direkt in Gefahr begibt. Aber Kyle würde das nicht wirklich kümmern. Er wollte einfach nur die Bishops auslöschen, koste es, was es wolle.

Der ältere Mann war den Hang halb hinauf, als er unvermittelt anhielt, sein Gewehr an die Schulter riss und feuerte. Bishop musste sich am Höhleneingang gezeigt haben. Das jaulende Geräusch, als der Schuss des älteren Mannes als Querschläger abprallte, vermischte sich mit dem scharfen Knall eines zweiten Schusses, diesmal aus der Höhle, und der Fährtenleser warf seine Arme hoch, während er rückwärts umkippte. Sein Gewehr segelte durch die Luft. Tödlich getroffen stürzte er mit hin und her schlenkernden Gliedmaßen den Abhang hinunter.

Einer weniger. Die Chancen hatten sich schon verbessert.

Der Schusswechsel sorgte dafür, dass Kyle und seine Männer aus den Sätteln gingen. Eilig suchten sie Deckung hinter den Felsbrocken, mit denen der Abhang im unteren Bereich übersät war.

Angel entspannte sich und ließ sich dann zu dem Gebüsch hinuntergleiten, wo die Pferde angebunden waren. Währenddessen hörte sie Sam Kyle laut fluchen, und dann: „Bishop, du hast gerade einen anständigen Mann umgebracht! Ich werde dafür sorgen, dass du dafür mit deinem Leben bezahlst!“ 

„Sie hätten mich sowieso getötet, Kyle“, antwortete Dan Bishop. „Ich kann nicht erkennen, wie ich meine Lage dadurch verschlechtert haben soll.“

„Ich hätte dich schnell und sauber getötet, Junge! Jetzt werde ich einen Strick über einen Ast werfen, dich hochziehen und zusehen, wie du um dein Leben zappelst.“ Kyle lachte. „Ich frage mich, ob du so lange zappeln wirst wie dein Bruder.“

Lass’ dich nicht von ihm zu einer Dummheit verleiten, flehte Angel Bishop im Stillen an. Halte dich an den Plan.

„Wenn Sie mich haben wollen“, rief Bishop, „kommen Sie hier ’rauf  und holen Sie mich, Kyle. Wenn Sie nicht zu feige sind!“

Kyle fluchte erneut, und dann rollte Gewehrdonner durch den Canyon, als das angebliche Aufgebot mit Gewehren und Revolvern das Feuer auf den Höhleneingang eröffnete.

Angel hoffte, dass Bishop und Mrs. Stokes ihre Köpfe einzogen. Man konnte nicht vorhersehen, was Querschläger anrichten würden, aber dieses Risiko mussten sie in Kauf nehmen.

Sie nahm ihren Hut, pfropfte ihn sich auf den Kopf und griff dann dort, wo diese an einem Felsen lehnte, nach der Kutscherflinte. Sie hielt die doppelläufige Waffe in ihrer rechten Hand und kletterte auf eines der Pferde. Sie hatte gelernt, ohne Sattel zu reiten, als sie kaum laufen konnte.

Indem sie mit ihrem Hut auf die Hinterteile der anderen Tiere schlug, brachte sie diese dazu loszupreschen. Mit ihren Füßen trat sie gegen die Rippen ihres Reittiers und trieb es damit im Galopp direkt hinter den anderen her. Sie stürmten um den Felsvorsprung herum, hinter dem sie sich versteckt hatten.

Bei dem ganzen Lärm der ständigen Schüsse und dazu noch den Echos, die zwischen den Wänden des Canyons hin und her hallten, hörten Kyle und seine Männer die auf sie zukommenden Pferde erst, als es schon zu spät war. 

Sie sprangen auf und versuchten auszuweichen. Zwei von ihnen gerieten unter die stampfenden Hufe.

Zwei andere schossen mit Handfeuerwaffen auf Angel, aber sie war tief über den Hals ihres Reittiers gebeugt, um kein großes Ziel zu bieten. Sie richtete sich gerade soweit auf, dass sie die Kutscherflinte an ihre Schulter legen und einen der Abzüge betätigen konnte. Die Schrotladung streute weit genug, um beide Männer von den Beinen zu holen.

Währenddessen benutzte Dan Bishop die Winchester, um zwei Männer abzuschießen, die ihre Deckung aufgegeben hatten, um nicht von den Pferden überrannt zu werden.

Und damit war Sam Kyle unvermittelt auf sich allein gestellt.

Anstatt zu versuchen, Angel vom Pferd zu schießen, sprang er mit wildem Gebrüll auf sie zu. Bishop musste aus Angst, sie zu treffen, das Feuer einstellen. Angel versuchte, die Kutscherflinte herumzuschwenken, aber Kyle packte ihren Arm und zerrte sie vom Rücken des Pferdes. Die unsanfte Ladung raubte ihr den Atem. Er trat ihr die Schrotflinte aus der Hand. Mit unabgefeuertem zweitem Lauf flog sie klappernd davon.

Benommen lag Angel da, und Kyle stand in drohender Haltung über ihr. Er hatte einen Colt in der Hand, der auf ihr Gesicht gerichtet war. Der Hammer war zurückgezogen, nur sein Daumen hielt ihn fest.

„Bishop!“ brüllte der verbrecherische Gesetzeshüter. „Wenn du mich erschießt, stirbt auch das Mädchen!“

Dan Bishop tauchte am Höhleneingang auf, die Winchester im Anschlag.

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„Lassen Sie sie gehen, Kyle! Sie wissen, wenn Sie sie töten, sterben Sie einen Wimpernschlag später. Außerdem geht es bei diesem Kampf nur um Sie und mich.“

Kyle lachte und sagte: „Da liegst du falsch. Es ist eine Sache zwischen mir und der Welt. Du und deine Familie wart mir einfach nur im Weg.“

Angel war wieder soweit bei Besinnung und zu Kräften gekommen, dass sie sagen konnte: „Mister, Sie sind wirklich loco.“

Kyles Blick richtete sich für einen Augenblick hinunter auf sie. „Schnauze! Oder ich lege dich gleich jetzt um.“ Er wandte seine Aufmerksamkeit wieder Bishop zu. „Wirf das Gewehr weg und komm hier ’runter, Bishop. Ich lasse das Mädchen und die alte Frau am Leben. Die sind mir schnuppe. Ich will nur dich.“

Angel wusste, dass das eine Lüge war. Kyle würde sie und Mrs. Stokes töten, sobald er Bishop erledigt hatte. Daran zweifelte sie keine Sekunde.

Was bedeutete, dass sie nochmals etwas riskieren musste. 

Kyle musste das leise Klicken gehört haben, als sie den Hahn der Pistole zurückzog, die sie gerade aus ihrem Hemd geholt hatte. Die Pistole, die sie sich von Mrs. Stokes mit der  Begründung geliehen hatte, dass die Entfernung den Abhang hinunter für einen präzisen Schuss zu groß war.

Aber die Entfernung betrug weniger als zwei Fuß, als Angel sie in Sam Kyles Handgelenk abfeuerte und damit die Hand, in der er den Revolver hielt, zur Seite stieß, sodass die Kugel, als der Hammer des Colts zuschnappte und die Waffe krachte, gut einen Fuß links von Angels Ohr in den Boden fuhr.

Weniger als einen Herzschlag später krachte die Winchester in Bishops Händen, und Kyles Kopf wurde zurückgeschleudert, mit einem rot umrandeten schwarzen Loch mitten in seiner Stirn, wo die Gewehrkugel ihn getroffen hatte. Sie durchschlug seinen Schädel und tötete ihn auf der Stelle.

Angel rollte sich hastig zur Seite, damit der tote Mann nicht auf ihr landete, als er nach vorne kippte.

* * *

Die Deputies waren alle tot. Angel hatte zwei von ihnen mit der Kutscherflinte getötet und zum Tod der anderen beigetragen. Vor dem Gesetz war sie damit eine Mörderin.

„Machen Sie sich darüber keine Sorgen“, erklärte ihr Mrs. Stokes. „Diese Männer waren außerhalb ihres Zuständigkeitsbereichs und hatten keine juristische Befugnis. Sie waren kaltblütige, gesetzlose Mörder, und Sie und Mr. Bishop haben in Notwehr gehandelt.“

„Versuchen Sie ’mal, die Ranger davon zu überzeugen“, sagte Bishop, während er auf einer der Stufen zur Tür der Postkutsche saß.

Mrs. Stokes lächelte. „Mein Mann ist mit Captain Jack Hays geritten, damals, als Texas noch eine Republik war, und er kennt immer noch einige der Offiziere bei den Rangern. Wenn ich ihm erst ’mal genau erzähle, was hier passiert ist, wird er keine Mühe haben, dass sie die Wahrheit akzeptieren.“

„Das weiß ich zu schätzen, Mrs. Stokes“, sagte Angel, „und ich bin sicher, Mr. Bishop tut das auch.“

Bishop lächelte. „Sie haben mir gestern Abend gesagt, ich soll Angel zu Ihnen sagen. Ich glaube, es ist an der Zeit, dass Sie Dan zu mir sagen.“

Das könnte sie tun, dachte sich Angel. Bei dem Gedanken schlich sich ein Lächeln auf ihr Gesicht, als die beiden Passagiere wieder in der Kutsche waren, sie auf dem Kutschbock saß, die Zügel in ihren Händen hielt und sie den Weg entlang dorthin rollten, wo sie planmäßig erwartet wurden.



© für die deutsche Übersetzung: Reinhard Windeler, 2025


Wir danken dem Autor für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung dieser Übersetzung und für die Auswahl des deutschen Titels.



Fußnoten

(1) „Jehu“ ist ein – in England schon seit dem 17. Jahrhundert gebräuchlicher – Ausdruck für einen Kutscher, der auf einen alttestamentarischen König aus dem 9. vorchristlichen Jahrhundert Bezug nimmt, über den es in einer Passage im Zweiten Buch der Könige heißt: „Und der Wächter berichtete: Er ist bis zu ihnen gekommen, kehrt aber nicht zurück. Und das Fahren gleicht dem Fahren Jehus, des Sohnes Nimschis; denn er fährt wie in Raserei“ (Kapitel 9, Vers 20).

(2) Im englischsprachigen Original steht „France“. Da die französischen Höhlen mit ihren Malereien im 19. Jahrhundert noch nicht entdeckt waren, haben wir dies in Absprache mit James Reasoner in „Spanien“ geändert; dort waren Höhlenmalereien seit den späten 1870er Jahren (Altamira) bekannt, sodass Angels Vater über sie hätte gelesen haben können. (KJR)


Anmerkung

James Reasoner, der zu den meistgelesenen amerikanischen Western-Autoren der vergangenen Jahrzehnte gehört, ist ein großer Liebhaber der Westerngeschichten, die insbesondere in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in den USA in den Pulp-Magazinen veröffentlicht wurden und über Jahrzehnte hinweg ein fasziniertes und dankbares Publikum fanden, ehe die Paperbacks und das aufkommende Fernsehen mit seinen Filmen und Serien ihnen das Wasser abgruben. Im deutschsprachigen Raum sind viel zu wenige dieser zumeist fesselnden und spannenden, aber auch romantischen Abenteuererzählungen übersetzt worden. Hierzulande konzentrierte man sich auf längere Texte und brachte diese in Leihbüchern, Romanheften und Taschenbüchern auf den Markt. 

In „Die Kutschenkönigin lässt die Kugeln hageln“ finden wir eine klare Trennung zwischen den Guten und den Bösen, eine attraktive Heldin, ein Opfer, den Schurken und eine überschaubare Gruppe von Nebenfiguren, dazu eine einfallsreiche Handlung mit der einen oder anderen Überraschung, die sich vor dem Hintergrund einer westtexanischen Landschaft abspielt.

Eher ungewöhnlich ist, dass James Reasoner mit Angel – ähnlich wie rund siebzig Jahre vor ihm Les Savage Jr. mit „Señorita Scorpion“ – eine weibliche Hauptfigur erschaffen hat. Für die Zukunft sind – sofern der Autor Zeit dafür findet – weitere Abenteuer mit der Kutschenkönigin geplant, die dann auch ihren Weg ins AKWA Journal finden sollen.   -KJR-

 



Freitag, 8. August 2025

STORY: Die Kutschenkönigin lässt die Kugeln hageln I (James Reasoner)


Die Kutschenkönigin lässt
die Kugeln hageln

von James Reasoner 
- Teil 1 von 2 -

(Orig. „Bullet Trap for the Stagecoach Queen“, 2022; Übers.: Reinhard Windeler)


Angel, die „Kutschenkönigin von Buffalo Flat“, ist erneut auf den Bock der Postkutsche ihres Vaters geklettert. Sie lenkt das Gespann über eine staubige Route und direkt in ihr zweites Abenteuer. Ein Verwundeter liegt mitten auf ihrem Weg… 

James Reasoner (Jahrgang 1953), den wir schon aus Anlass der ersten Episode näher vorgestellt haben, bietet abermals eine actionbetonte, stilistisch an die Pulps der 1940er Jahre angelehnte Western-Story. Der Nachfolger von „Gun-Brand of the Stagecoach Queen“ wurde 2022 in der von Richard Prosch herausgegebenen Anthologie „Over Western Trails“ veröffentlicht und wird hier in zwei Teilen erstmals dem deutschsprachigen Publikum präsentiert. 


 

______________________________

I
Der Fremde auf dem Weg 

Die Sonne schien Angela Elena Devereaux ins Gesicht, sodass sie, obwohl die breite Krempe ihres schwarzen Hutes Schatten spendete, kaum etwas erkennen konnte.

Aus diesem Grund bemerkte sie den Mann, der vor ihr auf dem Weg lag, erst, als es beinahe zu spät gewesen wäre. Angel, wie ihr Vater sie schon als kleines Mädchen zu nennen angefangen hatte, zog mit aller Kraft an den Leinen und bremste das Sechsergespann, das vor der Postkutsche angeschirrt war, ab, während sie es gleichzeitig nach rechts lenkte, sodass die Pferde den ausgestreckten Körper verfehlten.

Das taten auch die Räder der Kutsche, aber nur so gerade eben. Das Gefährt kam ein wenig ins Schlingern, als die rechten Räder von der befestigten Schotterpiste zwischen Buffalo Flat und Moss City in den weichen Sand gerieten. 

Angel riss das Gespann zurück in die andere Richtung. Die Kutsche hatte noch genug Schwung, um die Räder aus dem Sand herauszuziehen. Wieder auf der Straße, brachte sie die Postkutsche schließlich zum Stehen.

Dann langte sie hinunter auf die Bodenbretter zu ihren Füßen und packte die doppelläufige Kutscherflinte, die dort lag. Es war bekannt, dass es Outlaws gab, die vortäuschten, dass jemand verletzt war, um eine Postkutsche dazu zu bringen anzuhalten, woraufhin die ganze Bande aus ihrem Versteck springen würde.

Falls jemand das versuchen sollte, wollte Angel ihn mit einer Ladung Schrot empfangen.

Tatsache war, dass es hier draußen im offenen ebenen Gelände keine guten Plätze zum Verstecken gab. Ein paar struppige Mesquites, hier und da einmal ein Felsen, das war es eigentlich schon.

Außerdem hatte Angel, auch wenn sie zu beschäftigt gewesen war, um genau darauf zu achten, nicht gesehen, dass der Mann sich bewegt hatte, als die Räder nur Zentimeter von ihm entfernt vorbeigerattert waren. Wenn er nur so getan hätte als ob, hätte er eine Reaktion gezeigt, als er beinahe überrollt worden wäre. Da war sie sich sicher.

Was bedeutete, dass er tatsächlich verletzt war … oder tot.

Angel wartete noch ein paar Minuten, um sicherzugehen, dass dies wirklich kein Trick war. Dann sprang sie, immer noch mit der Kutscherflinte in der Hand, behende vom Kutschbock und ging vorsichtig auf den Körper zu. 

Es war ungewöhnlich, eine junge Frau eine Postkutsche lenken zu sehen, aber als Tochter von François Devereaux, dem Gründer der Linie mit Hauptsitz in Buffalo Flat, war Angel mit Kutschen und Pferden aufgewachsen. Sie verstand so viel davon wie die meisten Männer, wenn nicht mehr.

Sie war ziemlich viel unterwegs gewesen, seit ihr Vater vor einigen Monaten bei einem versuchten Überfall verwundet worden war. Frank, wie er genannt wurde, erholte sich, aber Angel übernahm immer noch einige der Fahrten, die Devereaux normalerweise selbst gemacht hätte.

Zuerst hatte er darauf bestanden, dass sie wie eine anständige junge Dame Röcke trug, auch auf dem Kutschbock, aber schließlich hatte sie ihn überzeugt, sie Hosen tragen zu lassen, mit dem Argument, dass sie in gewissen Situationen sittsamer waren. Wahrscheinlich hatte er nicht damit gerechnet, dass sie sich für eine Wildlederhose entscheiden würde, die ihre schlanken Hüften und Beine betonte, an den Seiten dekorative Fransen hatte und die sie in ihre hochschäftigen braunen Stiefel steckte.

Heute trug sie dazu ein dunkelblaues Flanellhemd. Ihre Haare, die ihr, wenn sie sie offen trug, schwarz wie die Nacht in dichten Wellen um die Schultern fielen, waren unter dem schwarzen Hut hochgesteckt. Eine dünne Schicht Straßenstaub bedeckte ihr honigfarben gebräuntes Gesicht.

Der Mann, der auf dem Weg lag, stöhnte und bewegte sich leicht, er war also doch nicht tot. Aber er musste bewusstlos gewesen sein, um nicht zu zucken, als die Räder der Postkutsche so nahe an ihm vorbeirollten.

Gut fünf Meter entfernt blieb Angel stehen. Sie richtete die Kutscherflinte auf ihn und sagte: „Hey! Können Sie mich hören?“

Der Mann antwortete nicht. Vielleicht war er wieder ohnmächtig geworden. Er lag mit dem Gesicht nach unten, den linken Arm seitlich neben sich und den rechten Arm vor sich ausgestreckt, als würde er nach etwas greifen. Er trug eine schwarze Hose und eine schwarze Jacke. Die Kleidungsstücke waren grau vom Staub.

Angel verkürzte den Abstand zwischen ihnen um die Hälfte und sprach etwas lauter. „Hey! Mister!“

Nichts. Sie schnaubte frustriert, stand einen Moment mit gerunzelter Stirn in Gedanken da und ging dann den Rest des Weges zu ihm. Sie hakte die Spitze ihres rechten Stiefels unter seine Schulter und drehte ihn auf den Rücken. Ihr Finger lag fest am Abzug der Kutscherflinte. Sie war bereit zu feuern, falls er irgendetwas versuchen sollte.

Von ihm ging keine Gefahr aus, das sah sie sofort. Seine Jacke öffnete sich und enthüllte einen großen, dunklen Blutfleck auf der rechten Seite seines weißen Hemdes. Seine Augen waren geschlossen. Sie kam zu dem Schluss, dass er entweder eine Schuss- oder eine Stichwunde hatte. Sie versuchte nicht, das Hemd hochzuziehen, um zu sehen, was von beiden es war, aber diese Erkenntnis veranlasste sie, sich nochmals umzusehen.

Die Verletzung hatte er sich ja kaum selbst zugefügt. Jemand anderes hatte es getan. Und dieser Jemand könnte immer noch in der Nähe sein.

Sie sah jedoch nichts Außergewöhnliches, außer einem dunklen Klumpen mehrere hundert Meter östlich vom Weg. Sie konnte nicht erkennen, was es war.

Rasch ging sie zurück zur Postkutsche und holte ein Fernrohr aus dem Stauraum unter dem Fahrersitz. Sie schob das Teleskop auseinander und nahm das Objekt, das sie entdeckt hatte, in Augenschein. Durch das Glas konnte sie erkennen, dass es sich um ein regungslos daliegendes Pferd handelte.

„Also hat jemand auf dich geschossen und dir das Pferd unter dem Hintern weggeschossen“, sagte sie laut und dachte über die Entdeckung nach, die sie gemacht hatte. Es war auch eine unerfreuliche Entdeckung, denn sie wusste, dass sie nicht einfach weiterfahren und einen verletzten Mann so liegenlassen konnte.

Sie legte die Kutscherflinte auf die Bodenbretter, öffnete die Tür auf der linken Seite und ging zu dem Mann zurück. „Sie haben es zu Fuß bis hierher geschafft, bevor Sie zusammengebrochen sind“, sagte sie zu ihm, als sie ihm unter die Arme griff. Mit einem angestrengten Brummen begann sie, ihn zur Kutsche zu zerren. „Aber warum hat der, der auf Sie geschossen hat, Ihnen nicht einfach den Rest gegeben?“

Das war eine gute Frage. Vielleicht konnte der Bursche sie beantworten, wenn er überlebte. Die Kutschenstation am Razorback Ridge war nur ein paar Meilen entfernt. Angel könnte dort Hilfe bekommen.

Mit viel Mühe und Stöhnen hob sie den verwundeten Mann hoch und lehnte seinen Oberkörper in die offene Tür. Dann nahm sie seine Beine, stemmte ihn hoch und schob ihn hinein. Heute gab es keine Fahrgäste, also hatte er viel Platz auf dem Boden.

Angel nahm ihren Hut ab, ließ ihr Haar um ihre Schultern fallen und wischte sich Schweiß und Staub aus ihrem Gesicht. Dann schob sie die Haare zurück unter den Hut, kletterte auf den Bock und nahm die Leinen wieder in die Hand. 

Alte Postkarte, um 1915


II

Razorback Ridge

Die Razorback-Ridge-Station war nach der Felsformation benannt, die sich hinter ihr erhob, so rau und schartig wie der Rücken eines Schweins, dem sie ähnelte. Der Weg bog dort nach Süden ab, führte um den Bergrücken herum, ehe er für den Rest des Weges nach Moss City wieder nach Westen abbog.

Eine Quelle am Fuße des Bergrückens lieferte Wasser und ermöglichte es, dass genügend Bäume wuchsen, sodass Oliver Carlson, der die Station betrieb, Holz für den Bau einer Scheune und eines Stangencorrals hatte. Das eigentliche Stationsgebäude bestand aus Lehmziegeln.

Es war ein einsamer Ort, aber Carlson, ein alter Junggeselle, schien stets zufrieden mit dem Leben zu sein, das er sich hier eingerichtet hatte. Meistens arbeiteten ein paar junge Mexikaner von der Grenze als Knechte für ihn.

Als Angel sich der Station näherte, sah sie einen Buggy davor stehen. Das war ungewöhnlich. Die Knechte kamen aus der Scheune, um sie zu begrüßen. Carlson kam aus dem Stationsgebäude und hob eine Hand.

Howdy, Miss Devereaux“, rief der schlaksige, kahl werdende Oldtimer. Ein grauer Schnurrbart hing ihm um den Mund. „Sie sind ein paar Minuten zu spät, das sieht Ihnen gar nicht ähnlich. Hatten Sie ein Problem?“

„Ich nicht, aber jemand anderes“, antwortete Angel, als sie am Hebel zog, um die Bremse anzuziehen. Sie zeigte mit einem Daumen über ihre Schulter. „Ein verletzter Mann liegt in der Kutsche. Hab’ ihn vor ein paar Meilen aufgegabelt; lag da bewusstlos auf dem Weg.“

„Das ist ja ’n Ding“, murmelte Carlson, als er eilig näher kam. „Verletzt, sagen Sie?“

Angel stieg vom Kutschbock. „Ja, hat etwas abgekriegt. Ich weiß nicht, ob von einer Kugel oder ’nem Messer. Ich tippe auf ’ne Kugel. Wenn jemand so dicht bei ihm gewesen wäre, um auf ihn einzustechen, dann hätten die die Sache auch zu Ende gebracht und ihm den Rest gegeben.“

„Das sollte man meinen“, sagte Carlson, als er die Tür öffnete und in die Kutsche schaute.

„Außerdem war sein Pferd tot, ein paar hundert Meter neben dem Weg; muss erschossen worden sein.“ Angel nickte in Richtung ihres bewusstlosen Passagiers. „Kennen Sie ihn?“

Carlson betrachtete eingehend das Gesicht des Mannes, das ihm zugewandt war, und schüttelte den Kopf. „Nie gesehen, den Hombre. Eduardo! Pablo! Der Gespannwechsel kann erst ’mal warten. Kommt und helft mir, diesen Burschen nach drinnen zu bringen.“

Zu viert — natürlich packte Angel mit an und nahm ein Bein — trugen sie den verwundeten Mann innerhalb kürzester Zeit in das Stationsgebäude. Eine Frau, die an einem der Tische saß, an denen Postkutschenpassagiere Bohnen, Chili und Maisbrot aßen, die sie während ihrer Zwischenstopps bei Carlson kauften, erhob sich überrascht.

„Angela Devereaux, sind Sie das, die da Hosen wie ein Mann trägt?“ fragte sie. Ihrem Gesicht war die Missbilligung deutlich anzusehen.

„Die bin ich, Mrs. Stokes“, sagte Angel. Sie hatte die Frau, die mittleren Alters war, als Dorothy Stokes erkannt, die Frau eines Ranchers namens Henry Stokes, der nach Norden hin ein großes Anwesen besaß. Das Ehepaar kam von Zeit zu Zeit nach Buffalo Flat, um Freunde zu besuchen und Vorräte zu besorgen. Daher kannte Angel sie.

„Ich habe gehört, dass Sie schon öfters die Postkutsche gefahren haben. Also nehme ich an, dass es bequem für Sie ist, sich so anzuziehen; aber ich finde es immer noch skandalös. Wen haben Sie da mitgebracht?“

„Einen verletzten Mann, Miz Stokes“, sagte Carlson. „Angel — Miss Devereaux — hat ihn unterwegs gefunden.“

Sie hoben den Mann auf einen der grob gezimmerten Tische. Carlson versuchte, seine Kleidung so weit zu lockern, dass er an die Wunde gelangen konnte, aber Mrs. Stokes trat hinzu und sagte: „Um Himmels willen, holen Sie mir ein Messer, und dann machen Sie Platz. Ich habe mich schon um so einige Verletzungen gekümmert. Als Henry und ich hier angekommen sind, gab es keinen Arzt zwischen San Antonio und El Paso, also haben wir ziemlich schnell gelernt, selbst zurechtzukommen, das kann ich Ihnen sagen.“

Carlson zog ein Klappmesser aus seiner Tasche und übergab es, dann machten sie alle Platz, um Mrs. Stokes freie Hand zu lassen. Bald hatte sie die blutige Kleidung weggeschnitten und ein runzeliges Loch in der Hüfte des Mannes enthüllt, ziemlich weit vorne, und ein weiteres in seinem Rücken, beide auf der rechten Seite.

„Die Wunden sind eindeutig von einem Schuss“, sagte Carlson.

„Die Wunde ist nicht tief, ein glatter Durchschuss. Die Kugel könnte eine Rippe gebrochen haben, aber das ist schwer zu sagen. Hauptsächlich ist er ohnmächtig geworden, weil er soviel Blut verloren hat. Geben Sie mir den Krug, den Sie hinter der Theke haben, Mr. Carlson, und sparen Sie es sich zu behaupten, dass da keiner ist. Ich werde die Wunden reinigen und verbinden, und dann können wir nur noch abwarten, was passiert.“

Die beiden jungen Knechte, Eduardo und Pablo, gingen wieder nach draußen, um mit ihrer Arbeit weiterzumachen, während Mrs. Stokes die Wunden versorgte. Als sie fertig war, machte sie einen Schritt zurück und fragte: „Wie geht es Ihrem Vater, Miss Devereaux?“

„Jeden Tag etwas besser“, antwortete Angel. „Doc Cabot sagt, er wird sich vollständig erholen. Es braucht nur etwas Zeit.“

„Freut mich, das zu hören.“ 

„Warten Sie hier auf die Kutsche, Mrs. Stokes?“

„Allerdings. Ich will meine Schwester in Moss City besuchen.“

Angel ging zum Tisch hinüber, um sich den bewusstlosen Mann anzusehen. Die Anspannung schien etwas aus seinem Gesicht gewichen zu sein.

„Tja, es geht weiter, sobald die Jungs die Gespanne gewechselt haben —“

In diesem Moment wurde die Tür geöffnet, und Pablo kam hereingerannt. „Señor Carlson, da kommen Reiter!“ sagte er. „Acht Männer. Bewaffnet!“

Angel wandte sich vom Tisch ab. Die meisten Männer hier draußen in West-Texas trugen Waffen, aber trotzdem wünschte sie, sie hätte ihre doppelläufige Schrotflinte nicht auf der Postkutsche liegen gelassen.

Ohne Vorwarnung umfasste eine Hand ihr Handgelenk, und eine heisere Stimme krächzte: „Einer … muss mir … einen Colt geben.“


III

Blutige Dienstmarken

Da Angel über ein kühles und ausgeglichenes Nervenkostüm verfügte, machte sie bei der unerwarteten Berührung keinen Satz, obwohl sie sicher eine Sekunde lang drauf und dran war. Sie blickte auf den verletzten Mann hinunter und fragte: „Wie lange sind Sie schon wach?“

„Lange genug, um zu wissen… dass wir alle in Schwierigkeiten stecken.“

Der Mann versuchte sich aufzusetzen.

Lobby card (Ausschnitt) zum Western 'Stagecoach Raids'

„Du meine Güte!“ sagte Mrs. Stokes. „Dafür sind Sie zu schwer verletzt, junger Mann.“

„Sie haben nicht … verstanden, Ma’am. Das da draußen … ist … Sam Kyle.“

„Sam Kyle, der Marshal?“ fragte Carlson. „Der ganze Städte zur Räson gebracht hat?“

Der Verletzte sackte zurück, obwohl er es offensichtlich nicht wollte, aber seine geschwächten Muskeln trugen ihn nicht länger.

„Marshal!“ wiederholte er verächtlich. „Spielt keine Rolle  ... dass er eine Dienstmarke trägt. Er ist der größte Verbrecher … der Ihnen jemals begegnen wird …“

Carlson sagte: „Ich habe gehört, dass man Kyle drüben in Bishop als Marshal angeheuert hat. Dieses Rattennest musste schon lange ausgemistet werden.“

„Kyle … hat ausgemistet … stimmt schon. Er und seine Bande … haben alle Bishops umgebracht … alle bis auf einen … und selbst die Macht übernommen … haben jeden… aus dem Weg geräumt … der ihnen in die Quere gekommen ist. Sie haben ... die ganze Stadt … in die Knie gezwungen. Alle Geschäfte … müssen an sie zahlen.“

„Davon habe ich noch nichts gehört“, sagte Carlson. „Und Sie, meine Damen?“

„Ich auch nicht“, sagte Mrs. Stokes. „Aber aus der Gegend kriegen wir nicht viele Neuigkeiten.“

„Ist bei uns nicht anders“, sagte Angel. „Bishop liegt auf keiner unserer Routen.“

Allerdings wusste sie, dass es die Stadt gab. Sie war von einem mürrischen alten Rancher namens Vint Bishop gegründet worden. Er galt als Viehdieb, aber die Texas Rangers hatten nie handfeste Beweise gegen ihn sammeln können. Er hatte vier oder fünf Söhne, die ebenso rau und zwielichtig waren wie er, und die Siedlung, die seinen Namen trug, war als weit offenes und gesetzloses Gebiet bekannt.

Sie konnte verstehen, warum die ehrbaren Bürger — oder diejenigen, die ehrbar sein wollten — sich zusammentaten und einen für sein Geschick im Umgang mit Schusswaffen berühmten Marshal anheuerten, um in der Stadt aufzuräumen.

Pablo trat nervös von einem Fuß auf anderen und sagte: „Señor … die Reiter …?“

„Ich geh’ ’mal ‘raus und sehe nach, was die wollen“, sagte Carlson.

Der Mann auf dem Tisch stöhnte, sagte aber nichts weiter.

Carlson schluckte schwer und machte sich auf den Weg zur Tür. Angel folgte ihm. Er schaute über seine Schulter und sagte: „Vielleicht bleiben Sie besser hier drin, Miss Devereaux.“

„Ich will wissen, was los ist“, sagte Angel und ignorierte den Vorschlag. Sie folgte dem Oldtimer nach draußen.

Pablo kam als Letzter und ging rasch zur Postkutsche, wo Eduardo war. Angel musterte die Reiter, sah, dass sie noch ungefähr fünfzig Meter entfernt waren, und sagte leise: „Pablo, wirf mir die Kutscherflinte ’rüber.“

Señorita?

„Tu, was sie sagt, Pablo“, sagte Carlson zu dem jungen Knecht.

Pablo warf einen Blick auf die Reiter, griff dann nach der Kutscherflinte und warf sie Angel zu. Sie fing sie geschickt auf.

„Meine Winchester liegt auch da auf dem Kutschbock, falls Sie sie brauchen, Mr. Carlson.“

„Großer Gott, Mädel“, sagte er fast unhörbar. „Diese Burschen sind zu acht. Und sie vertreten das Gesetz, laut dem, was der Hombre da drinnen gesagt hat.“

„Gesetzesvertreter mit blutigen Dienstmarken“, sagte Angel. „Aber wir haben keine Beweise dafür, dass er die Wahrheit sagt. Ich denke nur, dass es nicht schaden kann, auf Ärger vorbereitet zu sein.“

„Vorbereitet, sicher, aber nicht darauf aus.“

Angel wusste, dass er Recht hatte. Sie hatte schon immer eine draufgängerische Ader gehabt. Diese musste sie jetzt im Zaum halten, bis klar wurde, wie sich die Dinge entwickeln würden.

Pablo und Eduardo waren mit dem Gespannwechsel fertig gewesen, bevor sie die Reiter bemerkt hatten, die sich auf die Station zubewegten. Angel und Carlson blieben hinter den frischen Pferden stehen, als die Neuankömmlinge nicht weit entfernt die Zügel anzogen.

Ein Mann war ein wenig voraus, und er machte den Eindruck, als wäre das sein angestammter Platz. Groß und schlank, in einem grauen Tweed-Anzug, mit einem braunen Hut, der seinem dunkelgebräunten, falkenartigen Gesicht vor der sinkenden Sonne Schatten spendete.

Er nickte und sagte: „Howdy. Mein Name ist Sam Kyle.“ Mit seiner linken Hand schob er seine Jacke auf der linken Seite ein wenig zurück, sodass die an seiner Weste befestigte Dienstmarke sichtbar wurde. „Marshal, drüben in der Stadt Bishop. Vielleicht haben Sie schon von mir gehört.“

„Ja, Sir, Marshal, natürlich haben wir das“, antwortete Carlson. Er ging nicht näher darauf ein, was sie gehört hatten.

„Meine Deputies und ich suchen einen Flüchtigen.“

Angel warf einen Blick auf die „Deputies“. Auch sie trugen Dienstmarken, aber das war das Einzige an ihnen, das darauf hindeutete, dass sie Ordnungshüter waren. Als waffentragende Hombres mit ungehobelten, überwiegend unrasierten Gesichtern sahen sie für Angel wie Outlaws aus.

Das war zumindest ein Punkt, der vielleicht für die Geschichte sprach, die der verletzte Mann im Stationsgebäude erzählt hatte.

„Was für ein Flüchtiger ist das, Marshal?“ fragte Carlson. Angel bewunderte das ruhige, unaufgeregte Auftreten des Oldtimers, der sich nichts anmerken ließ.

„Ein Kerl namens Dan Bishop. Der Letzte aus dem Bishop-Clan bei uns. Gesetzlose, ausnahmslos, und Danny Boy ist der Einzige, der dem Zugriff der Justiz entkommen ist … bis jetzt. Das wollen wir ändern. Er ist ziemlich jung, ungefähr fünfundzwanzig, hat dunkle Haare und trug einen schwarzen Anzug, als er zuletzt gesehen wurde. Gibt vor, ein Berufsspieler zu sein, aber er ist genau so ein Gauner wie der Rest seiner Sippschaft.“

„Was ist mit den anderen passiert?“

Sam Kyle sah aus, als ob ihn die Frage verärgerte, aber er sagte: „Sie wurden in gesetzeskonformer Weise gehängt – oder erschossen, wenn sie sich der Festnahme widersetzten. Die Entscheidung lag bei ihnen.“

„Sie haben sie vor Gericht gestellt, oder?“

Einer der Männer hinter Kyle kicherte deswegen. Der Marshal drehte den Kopf und funkelte den Deputy eine Sekunde lang an, dann blickte er wieder Carlson an und sagte: „Gerichtsverfahren waren nicht nötig. Die Anklagepunkte gegen sie waren unwiderlegbar. Aber die Hinrichtungen wurden rechtmäßig von ordnungsgemäß ernannten Vertretern des Gesetzes durchgeführt.“

Carlson nickte. „Verstehe.“

Mit sichtlichem Bemühen, sich zu beherrschen, sagte Kyle: „Was ich wissen möchte, Mister, ist, ob Sie Dan Bishop gesehen haben. Hat er sich hier blicken lassen? Er wäre zu Fuß gewesen, also könnte er versucht haben, ein Pferd zu stehlen.“

Carlson schüttelte den Kopf und sagte: „Ich habe keinen gesehen, der so aussieht, Marshal, und uns fehlen auch keine Pferde. Abgesehen von der Postkutsche ist heute niemand gekommen.“

„Zu wem gehört dann dieser Buggy?“ fragte Kyle scharf.

„Zu mir“, verkündete Dorothy Stokes, während sie aus der Tür des Stationsgebäudes kam. „Meine Mutter und ich sind Passagiere der Postkutsche, die nach Moss City fährt.“

Neben ihr schlurfte eine gebeugte Gestalt in einem schwarzen Kleid, die einen schwarzen Hut und einen Schleier trug, der die Gesichtszüge darunter verbarg.


IV

Rauch

Kutscher“, fuhr Mrs. Stokes in befehlsmäßigem Ton fort, „helfen Sie mir, Mutter in die Kutsche zu bringen.“

Kyle runzelte die Stirn und ließ sein Pferd einen Schritt nach vorne gehen. „Ma’am, wer, bitte schön, sind Sie?“

„Ich bin die Frau von Henry Stokes. Sie haben wahrscheinlich schon von der Ranch meines Mannes gehört, der Diamond Bar.“

„Ja, Ma’am, ich glaube schon.“ Kyles Stirnrunzeln vertiefte sich. „Sie und Ihre Mutter wollen nach Moss City, sagten Sie?“

„Das stimmt. Eine ihrer lieben alten Freundinnen dort ist gestorben, möge sie in Frieden ruhen. Wir sind auf dem Weg zur Beerdigung, daher wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie uns nicht aufhalten würden, junger Mann.“

„Sie werden Moss City erst nach Einbruch der Dunkelheit erreichen“, merkte Kyle an. „Ungewöhnliche Zeit für eine Beerdigung.“

„Deshalb findet sie auch morgen früh statt. Aber ich möchte, dass Mutter, wenn sie dort ankommt, noch eine Gelegenheit hat, sich auszuruhen, bevor sie dieses Martyrium durchmachen muss.“

Kyle dachte noch ein paar Herzschläge lang darüber nach und nickte dann schließlich. „Mein Beileid an Sie und Ihre Mutter, Ma’am. Wenn Sie Hilfe brauchen …“

„Der Kutscher und ich schaffen das schon, vielen Dank.“

Angel musste nicht genauer hinsehen, um zu wissen, wer hinter diesem Schleier steckte. Es gefiel ihr nicht, unbewaffnet zu sein, aber sie legte die Kutscherflinte auf die Bodenbretter und drehte sich um, um den anderen Arm der schwarzgekleideten Gestalt zu ergreifen. Sie hörte röchelnden Atem und wusste, dass Dan Bishop Mühe hatte, in die Kutsche zu gelangen.

Wenn sie ihn von hier weg und weiter nach Moss City bringen könnten, wäre er vielleicht in Sicherheit. Sie könnte ihn dem dortigen Marshal übergeben, und der konnte aufklären, wer wirklich ein Verbrecher und wer ein Flüchtiger war.

Doch nach dem, was Sam Kyle über die Hinrichtungen gesagt hatte, neigte sie sogar noch mehr dazu, Dan Bishop zu glauben. 

Die Kutschentür auf der linken Seite war nicht geschlossen worden, nachdem sie geöffnet worden war, um Bishop aus dem Gefährt zu holen. Mrs. Stokes sagte: „Da geht’s eine Stufe hoch, Liebes. Schaffst du das?“

Bishop nickte.

Er hob einen Fuß, und Angel sah, dass er immer noch seine Stiefel trug, keine Damenschuhe. Aber die Kutsche befand sich zwischen ihm und den Männern, die ihn töten wollten, sodass diese es nicht sehen konnten. Angel und Mrs. Stokes wuchteten und stemmten Bishop hoch, und dieser streckte seine Hände, die in Handschuhen steckten, die ihm zu klein waren, aus, um den Türrahmen zu fassen und sich hineinzuziehen. Halb setzte er sich, halb fiel er auf die Sitzbank in Fahrtrichtung.

Mrs. Stokes stieg ein und nahm auf der anderen Sitzbank Platz. Sie nickte Angel zu, die die Tür fest zudrückte.

Da sie sich hinter den Pferden befunden hatte, hatten Kyle und seine Deputies wohl nicht bemerkt, dass sie eine Frau war, doch als sie jetzt auf den Kutschbock kletterte, gab es an dieser Tatsache keinen Zweifel. Kyle sah überrascht aus, aber er hob seine linke Hand und kniff in die Krempe seines Hutes, während er ihr zunickte.

„Ich habe gehört, dass eine Frau hier in der Gegend Postkutschen fährt, aber ich glaube nicht, dass sich unsere Wege schon einmal gekreuzt haben, Ma’am.“

Miss“, sagte Angel betont, „und wenn es Ihnen nichts ausmacht, Marshal, muss ich es nach Moss City schaffen, bevor es zu spät wird.“

„Selbstverständlich.“ Kyle machte eine Geste, dass sie losfahren konnte.

Angel nahm die Leinen auf, löste die Bremse und sprach das Gespann an, als sie die Pferde in Bewegung setzte. Geschickt wendete sie die Kutsche und machte sich auf den nach Süden abbiegenden Weg.

(Schluss folgt in Kürze)

© für die deutsche Übersetzung: Reinhard Windeler, 2025

Wir danken dem Autor für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung dieser Übersetzung und für die Auswahl des deutschen Titels.


 



Freitag, 11. April 2025

STORY: Die Kutschenkönigin von Buffalo Flat (James Reasoner)


Die Kutschenkönigin von Buffalo Flat

von James Reasoner

(Original: "Gun-Brand of the Stagecoach Queen", 2018 - Übers.: Reinhard Windeler, 2025)


James Morris Reasoner (Jahrgang 1953) erzählt Geschichten und spinnt Westerngarne, solange er zurückdenken kann. Er macht dies seit fast fünfzig Jahren professionell, und in dieser Zeit hat er unter seinem eigenen Namen und Dutzenden von Pseudonymen weit mehr als vierhundert Romane geschrieben. Seine Bücher standen auf den Bestsellerlisten der New York Times, von USA Today und Publishers Weekly. Er begeistert sich außerdem für Western-Pulps, sammelt sie, liest sie und schreibt über sie.

Mit „Die Kutschenkönigin von Buffalo Flat“ erscheint erstmals eine seiner Stories in deutscher Übersetzung. Von dem Cover einer Ausgabe des Lariat Story Magazine aus dem Jahre 1945 ließ er sich inspirieren, etwas zu schreiben, was zur damaligen Zeit an den Verlag Real Adventures Publishing Company hätte verkauft werden können, in dem dieses und andere Pulp-Magazine erschienen.

Tatsächlich veröffentlicht wurde die Story in der Anthologie „The Untamed West“, die 2018 von dem Schriftstellerverband „Western Fictioneers“ herausgegeben wurde, zu dessen Gründungsmitgliedern Reasoner gehört. 


____________________

I.

Angela Elena Devereaux lief zur Tür des Büros, als sie draußen auf der Straße Hufschläge hörte. Sie riss die Tür auf, und ihr langer schwarzer Rock wirbelte um ihre schlanken, honigfarbigen Beine, als sie auf die Straße stürzte.

Staub wallte von den Rädern der Postkutsche auf, als sie die Hauptstraße von Buffalo Flat entlangraste und dabei auf den breiten Lederverstrebungen, die unter ihr verliefen, auf und ab hüpfte. Ein alarmierter Schrei kam über Angels Lippen, als sie die Gestalt ausmachte, die auf dem Kutschbock zusammengesackt war.

Auf den ersten Blick schien der Mann bewusstlos zu sein, doch als die Kutsche näher kam, richtete er sich auf und zog die Leinen an, sodass das Gespann langsamer wurde. Er machte eine Hand frei, winkte mit ihr und rief: „Aus dem Weg! Geht aus dem Weg!“

Die wenigen Leute auf der Straße kamen dieser Aufforderung nach und hasteten zu den Plankengängen. Das Sechsergespann donnerte vorbei. Irgendwie schaffte es der Kutscher, die Pferde vor dem Büro der Buffalo Flat Stagecoach Line zum Stehen zu bringen.

Der Staub wirbelte um Angel herum, stach ihr in die Augen und brachte sie zum Husten, aber sie beachtete es nicht und stürzte auf die Kutsche zu. Ohne sich darum zu kümmern, dass sie einen Rock trug, kletterte sie ohne Mühe auf den Bock. Während der meisten ihrer neunzehn Jahre war sie auf Postkutschen hinauf- oder von ihnen hinuntergeklettert.

„Papa!“ schrie sie, als sie ihre Hände nach dem Kutscher ausstreckte. „Papa, du bist verletzt!“

Frank Devereaux’ Hemd war dunkelrot von Blut. Sein wettergegerbtes Gesicht war blass und schmerzverzerrt. Seine Augenlider waren zugefallen, aber er zwang sich, sie zu öffnen, und krächzte: „Angel … Mädel … Ich hab’s zurück geschafft ... die Kutsche hergebracht …“

„Natürlich hast du das, Papa“, bestätigte sie ihm. „Was ist passiert?“

Dann wurde ihr bewusst, dass es nicht annähernd so wichtig war herauszufinden, was passiert war, wie, sich um Hilfe für ihren Vater zu kümmern. Sie schaute sich um und sah die Menschenmenge, die sich um die Postkutsche angesammelt hatte. Mit rauer Stimme schrie sie: „Jemand soll Doc Cabot holen!“

„Er ist schon auf dem Weg, Miss Devereaux“, versicherte ihr einer der Einwohner der Stadt und zeigte mit einer Handbewegung auf eine rundliche Gestalt, die auf der Straße auf sie zueilte.

„Flynn …“, murmelte Devereaux. „Dieser verdammte … Morgue Flynn … er war’s … er und seine Bande … haben mich überfallen … draußen bei Rattlesnake Wells … aber sie haben mich nicht aufgehalten … sogar als der maskierte Schurke … damit geprahlt hat, wer er ist … Dann hat er mir … eine Kugel verpasst … Die Lieferung haben sie nicht gekriegt …“ 

„Morgan Flynn.“ Angel stieß den Namen aus.

Wenn ihr Vater sterben sollte, würde sie den Mann für das, was er getan hatte, am Galgen baumeln sehen … oder sie würde ihn selbst töten! 

Lariat Story Magazine



II.

Ich fürchte, es wird noch eine Weile auf der Kippe stehen“, sagte Dr. Willard Cabot zu Angel, während er sich mit einem Lappen Blut von den Händen wischte.

Blut ihres Vaters.

„Die Kugel ging glatt durch, was gut ist“, fuhr Cabot fort, „aber Frank hat viel Blut verloren, und ich kann nicht sagen, wie viel Schaden sie in ihm drin angerichtet hat. Ich glaube, sie hat alle lebenswichtigen Organe verfehlt, aber nur die Zeit wird zeigen, ob ich recht habe.“

„Aber wenn Sie recht haben, wird er überleben?“

„Die Chancen dafür stehen gut“, nickte Cabot.

Angel schloss die Augen und holte tief Luft. Sie fühlte noch keine Erleichterung, tatsächlich war sie weit davon entfernt, aber zumindest gab es Grund zu Hoffnung.

„Kann ich ihn sehen?“ fragte sie.

„Für eine Minute. Allerdings ist er bewusstlos, also wird er nicht merken, dass du da bist.“

Cabot führte Angel in das Zimmer mit den weißen Wänden, in dem Patienten untergebracht wurden, wenn sie zu schwer verletzt waren, um das Haus des Arztes zu verlassen. Angel hielt den Atem an, als sie das Gesichts ihres Vaters sah, in das die Schmerzen Furchen gegraben hatten. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie er es geschafft hatte, die letzten sieben Meilen von Rattlesnake Wells mit der Postkutsche zurückzulegen, während den ganzen Weg über Blut aus der Schusswunde strömte.

Genau genommen konnte sie es sich vorstellen, korrigierte sie sich. Frank Devereaux hatte es mit purer starrköpfiger Entschlossenheit zustande gebracht. Dieselbe Art von Zielstrebigkeit, die es ihm möglich gemacht hatte, eine Tochter allein großzuziehen, während er eine Postkutschenlinie fast im Alleingang aufgebaut und zum Erfolg geführt hatte.

„Du schaffst das, Papa“, flüsterte sie, als ob er sie verstehen könnte. Vielleicht konnte er das tatsächlich irgendwo tief in seinem Inneren.

In der Tür hinter ihr waren Schritte zu hören. Ein Mann räusperte sich und sagte: „Ich muss mit dir reden, Angel.“

Sie sah sich um und erkannte das markige Gesicht von Sheriff Tom Gavin mit seinem weißen Schnurrbart. 

„Ich bin in einer Minute da, Sheriff“, sagte sie zu ihm.

„Ich will dich nicht drängen, aber je eher sich ein Aufgebot auf die Verfolgung von diesen Hur… diesen Räubern machen kann, desto größer ist die Chance, dass wir sie erwischen.“

Angel nickte. Der Gesetzeshüter zog sich in das vordere Zimmer zurück. Angel sah ihren Vater noch einen Moment lang an und ging dann zu ihm.

„Er hat mir gesagt, dass es die Flynn-Bande war“, berichtete sie. „Sie haben versucht, ihn bei Rattlesnake Wells aufzuhalten, aber er ist aus ihrem Hinterhalt entkommen.“

„Dann werden wir dort die Spur aufnehmen“, sagte Gavin zu ihr. „Gab es Passagiere?“

Angel schüttelte den Kopf. „Auf dieser Fahrt nicht. Er hat nur die Expressbox befördert.“

Gavins Augen verengten sich. „Was war da drin?“

„Danach müssen Sie William Lindsay fragen.“

Die Eingangstür stand offen. Ein Mann erschien darin und fragte: „Mich wonach fragen?“

Angel und Gavin wandten sich beide dem Neuankömmling zu, der einen teuren braunen Tweedanzug trug. Er war ein gutaussehender Mann Ende zwanzig, mit blonden Haaren, der im Moment keinen Hut trug. Ein besorgter Ausdruck lag auf seinem Gesicht.

„Keine Sorge, Mr. Lindsay“, sagte Angel zu ihm. „Ihre Lieferung ist angekommen. Mein Vater hat sie durchgebracht.“

Gavin brummte und sagte: „Ihre Lieferung, ja, Mr. Lindsay? Ich nehme an, das bedeutet, es war Geld, das für Ihre Bank bestimmt war.“

„Das ist mir egal“, antwortete Lindsay mit einer wegwerfenden Handbewegung. „Ich möchte wissen, wie es Frank geht. Wie ist sein Zustand? Wird er durchkommen?“

„Die Chance besteht“, sagte Doc Cabot. „Zu früh, um zu sagen, ob es eine gute Chance ist.“

„Was auch immer er braucht, scheuen Sie keine Kosten, Doktor.“

„Das ist allgemein die Art, wie ich meine Patienten behandle“, sagte der untersetzte medico.

„Ich meine es ernst. Ich werde die Rechnung bezahlen.“

Angel sagte knapp: „Das ist nicht nötig, Mr. Lindsay.“

Er kam einen Schritt näher zu ihr, lächelte und sagte: „Ich habe dir doch gesagt, Angel, du sollst mich William nennen.“

Angel beachtete es nicht und wandte sich wieder an den Sheriff. „Sie haben etwas von einem Aufgebot gesagt. Ich werde mitreiten.“

Gavins buschige weiße Augenbrauen zogen sich zu einem Stirnrunzeln zusammen. Er schüttelte den Kopf und setzte an: „Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist —“

„Sie wissen, dass ich so gut im Sattel sitzen kann wie irgendein Mann in dieser Stadt“, beharrte Angel, „und ich kann auch mit einer Waffe umgehen. Es gibt hier in der Gegend nicht viele, die mit einem Gewehr besser schießen.“

„Das weiß ich“, sagte Gavin. „Ich habe dich aufwachsen gesehen, seit du ein kleines Mädchen warst, das mir kaum bis zu den Knien reichte, oder nicht? Aber ich bin auch fest davon überzeugt, dass Frank nicht wollen würde, dass du mit irgendeinem Aufgebot mitreitest. Du bleibst hier und hilfst Doc, auf ihn aufzupassen. Ich und meine Deputies werden Morgue Flynn und seine Bande aufspüren.“

„Bis jetzt hatten Sie nie das Glück.“

Gavins Gesicht wurde rot vor Zorn. „Diesmal kriegen wir ihn “, schwor er. „Darauf kannst du dich verlassen.“

Angel sagte kein Wort. Wenn es etwas gab, das sie von ihrem Vater gelernt hatte, dann, dass man sich nicht darauf verlassen konnte, dass irgendein Anderer deinen Job erledigt. Die Schlangen vor seiner eigenen Tür zertrat ein Mann selbst. Und eine Frau tat das auch.


III.

Buffalo Flat war das Versorgungszentrum für ein riesiges Viehzuchtgebiet hier im äußersten Westen von Texas. Die Eisenbahn führte durch Harker City, unten an der Grenze, aber die einzige Möglichkeit, Passagiere und Lieferungen in das Herz des Landes zu bringen, bot die Postkutsche.

Die Strecke verlief von Harker City nach Norden bis Buffalo Flat, und von dort aus verzweigten sich weitere Routen zu den anderen weit verstreuten Ortschaften wie die Speichen eines Rades. Als François Devereaux, ein kürzlich verwitweter Spieler aus New Orleans, mit seiner kleinen Tochter angekommen war, war die Siedlung kaum mehr als eine Stelle, wo sich der Weg etwas nach rechts und links verbreiterte. Aber Frank Devereaux, wie man ihn nannte, war, wie es seiner Natur entsprach, ein Wagnis eingegangen — er hatte die Postkutschenlinie eröffnet —, und die Tatsache, dass Buffalo Flat sich zu einer blühenden Siedlung entwickelt hatte, war zum großen Teil auf Devereaux’ Risikobereitschaft zurückzuführen.

Während dieser Zeit war Angela Elena — von ihrem Vater schon in jungen Jahren „Angel“ genannt, ein Name, der haften blieb — zu einer schönen, tüchtigen jungen Frau herangewachsen. Mit ihrer goldenen Haut und dem rabenschwarzen Haar — Attribute, die sie von ihrer spanischen Mutter geerbt hatte, die sie nie kennen gelernt hatte — war sie so liebreizend, dass Cowboys von nah und fern sie anschmachteten, aber ihr einziges wirkliches Interesse bestand darin, ihrem Vater dabei zu helfen, die Kutschenlinie in Betrieb zu halten.

Sie konnte eine Peitsche knallen lassen, wie ein Maultiertreiber auf ein störrisches Gespann schimpfen und eine doppelläufige Kutscherflinte abfeuern, ohne vom Rückstoß umgeworfen zu werden. Um ihren Vater zu besänftigen, der glaubte, dass Mädchen sich möglichst damenhaft benehmen sollten, trug sie Blusen und lange Röcke, aber sie ließ sich durch diese Kleidung nie davon abhalten, das zu tun, was sie tun wollte.

Sie trug einen langen schwarzen Rock, ein leuchtendrotes Seidenhemd und einen breitkrempigen schwarzen Hut mit straffgezogenem Kinnriemen, als sie am nächsten Morgen in die wie eine Höhle wirkende Scheune der Postkutschenlinie marschierte und verkündete: „Ich übernehme die Fahrt nach Antelope Crossing, Stubby.“

Der kleine Oldtimer mit dem von einem weißen Bart umrahmten Gesicht, der sich für die Firma um die Pferde kümmerte und die Kutschen instand hielt, starrte sie an und sagte: „Davon höre ich zum ersten Mal, Miss Angel. Ich bin mir nicht sicher, dass das so eine gute Idee ist.“

„Ich bin diese Strecke schon ’mal gefahren.“

Stubby Conners schob seinen verbeulten alten Hut zurück und schüttelte den Kopf. „Das war, bevor es diesen üblen Morgue Flynn vom Pecos hierher verschlagen hat und er dafür gesorgt hat, dass jetzt hier die Kacke am Dampfen ist – entschuldige meine Ausdrucksweise.“

„Du vergisst, dass ich in meinem Leben eine Menge unanständiger Flüche gehört habe“, sagte Angel mit einem Lächeln zu ihm. „Ich habe sogar selbst einige benutzt.“

Yeah … wenn dein Pa nicht in der Nähe war, um es zu hören.“ Stubby seufzte. „So wie auch jetzt, schätze ich.“

„Und damit bin ich der Boss.“

„Und damit bist du der Boss“, stimmte der Oldtimer widerwillig zu. „Trotzdem bin ich nicht begeistert von der Idee, dass du die Kutsche zur Kreuzung bringst.“

„Einer muss es tun. Die Linie muss ihren regulären Fahrplan einhalten, sonst verlieren wir den Beförderungsvertrag, das weißt du doch.“

„Gut, dann lass’ mich die Fahrt übernehmen.“ Stubby klopfte an die Seite der rot und gelb angemalten Concord-Kutsche. „Ich habe das schon ’mal gemacht, weißt du.“

Angel lächelte ihn nachsichtig an und schüttelte den Kopf. „Damals warst du noch jünger. Jetzt würden deine Knochen so viel Gerüttel nicht mehr aushalten, Stubby, und außerdem bist du hier zu wertvoll für uns.“

„Scheiß’ drauf, mit diesem Flynn-Schurken, der sich hier in der Gegend ’rumtreibt, ist es einfach zu gefährlich für —“

„Für ein Mädchen?“ fragte Angel, als Stubby mitten in seiner Tirade abbrach.

„Wenn du es genau wissen willst, yeah! Das ist exakt das, was ich gemeint hab’!“

„Tut mir leid. So wird es nicht laufen. Schirr’ das Gespann an.“

„Herrgottsakrament —“

„Das ist ein Befehl, Stubby.“

Der Oldtimer blickte finster drein und murmelte Verwünschungen vor sich hin, aber er begann, die Pferde hinauszuführen und anzuschirren.

Während Stubby damit beschäftigt war, ging Angel in die Sattelkammer, in der auch die Schusswaffen aufbewahrt wurden. Sie griff sich eine der Kutscherflinten mit den abgesägten Zwillingsläufen und klappte sie auf. Sie nahm ein paar Patronen aus einer Schachtel, schob sie in die Waffe und ließ sie dann zuschnappen. Acht weitere Patronen wanderten in eine der großen Taschen an ihrem Rock.

Angel legte die Schrotflinte auf den Sitz der Kutsche und ging dann zurück in die Sattelkammer, um eine Winchester zu holen. Sie lud das Magazin des Karabiners und steckte zusätzliche Patronen in die andere Tasche ihres Rocks. Sie konnte mit einem Revolver umgehen, aber mit Langwaffen war sie besser. Die Winchester kam auf die Bodenplatte des Kutschbocks. 

Inzwischen hatte Stubby das Gespann angeschirrt. Er kratzte sich am Bart und fragte: „Bist du dir wirklich sicher?“

„So sicher, wie es nur geht. Ich werde nicht zulassen, dass diese Linie wegen eines Verbrecherlumpen wie Morgan Flynn über den Jordan geht!“

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IV.

Trotz ihrer nach außen zur Schau getragenen Zuversicht war Angel ein wenig nervös, als sie nach Norden in Richtung Antelope Crossing fuhr. Abgeflachte Tafelberge und hoch aufragende Felsnadeln erhoben sich hier und da aus der Landschaft. Das Gelände bestand größtenteils aus Weideland, unterbrochen von felsigen Arroyos und sandigen Abschnitten, die fast wüstenartig waren. Es war ein riesiges Land, und Angel liebte es, aber sie wusste auch, dass es voller Orte war, an denen Gesetzlose und andere Abtrünnige sich verstecken konnten.

Wenigstens musste sie sich keine Sorgen um die Sicherheit von Passagieren machen. Da die Flynn-Bande sich hier herumtrieb, waren die Leute um ihre eigene Sicherheit besorgt und reisten nur, wenn es sich nicht vermeiden ließ. Im vergangenen Monat hatten Flynn und seine Revolverwölfe zweimal den Zug überfallen, ein paar Banken in kleinen Siedlungen ausgeraubt und eine beträchtliche Menge gestohlenen Viehs weggetrieben. Sie waren rücksichtslos und schossen sofort, wenn jemand versuchte, ihnen Widerstand zu leisten. Bei ihren Überfällen hatten sie bisher vier Männer getötet.

Angel hoffte, dass ihr Vater nicht der fünfte werden würde.

Bislang hatte Flynn es weder auf die Bank noch auf etwas anderes in Buffalo Flat abgesehen, aber die Banditen hatten überall rund um die Stadt zugeschlagen, und Angel schien es, dass sie immer näherkamen. Jetzt, nach dem Angriff auf die Postkutsche bei Rattlesnake Wells, hielt sie es für unausweichlich, dass die Plünderer bald auch ihr Zuhause ins Visier nehmen würden.

Die Leute hätten eine ganze Kompanie von Texas Rangers gebraucht, um diese Ratten zu beseitigen, aber damit war anscheinend nicht zu rechnen. Texas war zu groß und die Zahl der Rangers zu gering.

Der Staub und das Schwanken der Kutsche störten sie nicht; an diese Dinge war sie gewöhnt. Aber der Staub erschwerte manchmal die Sicht, und so war sie nicht vorgewarnt, als plötzlich rechts vom Weg ein Reiter hinter einigen Felsen hervorsprengte. Er erhob seine Stimme zu einem Ruf, dass sie anhalten sollte, aber stattdessen schlug Angel mit den Leinen auf die Leiber der Zugpferde und trieb das Gespann zu schnellerer Gangart an.

Sie stemmte ihre Füße auf die Bodenplatte und griff nach der Kutscherflinte auf dem Sitz neben ihr. Als sie die Waffe hochhielt, konnte sie das markige Gesicht des Mannes, der versuchte, sie aufzuhalten, gut erkennen. Sie hatte ihn noch nie zuvor gesehen.

Er lenkte sein Pferd scharf zur Seite, als sie den rechten Lauf der Greener abfeuerte. Die Kutsche sauste an ihm vorbei, und Angel wusste nicht, ob die Schrotladung ihn getroffen hatte oder nicht.

Offensichtlich nicht, erkannte sie, als sie über ihre Schulter zurückblickte. Der Reiter hatte die Verfolgung aufgenommen. Er lehnte sich beim Reiten im Sattel nach vorne, um ein kleineres Ziel zu bieten.

Angel murmelte einen der unanständigen Flüche, die sie Stubby gegenüber erwähnt hatte. Sie lehnte sich ebenfalls nach vorne und trieb das Gespann mit der Peitsche zu einem höheren Tempo an. Der Wind zerrte an der Krempe ihres schwarzen Hutes.

Es war nicht wahrscheinlich, dass das Gespann in der Lage sein würde, einen einzelnen Mann zu Pferd abzuhängen, daher überlegte Angel, dass sie ihm den Schneid abkaufen müsste. Sie schlang die Leinen um den Bremshebel und verknotete sie, dann drehte sie sich auf dem Sitz um und hob erneut die Kutscherflinte. Der Reiter wich zur Seite aus, als sie den zweiten Lauf abfeuerte. Erneut fluchte sie, weil sie auch dieses Mal nicht getroffen hatte.

Angel setzte sich hin, klappte das Gewehr auf, ließ die leeren Patronenhülsen herausfallen und lud nach. Während sie damit beschäftigt war, holte der Mann sie ein. Sein Reittier schloss längsseits zur Kutsche auf. Angel machte rechtzeitig wieder eine Drehung, um zu sehen, wie er seinen Sattel mit einem waghalsigen Sprung verließ, der ihn halb auf das Dach der Kutsche trug. Er hielt sich an der um das Dach herum verlaufenden Messingreling fest und kletterte in Sicherheit.

Doch so sicher war er nicht, denn die Zwillingsläufe der Schrotflinte in Angels Händen schwenkten wieder auf ihn zu. Er war jetzt nahe genug, dass sie sehen konnte, wie sich seine Augen als Reaktion auf die Bedrohung weiteten.

Er stürzte auf sie zu, seine rechte Hand schnellte nach vorn, um die Läufe zu packen und nach oben zu schlagen, gerade als Angel beide Abzüge durchzog. Der dröhnende Knall der Kutscherflinte trommelte auf ihre Ohren als wären es riesige Fäuste. Die Schulter des Mannes krachte in sie hinein und stieß sie rückwärts vom Sitz. Sie fiel auf die Bodenplatte, und er landete auf ihr.

Die Winchester lag unter ihr, aber in dieser Position konnte sie sie nicht mit den Händen greifen. Die Schrotflinte war leer. Sie versuchte, ihm den Kolben ins Gesicht zu schlagen, aber er wich aus und riss ihr die Waffe aus den Händen.

Etwas Heißes tropfte auf ihr Gesicht. Sie blickte zu ihm auf und sah, wie Blut aus einer Schnittwunde an seiner Schläfe rann. Eine der Schrotkugeln musste ihn gestreift haben, aber die Verletzung war nicht schlimm genug, um ihn außer Gefecht zu setzen.

Als die Kutsche über eine Bodenunebenheit fuhr und einen gewaltigen Hüpfer machte, fiel der Mann mit seinem ganzen Gewicht und mit genügend Wucht auf Angel, um ihr die Luft aus den Lungen zu pressen.

Nach Luft ringend bemerkte sie, dass sich die Kutsche jetzt schneller bewegte. Sie blickte hinüber und sah, dass die Leinen nicht mehr um den Bremshebel geschlungen waren. Sie und der Angreifer mussten sie losgerissen haben, als sie vom Sitz gestürzt waren, dachte sie.

„Sie gehen … sie gehen durch!“ brachte sie keuchend heraus.

Der Mann hob seinen blutenden Kopf und fluchte. Er stemmte sich hoch, was ihr erlaubte, wieder frei zu atmen, und mit einem tiefen Luftholen füllte sie dankbar ihre Lungen. Er streckte eine Hand in Richtung der Leinen aus, wo sie zwischen die rennenden Pferde gefallen waren, konnte sie aber nicht erreichen.

„Bleiben Sie hier!“ bellte er Angel an.

„Wo zum Teufel … sollte ich sonst hingehen?“ erwiderte sie wütend und immer noch etwas atemlos. „Was haben Sie … warten Sie! Sie sind … loco!“

Ob verrückt oder nicht, er zögerte nicht. Er hechtete vom Kutschbock auf eines der Stangenpferde  und ließ sich dann auf die Deichsel hinuntergleiten. Vorsichtig balancierend arbeitete er sich vorwärts, bis er die Geschirre der beiden Vorderpferde packen und sie zurückziehen konnte. Das Gespann wurde allmählich langsamer und blieb stehen.

Während seine Stiefel immer noch auf der Deichsel standen, drehte er seinen blutenden Kopf in Richtung Angel und sagte: „Sie kleine Närrin! Sie hätten es fast geschafft, uns beide —“

Er brachte den Satz nicht zu Ende, als er sah, dass sie den Winchester-Karabiner auf ihn gerichtet hatte.

„Bleiben Sie genau da stehen oder ich blase ihnen ein Loch in Ihren Leib, Mister“, warnte sie. „Sie hätten es sich zweimal überlegen sollen, bevor Sie versucht haben, mich auszurauben!“

„Sie ausrauben! Ich wollte nur mit Ihnen reden, Sie dumme Gans.“

„Sie haben eine komische Art, das zu versuchen; von hinter einem Felsen so auf mich zuzuspringen. Wissen Sie nicht, dass Morgue Flynn sich in dieser Gegend herumtreibt?“

Er überraschte sie, indem er sie anlächelte und sagte: „Doch, das ist mir bestens bekannt. Wissen Sie, mein Name ist Morgan Flynn.“

Damit verdrehte er seine Augen, und er brach zusammen.


V.

Der Fremde, der behauptete, Morgan Flynn zu sein, fiel beinahe unter die Hufe der Vorderpferde, und so nervös, wie sie ohnehin schon waren, bestand die Gefahr, dass er niedergetrampelt wurde. Angel legte rasch den Karabiner nieder, schnappte sich die Leinen, die sie jetzt, da die Kutsche nicht mehr in Bewegung war, erreichen konnte, und band sie um den Bremshebel fest, damit das Gespann nicht wieder losrasen würde.

Dann sprang sie vom Bock herunter, wobei der lange Rock in die Höhe wehte, und rannte zum vorderen Bereich des Gespanns. Sie konnte sich nach unten beugen und ihre Hände zwischen den Vorderpferden ausstrecken. Es gelang ihr, das Hemd des bewusstlosen Mannes zu packen und ihn in Sicherheit zu ziehen.

Er war großgewachsen und muskulös und ganz gewiss kein Leichtgewicht. Angel war schwer am Keuchen, als sie ihn aus der Gefahrenzone heraus hatte. Sie trat einen Schritt zurück, um ihn zu mustern.

Er war in den Zwanzigern, hatte dichtes, rötlichbraunes Haar und ein glattrasiertes Gesicht. Er sah nicht aus wie ein brutaler Desperado, der sich für eine Karriere aus Stehlen und Töten entschieden hatte, aber man konnte nicht immer anhand ihres Aussehens viel über Menschen sagen. Sie war der beste Beweis dafür, eine junge Frau, die aussah, als sollte sie irgendwo in einem schicken Salon sitzen, anstatt eine Postkutsche zu fahren und mit Gesetzlosen zu kämpfen.

Die Kopfwunde des Mannes hatte ziemlich stark geblutet, was Kopfwunden gerne tun.  Das Stück Schrot hatte ihm wahrscheinlich auch einen ziemlich guten Hieb verpasst.  Eigentlich war es ein wenig überraschend, dass er nicht schon früher ohnmächtig geworden war. Pure Entschlossenheit — oder Starrköpfigkeit — musste ihn bei Bewusstsein gehalten haben.

So ähnlich wie ihr Vater am Tag zuvor, überlegte Angel, und dann schüttelte sie schnell ihren Kopf.

Ihr Vater und dieser Lump von einem Straßenräuber hatten überhaupt nichts gemeinsam. Immerhin hatte er das durchgegangene Gespann zum Stehen gebracht und sie vielleicht vor einem möglichen Unglück bewahrt. Andererseits wäre das Gespann gar nicht erst durchgegangen, wenn er ihr nicht so aufgelauert hätte, wie er es getan hatte, also waren sie vielleicht quitt.

Trotzdem konnte sie nicht einfach dastehen und zusehen, wie er blutete. Sie sah, dass unter seiner Lederweste eine Bandana aus seiner Hemdtasche hervorschaute. Sie zog sie heraus, faltete sie zu einem behelfsmäßigen Verband und kniete sich neben ihn, um ihm das Tuch fest genug um den Kopf zu binden, damit – wie sie hoffte – die Blutung nachlassen oder sogar aufhören würde.

Sie war gerade damit fertig, als sich seine Augenlider flatternd öffneten. Für eine Sekunde konnten sich seine Augen nicht fokussieren, aber dann blieben sie an etwas hängen, und er lächelte.

Angel wurde bewusst, dass er direkt auf ihre Brüste blickte, die sich unter dem roten Seidenhemd hoben und senkten.

„Verdammt“, rief sie aus, als sie hastig aufstand und einen Schritt zurücktrat. Ihr Gesicht wurde rot und heiß. Sie warf einen Blick auf das Halfter an seiner Hüfte, sah, dass es leer war, und schaute sich nach dem Revolver um, der herausgefallen sein musste. Als sie einen Colt entdeckte, der mehrere Meter entfernt auf dem Boden lag, ging sie schnell dorthin und hob die Waffe auf. 

„Sie können ganz unbesorgt sein“, sagte der Mann zu ihr. „Ich fühle mich gerade so schwach und wackelig auf den Beinen wie ein neugeborenes Kalb. Ich werde Ihnen keinen Ärger machen —  egal, wie hübsch Sie sind.“

„Halten Sie die Klappe“, fauchte Angel, während sie den Revolver auf ihn richtete, den sie mit beiden Händen hielt. „Sind Sie wirklich Morgan Flynn?“

„Sie sagt mir, ich soll die Klappe halten, und dann stellt sie mir eine Frage.“

„Reden Sie nicht über mich, als wenn ich nicht hier wäre. Sie sagten, Sie wären Morgan Flynn.“

„Der war ich, und der bin ich.“

„Morgue Flynn, der Outlaw?“

Sein Lächeln verschwand. Er verzog das Gesicht und sagte zu ihr: „Ich habe diesen Namen nie gemocht. Als ich jünger war, haben mich einige Leute Morg genannt, M-O-R-G, die Kurzform von Morgan, und als ich dann anfing, mir einen Ruf zu verschaffen, wurde er zu Morgue geändert. Ich kann den Unterschied immer daran erkennen, wie die Leute es betonen, wenn sie es sagen, obwohl es gleich ausgesprochen wird.“

„Man hat angefangen, Sie wie eine Leichenhalle zu nennen, weil die Leute, die Ihnen in die Quere kommen, am Ende dort landen“, sagte Angel. „Wie viele Menschen haben Sie umgebracht?“

„Das geht Sie verdammt nochmal nichts an“, antwortete Flynn mit einem finsteren Blick.  „Aber keinen, der nicht zuerst versucht hat, mich zu töten, das kann ich Ihnen sagen.“

„Sie sind ein Lügner“, sagte sie rundheraus. „Mein Vater hat nicht versucht, Sie zu töten. Er hat nur versucht, Sie und Ihre Bande davon abzuhalten, das transportierte Geld zu stehlen. Und Sie haben trotzdem auf ihn geschossen!“

„Würde es etwas nützen“, fragte Flynn, „wenn ich Ihnen sagen würde, Miss Devereaux, dass ich Ihren Vater nie zu Gesicht bekommen habe? Und ich kann Ihnen hoch und heilig versichern, dass ich nicht auf ihn geschossen habe!“

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VI.

Das Letzte, was Angel wollte, war, die Geschichte dieses Mannes zu glauben.  Doch, als er im Schatten der Postkutsche saß und mit ihr sprach, war er auf eine seltsame Weise überzeugend.

„Sie können sich vorstellen, wie überrascht ich war, als ich hörte, dass ich in dieser Gegend alle Höllenfeuer entfache, besonders, weil ich zu der Zeit in San Saba war, ein paar hundert Meilen östlich von hier. Da komm’ ich her, wissen Sie … San Saba.“

„Nein“, sagte Angel knapp. „Das hab’ ich nicht gewusst. Und ich glaube auch nicht, dass es mich interessiert.“

„Ich versuche gerade, es zu erklären“, fuhr Flynn fort. „Dieser Kerl, der der Anführer einer Bande ist und hier die ganze Aufregung verursacht hat … das bin nicht ich. Praktisch seit ich alt genug war, um rittlings im Sattel zu sitzen, hat man mir Sachen angehängt, die ich niemals getan habe, aber das hier ist vielleicht das Schlimmste … weil es ein so hübsches Mädchen wie Sie dazu gebracht hat, mich zu hassen.“

„Sie verschwenden Ihre Zeit mit Komplimenten“, sagte sie zu ihm. „Wenn Sie nicht der Boss dieser Bande sind, wer dann?“

„Tja, das ist eine andere Sache“, sagte Flynn, anstatt die Frage direkt zu beantworten. „Ich bin nie mit einer so großen Bande geritten wie die, von der ich gehört habe. Manchmal habe ich vielleicht einen oder zwei Kumpel dabei gehabt, aber das war alles. Und die meiste Zeit war ich auf eigene Rechnung unterwegs.“

„Eine saubere Rechnung, kann ich mir denken.“ Angels Stimme war ätzend, als sie diesen Kommentar abgab.

„Hören Sie mir zu“, erwiderte Flynn, der verärgert zu klingen begann. „Ich habe Ihnen schon gesagt, dass man mir viele Dinge vorgeworfen hat, die ich nicht getan habe. Ich werde Sie nicht anlügen. Ich bin nicht immer ehrlich und anständig gewesen. Aber wenn ich etwas gestohlen habe, dann meistens von jemandem, der es vorher selbst gestohlen hatte. Und wie ich schon sagte, ich habe nie jemanden getötet, der nicht versuchte, mir das Licht auszublasen.“

Angel verschränkte ihre Arme vor ihrer Brust und sah ihn kalt an. „Jetzt weiß ich, dass Sie lügen“, sagte sie, „denn mein Vater hat mir erzählt, dass Sie damit geprahlt haben, wer Sie sind, bevor Sie auf ihn geschossen haben.“

Einen langen Moment sah Flynn sie an, ohne etwas zu sagen. Dann sagte er: „Ich bin gestern Abend in die Stadt geschlichen und habe von dem Überfall gehört. Deshalb bin ich Ihnen heute hier draußen gefolgt. Ich wollte mit Ihnen sprechen und genau herausfinden, was der Boss dieser wilden Truppe sagte, bevor er auf Ihren Vater schoss.“

„Das habe ich Ihnen doch gesagt. Sie haben damit geprahlt, dass Sie Morgue Flynn sind.“ 

„Nein. Ganz genau.“

Angel runzelte die Stirn. Sie ärgerte sich über Flynn, aber die Frage schien ihm wichtig zu sein. Sie dachte an diesen schrecklichen Moment zurück, als sie ihren blutenden Vater in ihren Armen gehalten hatte, und dann antwortete sie: „Er hat Sie einen maskierten Schurken genannt.“

Flynn nickte, als wäre diese Antwort das, was er zu hören erwartet hatte.

„Jeder, der eine Maske trägt, kann behaupten, Morgan Flynn zu sein“, sagte er. „Das heißt noch lange nicht, dass Mrs. Flynn ihn geboren hat.“

„Was wollen Sie …“ Angels Stimme verklang, als sie seinem Gedankengang folgte. „Sie wollen sagen, dass sich jemand für Sie ausgegeben hat.“

„Macht es viel einfacher, einen Raubüberfall zu begehen und dann aus dem Blickfeld zu verschwinden, wenn die Behörden nach jemand anderem suchen, oder nicht?“

Sie musste zugeben, dass das, was er sagte, einen Sinn ergab, aber es gab absolut keinen Beweis für seine Behauptung. Sie sah keine Möglichkeit, es zu beweisen, es sei denn, der angebliche Hochstapler würde auf frischer Tat ertappt.

„Ich werde Sie fesseln und Sie nach Buffalo Flat mit zurück nehmen“, erklärte sie ihm. „Sheriff Gavin kann alles aufklären.“

„Glauben Sie, ich lasse mir das einfach gefallen, während Sie das tun?“

Sie hob den Revolver, den sie immer noch in den Händen hielt. „Sie vergessen, dass ich alle Waffen habe und nicht Sie. Sie können sich Ihre Füße selbst fesseln, und dann halten Sie Ihre Hände hinter Ihren Rücken, und ich werde sie fesseln.“

„Wie soll ich in die Kutsche steigen, wenn Sie das tun?“

Angel runzelte die Stirn. „Ich schätze, Sie sollten zuerst in die Kutsche steigen und dann Ihre Füße fesseln.“

„Wenn Sie mir so nahe kommen, greife ich nach … der Kanone.“

Sie spürte, wie ihr Gesicht wieder heiß wurde. „Vielleicht schlage ich Sie wieder bewusstlos.“

„Sie haben mir schon in den Kopf geschossen. Wenn Sie mir noch einen überbraten, wird mein Schädel vielleicht zu Brei. Ich könnte sogar dabei draufgehen.“

„Vor ein paar Minuten habe ich versucht, Sie zu töten“, erinnerte sie ihn. „Glauben Sie, ich würde mir deswegen allzu viele Sorgen machen?“

„Auf einen Kerl zu schießen, weil man glaubt, er versucht, einen auszurauben, ist etwas anderes, als ihm den Schädel einzuschlagen, während er hilflos ist. Ich denke dabei nur an Sie, Angel. Ich möchte nicht, dass Sie sich für den Rest Ihres Lebens schuldig fühlen.“

Sie schnaubte und sagte: „Ich verspreche Ihnen, ich werde mich nicht schuldig fühlen, wenn ich einen Outlaw töte.“

„Ich habe noch einen Vorschlag. Müssen Sie nicht die Fahrt nach Antelope Crossing zu Ende bringen?“

„Ja … ich muss einen Postsack abliefern und eine weitere Tasche, die ich Amos Terwilliger persönlich übergeben soll, der dort den Handelsposten betreibt.“

William Lindsay hatte diese zweite, versiegelte Tasche am frühen Morgen in das Büro der Postkutschenlinie gebracht und dafür bezahlt, dass sie an Terwilliger geliefert wurde. Er hatte Angel nicht gesagt, was sie enthielt, aber sie vermutete, dass es sich um die Lohngelder für eine der Ranches nordwestlich der Wegekreuzung handelte. Terwilliger fungierte als inoffizieller Bankier für die Viehzüchter in jener Gegend und hatte sogar einen Safe in seinem Handelsposten.

Angel hatte Lindsay nicht zu dem Frachtgut befragt, weil sie bestrebt gewesen war, dass er das Büro schnell wieder verließ. Sie hatte sich bereits bei Doc Cabot nach ihrem Vater erkundigt und erfahren, dass Frank Devereaux immer noch bewusstlos, sein Zustand aber ruhig und unauffällig war, und sie wollte mit der Arbeit des Tages beginnen.

Auch fühlte sie sich in Lindsays Nähe nicht besonders wohl, denn er hatte deutlich zu erkennen gegeben, dass er sich zu ihr hingezogen fühlte. Er hatte sogar ein oder zwei Mal angedeutet, dass er daran interessiert war, sie zu heiraten — ein Gedanke, der Angel überhaupt nicht gefiel.

„Warum begleite ich Sie nicht einfach nach Antelope Crossing?“ fuhr Flynn fort. „Ich kann in der Kutsche mitfahren und ungesehen bleiben. Wenn dann jemand versucht, Sie zu belästigen, bin ich zur Stelle, um zu helfen.“

Sie konnte sich nicht verkneifen auszurufen: „Sind Sie loco geworden? Einem Outlaw vertrauen und ihn in meiner Kutsche mitfahren lassen?“

„Es würde mich nicht wundern, wenn der hombre, der sich für mich ausgibt, es noch einmal bei Ihnen versuchen würde“, sagte Flynn mit einem grimmigen Ausdruck auf seinem Gesicht. „Wenn er das tut, wäre ich gerne dabei, um ihm den echten Morgan Flynn vorzustellen.“

„Was ist mit Ihrem Pferd?“ Das Tier graste in der Nähe.

„Er wird nach einer Weile in mein Lager oben in den Prophets zurückkehren. In dieser Hinsicht ist er ziemlich schlau.“

„Und wenn nichts passiert?“

Flynn breitete seine Hände aus und sagte: „Tja, dann werde ich Sie nach Buffalo Flat zurückbegleiten, und Sie können mich dem Sheriff übergeben, genau, wie Sie’s vorhatten. Nur werde ich Ihnen dann deswegen keinen Ärger machen.“

Angel runzelte die Stirn. Auch wenn an seiner Geschichte, dass sich jemand für ihn ausgab, etwas Wahres dran war, nahm sie an, dass er jetzt log. Dieser Mann würde sich niemals freiwillig dem Gesetz stellen.

Aber er könnte den ersten Teil der Abmachung einhalten und in der Kutsche nach Antelope Crossing fahren. Falls er die Wahrheit über den Hochstapler sagte, könnte ihm das die Gelegenheit geben, den Mann zu stellen und die Maskerade aufzudecken.

„Ich werde Ihnen keine Waffe geben“, sagte sie.

„Wenn diese Schurken uns angreifen, kann ich Ihnen ohne eine Waffe nicht helfen.“

„Das Risiko gehe ich ein“, sagte Angel. „Wenn ich Ärger auf mich zukommen sehe, werde ich eine Waffe durch das Fenster reichen.“

„Das würde jedem, der uns im Blick hat, verraten, dass sich jemand in der Kutsche befindet.“

„So wird’s gemacht“, sagte sie. „Entweder so oder gar nicht.“

Flynn seufzte und nickte. „Einverstanden. Ich bin nur froh, dass ich keine geschäftlichen Vereinbarungen mit dir aushandeln muss, Angel. Du bist ein harter Verhandlungspartner.“

„Es heißt ,Miss Devereaux’. Jetzt ’rein da.“ Sie gestikulierte mit dem Revolver, den sie in den Händen hielt. „Und versuchen Sie keine Tricks. Ich kann eine Leiche genauso gut befördern wie einen lebenden Passagier.“

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VII.

Flynn versuchte weiter, mit ihr zu reden, aber Angel wollte nichts davon hören. Sie konzentrierte sich auf ihre Arbeit als Kutscherin. Sie hatte die Schrotflinte nachgeladen, und sie lag auf dem Sitz neben ihr, in Reichweite, mit Flynns Colt gleich daneben.

Vor ihr türmten sich Hügel auf, die sich aus dem flachen Gelände erhoben. Der Weg schlängelte sich ein paar Meilen lang zwischen ihnen hindurch, bevor das Gelände für den Rest der Strecke nach Antelope Crossing wieder ebener wurde. Wenn Banditen versuchen würden, einen Überfall zu begehen, dann würden sie es wahrscheinlich auf diesem Streckenabschnitt tun.

Aus diesem Grund war Angel besonders wachsam, als die Postkutsche die Hügel erreicht hatte. Falls es Ärger gab, bekäme sie möglicherweise nicht viel Vorwarnung, also überlegte sie einen Moment und nahm dann den Revolver in die Hand. Sie lehnte sich nach links, drehte den Kopf und rief: „Hey, Flynn!“

Yeah, Angel?“

Dieses Mal machte sie sich nicht die Mühe, ihn zu korrigieren. Sie langte einfach mit der Waffe nach hinten, hielt sie in das vordere Fenster und sagte: „Hier. Nur für den Fall.“ 

„Freut mich zu sehen, dass du anfängst, mir zu vertrauen“, sagte er, als er die Waffe entgegennahm.

„Das habe ich nicht gesagt!“

Angel fuhr weiter. Vor ihr wurde ein Bergkamm sichtbar. Der Weg hindurch führte durch einen Einschnitt. Als sich die Postkutsche näherte, musterte Angel eingehend die gut vier Meter hohen Böschungen auf beiden Seiten des Einschnitts. Sie sah keine Anzeichen, dass sich etwas bewegte, weshalb sie nicht langsamer wurde. Vielmehr trieb sie die Pferde zu höherem Tempo an. Sie wollte diesen Einschnitt so schnell wie möglich hinter sich bringen.

Plötzlich tauchten am entfernten Ende des Einschnitts Reiter auf, die den Weg versperrten. Angel drehte sich verzweifelt auf dem Sitz, um hinter sich zu schauen. Vielleicht konnte es ihr noch gelingen, die Kutsche zu wenden und zu fliehen …

Berittene Männer, die sich Bandanas über die unteren Hälften ihrer Gesichter gebunden hatten, waren auch dort hinten, wie sie sinkenden Mutes erkannte. „Wir sitzen in der Falle!“ rief sie verzweifelt, als sie die Leinen anzog.

„Nein!“ rief Flynn aus dem Inneren der Kutsche. „Da vorne rechts ist eine Stelle, wo die Böschung eingestürzt ist. Da kannst du ’rauskommen.“

„Sie sind verrückt! Die Kutsche kann da nicht hochkommen!“

„Doch, kann sie! Es wird ungemütlich, aber du kannst es schaffen, Angel!“

Die Outlaws vor ihr kamen im Galopp näher. Einer der maskierten Männer hob eine Waffe und richtete sie auf sie.

„Bleiben Sie genau da stehen, Lady!“ brüllte er ihr zu. „Es ist Morgue Flynn, der mit Ihnen spricht!“

Heftige Flüche waren aus dem Inneren der Kutsche zu hören. „Lew Thorpe!“ schrie Flynn. „Deine Stimme würde ich überall erkennen, du Mistkerl!“

Die Tür auf der rechten Seite der Kutsche schlug zurück, als Flynn sie aufstieß. Angel hörte, wie sie gegen die Seite der Kutsche prallte. Flynn lehnte sich hinaus und eröffnete das Feuer; zwei schnelle Schüsse gab er in Richtung der heranstürmenden Outlaws ab. Dann steckte er das Schießeisen ein, packte die Reling an der Ecke des Kutschbocks und schwang sich hinaus und hinauf.

Er landete auf dem Sitz neben Angel, zeigte mit dem Finger und schrie: „Da!“

Die Böschung war in der Tat eingestürzt und hatte einen ziemlich steilen Abhang hinterlassen, der mit Geröll bedeckt war. Angel glaubte immer noch nicht, dass das Gespann und die Postkutsche es schaffen könnten, aber beide Banditengruppen hatten inzwischen das Feuer eröffnet, und die Kugeln pfiffen viel zu nahe um ihren Kopf, als ihr lieb war.

„Woher wussten Sie von dieser Stelle?“ rief sie ihm zu.

„Ich erkunde gerne die Gegend und lerne das Gelände kennen, wenn ich irgendwo hingehe, wo ich vorher noch nie gewesen bin!“

„Na, dann sorgen Sie ‘mal dafür, dass die beschäftigt sind!“ rief sie Flynn zu, während sie mit den Leinen arbeitete.

„Mit Vergnügen!“ antwortete er. Die Pistole befand sich wieder in seiner Hand. Sie ruckte und spuckte Flammen.

Angel lenkte die Kutsche in die engste Kurve, die sie jemals genommen hatte. In dem Einschnitt war nicht ausreichend Platz, um es anders zu machen. Die Kutsche schwankte und neigte sich, und eine Sekunde lang dachte Angel, sie würde umkippen und es würde einen Unfall geben, bei dem sie wahrscheinlich beide getötet würden.

Dann richtete sich die Kutsche wieder auf, die Pferde kämpften sich den Hang hinauf, und die Kutsche sprang und hüpfte und schüttelte sich so heftig auf dem holprigen Untergrund, dass Angel dachte, sie würde jeden Moment in ihre Einzelteile auseinanderfallen.

Flynn stieß einen wilden Schlachtruf aus, als er sich umdrehte und den Hang hinunter auf ihre Verfolger schoss. Beide Hände waren jetzt im Einsatz. Als die beiden Revolver dröhnten, rief Angel: „Sie hatten die ganze Zeit noch eine Waffe!“

„In meinem Stiefel!“ erklärte er ihr mit einem flüchtigen, schelmischen Grinsen. „Das ist manchmal ganz praktisch!“

Unter den gegebenen Umständen kam die Kutsche nicht sehr schnell voran, sodass Flynns tödlich präzises Feuer das Einzige war, was die Outlaws davon abhielt, sie einzuholen.

Als die Hämmer beider Revolver auf leere Kammern klickten, sagte Angel zu ihm: „Auf dem Boden liegt eine Winchester!“

„Hab’ ich schon gesehen!“ Flynn steckte einen Revolver ins Halfter und den anderen hinter seinen Gürtel, dann drehte er sich herum und beugte sich nach unten, um den Karabiner zu greifen. Mit ihm kam er wieder hoch, drehte sich abermals der Bande zu und deckte sie mit Blei ein; er schoss so schnell, wie er den Hebel der Winchester betätigen konnte. Der rötlichbraune Haarschopf über dem provisorischen Verband um seinen Kopf flog hin und her.

Erstaunlicherweise blieb die Postkutsche in einem Stück, bis sie das obere Ende des Hangs erreichte und auf dem Kamm ankam. Keines der Pferde war auf den Steinen ausgerutscht oder gestürzt, und es hatte sich auch keines ein Bein gebrochen. Angel trieb sie mit der Peitsche an, damit sie in Bewegung blieben, als sie oben auf dem Kamm entlang fuhr und nach einem Weg zurück nach unten suchte.

Die Banditen stürmten aus der Abbruchstelle heraus und nahmen die Verfolgung auf. Angel hob ihre Stimme, als sie Flynn fragte: „Wie viele sind es?“

„Am Anfang waren es ein Dutzend“, antwortete er, wobei er keine weiteren Schüsse abgab. „Aber ich habe fünf von ihnen erledigt, und drei weitere sind nicht mehr dabei, die lecken jetzt ihre Wunden.“

„Also sind noch vier hinter uns her?“

Yeah, und einer von ihnen ist Lew Thorpe, das miese Stinktier! Wir sind vor ein paar Jahren eine Zeit lang zusammen geritten, bis ich gemerkt habe, dass er loco ist! Es passt genau zu ihm, dass er versucht, es mir heimzuzahlen, indem er so tut, als wäre er ich. Er kriegt die Beute, und mir rückt das Gesetz auf die Pelle!“

„Vielleicht gibt er auf.“

„Nicht Lew! Er ist jetzt zu allem entschlossen. Und er wird wütend sein, weil er ein paar von seinen Männern verloren hat. Er weiß, dass er sich nicht mehr auf die verlassen kann, die er noch hat, wenn er nicht Rache für die anderen nimmt und sich nicht alles schnappt, was in dieser Kutsche von Wert ist.“ Flynn warf Angel einen Blick zu. „Und dazu gehörst auch du!“

Das jagte ihr einen Schauer über den Rücken. Hier draußen an der Grenze waren anständige Frauen selbst in den Händen der abgebrühtesten Outlaws sicher — zumindest meistens. Aber es gab immer Ausnahmen, und offenbar war Lew Thorpe eine davon. 

„Da ist ein Weg!“ rief Flynn. „Wenn wir zurück ins Flache kommen, können wir sie vielleicht abhängen!“

Angel wusste, dass das unwahrscheinlich war. Sie konnte sehen, wie sehr die Flanken ihrer Pferde sich bereits hoben und senkten. In den Tieren steckte nicht mehr viel. Alles, was sie tun konnte, war, es dennoch zu versuchen. Sie steuerte die Kutsche den Abhang hinunter.

„Glaubst du mir jetzt, dass ich deinen Pa nicht überfallen habe? Und auch sonst keinen hier in der Gegend?“ fragte Flynn. „Du siehst doch, dass es die ganze Zeit Thorpe war, oder?“

„Danach sieht es aus, ja“, stimmte Angel widerwillig zu. Flynn mochte unschuldig sein, was die jüngsten Verbrechen betraf — aber er war immer noch ein Gesetzloser.

Als sie bergab fuhren, war ihr Tempo so hoch, dass der Wind Angel den Hut vom Kopf wehte. Er baumelte am Kinnriemen hinter ihr. Sie griff nach ihm, um ihn sich wieder aufzusetzen, als sie sah, dass sich vor ihnen etwas bewegte. 

„Flynn!“

Er drehte seinen Kopf und erkannte dasselbe wie sie: Drei Reiter, die dabei waren, ihnen den Weg abzuschneiden. Er sagte: „Diese verwundeten hombres müssen einen Bogen gemacht und beschlossen haben, doch wieder mitzumischen! Egal, jetzt bleibt uns nichts anderes übrig, als sie anzugreifen. Kannst du die Zügel mit einer Hand halten?“

„Kann ich!“

Er legte den Karabiner auf den Boden, griff in seine Tasche und holte eine Handvoll Patronen heraus. Nachdem er frische Patronen in beide Revolver gesteckt hatte, reichte er Angel einen davon.

„Direkt auf sie zu und aus allen Rohren feuern“, erklärte er ihr grimmig. „Das ist unsere einzige Chance.“

„Was ist mit Thorpe und den anderen Männern hinter uns?“

„Um die machen wir uns Sorgen, wenn wir den Kampf vor uns überleben!“ sagte er zu ihr, und für eine Sekunde erschien wieder dieses verwegene Grinsen auf seinem Gesicht.

Dann schien der Abstand zwischen der Postkutsche und den Outlaws vor ihr sich im Handumdrehen in Luft aufzulösen. Staub wirbelte um das dahinrasende Gefährt, und Pulverrauch stieg aus den Schusswaffen auf, die auf beiden Seiten krachten.

Bebend kam die Kutsche zum Stehen. Angel und Flynn standen mittlerweile Rücken an Rücken auf dem Kutschbock und verschossen alle Patronen in ihren Revolvern auf die Outlaws, die um sie herumritten. Thorpe und die anderen Männer, die sie auf dem Bergkamm verfolgt hatten, donnerten ebenfalls auf die Kutsche zu, doch Flynn ließ seinen leeren Colt fallen, schnappte sich die Kutscherflinte und begrüßte die Reiter mit einer doppelten Ladung Schrot, die zwei der Banditen aus ihren Sätteln fegte.

Angel hatte den Karabiner in ihren Händen und feuerte, bis der Lauf rot glühte. Als das Magazin nahezu leer war, kippte Flynn, offensichtlich erneut getroffen, gegen sie. Sie wollte gerade versuchen, ihn zu stützen, als einer der Outlaws auf das Dach der Kutsche kletterte und auf sie zu sprang.

Sie drehte sich um und schwang die Winchester wie eine Keule in seine Richtung. Der aufgeheizte Lauf traf ihn mit voller Wucht seitlich im Gesicht, riss die Maske zur Seite und versengte seine Haut. Er heulte vor Schmerz und Wut auf und hob seine Pistole, aber Flynn packte ihn, bevor er schießen konnte. Beide Männer stürzten von der Postkutsche.

Angel sah sich um, halb betäubt von der Gewalt, die über die Kutsche hereingebrochen war. Ihr wurde bewusst, dass die Sättel der Pferde der Outlaws alle leer waren. Der Boden war übersät mit menschlichen Körpern in verrenkten Positionen. Der Kampf war vorbei — bis auf den erbitterten Nahkampf zwischen Morgan Flynn und dem letzten der Banditen.

Als Angel vom Bock hinunterschaute, krachte plötzlich ein Schuss, und beide Männer erstarrten. Es war Flynn, der wackelig auf die Beine kam, auf das zerschlagene Gesicht des anderen Mannes hinunterblickte und sagte: „Das geschieht dir recht, Thorpe, weil du versucht hast, mich an den Galgen zu bringen!“

Das Hemd des anderen Mannes war auf der Vorderseite dunkelrot von Blut. Sein Gesicht war schon vom Tod erschlafft. Seine Finger umklammerten kraftlos immer noch seine Pistole, die Pistole, die seinem eigenen Leben ein Ende gesetzt hatte, als es Flynn gelungen war, den Lauf herumzudrücken und seinen Finger an den Abzug zu bringen.

An der Seite von Lew Thorpes Gesicht befand sich eine Stelle, wo die Haut verbrannt war, ein Brandmal von dem Lauf der Winchester, die Angel benutzt hatte, um ihm einen Hieb zu verpassen.  

„Wie schlimm sind Sie getroffen, Flynn?“ fragte Angel mit einer Stimme, die vom Einatmen von so viel Pulverrauch heiser geworden war.

Er sah auf das Blut auf seinem eigenen Hemd hinunter und grinste sie dann an. „Das? Das ist nichts. Nur ein kleiner Kratzer an meiner Seite.“

„Sie haben schon ziemlich viel Blut verloren, erinnern Sie sich?“

Er schwankte plötzlich und sagte: „Also, ich … ich könnte vielleicht tatsächlich ein bisschen Halt gebrauchen.“

Sie sprang von der Kutsche herunter und nahm seinen Arm, um ihn zu stützen, und während sie dies tat, legte er seinen anderen Arm um sie und zog sie damit dicht an sich heran. Sie schnappte überrascht nach Luft, dann senkte sich sein Mund auf ihren, und sie konnte keinen weiteren Laut von sich geben, als er sie küsste.

Als er sie losließ und einen Schritt zurücktrat, fand sie keine Worte, aber er glich das aus, indem er feixte und sagte: „Jetzt, wo du weißt, dass ich nicht derjenige bin, der deinen Pa angeschossen hat, und wir mit diesem Haufen hier aufgeräumt haben, ist es nicht mehr nötig, dass ich dich nach Antelope Crossing begleite. Das kriegst du schon ganz gut alleine hin.“

„Warte … was?“

Er schnappte sich die Zügel eines der Pferde der Outlaws und schwang sich in den Sattel. „Ich möchte dich nicht in Versuchung führen, mich den Behörden zu übergeben“, fuhr er fort. „Es gibt immer noch ein paar Dinge in meiner Vergangenheit, die nicht ans Tageslicht gebracht werden müssen. So oder so, du wirst damit beschäftigt sein, die Kutschenlinie zu leiten, während dein Vater wieder auf die Beine kommt. Aber wir sehen uns wieder, Angel. Ich schätze, darauf kannst du dich verlassen.“

„Warte!“ rief sie ihm zu, als er das Pferd wendete. „Flynn! Morgan!“

Er entbot ihr einen Gruß, indem er mit einem Finger den Verband berührte, den sie ihm zuvor um den Kopf gebunden hatte, und dann galoppierte er in Richtung der fernen Prophet Mountains in die Hügel und war weg.

Angel blieb nichts anderes übrig, als zurück auf die Postkutsche zu klettern, die Leichen der Outlaws, die überall herumlagen, zurückzulassen und nach Antelope Crossing weiterzufahren. Sobald sie nach Buffalo Flat zurückgekehrt sein würde, konnten Sheriff Gavin und der Bestatter herkommen und die Toten einsammeln.

Sie würde dem Gesetzeshüter auch davon berichten, wie Thorpe sich als Morgan Flynn ausgegeben hatte. Das würde Flynns Namen zwar keineswegs völlig reinwaschen, aber es war nicht richtig, dass er für Verbrechen verantwortlich gemacht wurde, die er nicht begangen hatte — auch wenn er in vielerlei Hinsicht ein unerträglicher Angeber war!

Ob unerträglich oder nicht, die Erinnerung an jenen unerwarteten Kuss begleitete sie den ganzen Weg bis zur Wegekreuzung und auch zurück nach Buffalo Flat.


© für die deutsche Übersetzung: Reinhard Windeler, 2025

Wir danken dem Autor für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung dieser Übersetzung.


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