Film: Keine Gnade für Ulzana
Die WDR-Neufassung von „Ulzana’s Raid“
Ein Gastbeitrag von Roland Johannes aus dem Jahre 1986
(für das AKWA Journal behutsam bearbeitet, ergänzt und aktualisiert)
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Vorbemerkungen
Vom 18. Januar bis zum 11. März 1972 fanden im Auftrag der Film- und Verleihgesellschaft Universal die Dreharbeiten zu Robert Aldrichs Western „Ulzana’s Raid“ (dt.: Keine Gnade für Ulzana) statt. Nach seiner Fertigstellung wurde der Film von seiner Produktionsfirma, seinen europäischen Verleihern (Fox-Rank; CIC) und durch Zensurschnitte vielfach verstümmelt und in alternativen Versionen für verschiedene Kino- und Fernsehmärkte herausgebracht.
Der Rekonstruktionsversuch des Westdeutschen Rundfunks entstand 1986 auf Initiative und unter Leitung des Filmredakteurs Roland Johannes (*1942) aus zwei Versionen, die in vielen Details und Dialogpassagen, durch Kürzungen und Auslassungen voneinander abweichen: der US- amerikanischen Originalfassung („Domestic Version“) und der deutschen Kinofassung („Foreign Version“).
Die Inlandsversion (Universal) kam – nach ihrer Uraufführung im kanadischen Ottawa am 5. Oktober 1972 – am 27. Oktober 1972 in die amerikanischen Kinos und hat eine Länge von 2.829 Metern (Format: 35 mm Technicolor). Das entspricht 103 Minuten bei 24 Bildern pro Sekunde (bzw. 99 Minuten bei einer Fernsehabtastung von 25 Bildern pro Sekunde).
Die deutschsprachige Auslandsversion (CIC-Verleih) wurde am 16. März 1973 erstaufgeführt mit einer Länge von 2.762 Metern (Format: 35 mm Technicolor). Das entspricht 101 Minuten bei 24 Bildern pro Sekunde (bzw. 97 Minuten bei einer Fernsehabtastung von 25 Bildern pro Sekunde).
Das vom WDR bei Universal-MCA/TV erworbene neue Fernsehsendematerial (35 mm Farbe) ist identisch mit der amerikanischen „Domestic Version“ und bildet die Grundlage der WDR-Neufassung.
Alle im US-Original fehlenden und nur in der Auslandsfassung enthaltenen Teile – insgesamt sind das zehn Szenen, Dialoge oder Dialogpartikel – entstammen einer alten deutschen Kinokopie, deren Abnutzungserscheinungen (Schmutz, Laufstreifen) durch Regenerierung des Farbmaterials gemildert werden konnten. Diese im US-Original unterschlagenen Szenen und Szenen-Teile wurden in die WDR-Neufassung integriert, wobei die Chronologie des Handlungsablaufes ihre Platzierung zweifelsfrei und zwingend vorschrieb.
Der Vergleich der beiden Versionen von „Ulzana’s Raid“ macht deutlich, dass das US-Original eine Vielzahl zusätzlicher Einstellungen, Szenen, Dialoge und Dialogteile enthält – insgesamt betrifft das immerhin achtundzwanzig Stellen des Films, die wiederum in der deutschen Kinofassung vernachlässigt wurden und bei uns zuvor nicht zu sehen waren.
Dies erforderte für die WDR-Fassung eine neue Synchronisation ganzer Szenenblöcke, ergänzende Sprachaufnahmen sowie eine neue Gesamtmischung auf Grundlage der bereits vorhandenen alten deutschen Kino-Synchronisation, die 1973 von der Firma Berliner Synchron Wenzel Lüdecke nach dem Dialogbuch von Lutz Arenz unter der Regie von Dietmar Behnke (1922 – 1983) vorgenommen wurde. Für diese neuen Sprachaufnahmen bei der Bavaria Atelier GmbH München, wo Uwe Gaube (*1947) für die Texte und die Dialogregie verantwortlich war, konnten die damaligen deutschen Sprecher ausfindig gemacht werden, darunter Horst Niendorf (1926 – 1999; Burt Lancaster / McIntosh), Helo Gutschwager (*1947; Bruce Davison / Lt. DeBuin), Norbert Langer (*1941; Jorge Luke / Ke-Ni-Tay) und Klaus Sonnenschein (1935 – 2019; Richard Jaeckel / Sgt. Burns).
Der Zugewinn an originalem Szenen- und Dialogmaterial gegenüber der alten deutschen Kinofassung veränderte das thematische Gleichgewicht und auch die Abfolge des Geschehens von „Ulzana’s Raid“.
Dem bloßen Handlungsplot und seinen thematischen Implikationen nach stimmen beide Fassungen im Wesentlichen überein. Doch es gibt bedeutsame Unterschiede, die bei der Montage beider Versionen offenbar konsequent verfolgt worden sind.
In der deutschen Kinofassung („Foreign Version“) reduzieren Schnitte und Auslassungen die kulturellen Unvereinbarkeiten und rassischen Gegensätze von Weißen und Indianern auf einen geradezu paranoiden Konflikt Weiß-Rot. Ihr geht es vor allem um die schockierende Darstellung der „Wildheit“ und Grausamkeit der Apachen, die den „zivilisierten“ Weißen fremd und unverständlich bleiben muss, obwohl sie selbst gleichfalls zu barbarischen Reaktionen fähig sind.
Bezeichnenderweise wird Ulzanas erster Auftritt in der deutschen Kinofassung bewusst hinausgezögert, um die Schockwirkung seiner Überfälle noch zu verstärken und damit die Vorurteile der Weißen zu bestätigen.
Fremd, wild und grausam erscheinen die Apachen auch im US-Original. Hier jedoch gehen ihren Überfällen von Anbeginn an Szenen voraus, die Ulzana und seine jungen Krieger immer wieder als Gejagte auf der Flucht, bei der Rast oder bei der Vorbereitung ihrer Guerilla-Aktionen zeigen, die mehr und mehr zum Kampf ums nackte Überleben werden, ohne damit moralische Rechtfertigungen oder gar Entschuldigungen ihrer Taten zu verbinden.
Dem entspricht auch eine stärkere Betonung der Mittlerfunktion der beiden Kundschafter McIntosh und Ke-Ni-Tay, die – obschon in militärischen Diensten – zwischen den Fronten Weiß-Rot stehen. Dabei unterschlägt die deutsche Kinofassung, dass McIntosh mit einer Indianerin zusammenlebt – eine Tatsache, die seine Weigerung, die Apachen pauschal zu verurteilen, erklärend mitbestimmt.
Demgegenüber fällt auf, dass das US-Original, anders als die deutsche Kinoversion, mit Bedacht alle von Robert Aldrich intendierten Vietnam-Anspielungen durch Kürzungen zu mildern sucht und jede Kritik am Sinn des militärischen Unternehmens und seiner Führung systematisch ausspart.
Captain Gates’ erfolgreicher Versuch, sich mit erpresserischen Mitteln um das Kommando der Sondereinheit zu drücken, wird ebenso unterschlagen wie das sture Festhalten von Major Cartwright an einem einmal gegebenen Einsatzbefehl oder Sergeant Burns’ Bemühen, das Desaster eines sinnlosen Militärauftrages zu verschleiern.
Das Rekonstruktionsprotokoll
Die nachfolgende Gegenüberstellung der amerikanischen und der deutschen Version von „Ulzana’s Raid“ protokolliert im Vergleich aller Abweichungen die neue Fassung, die erstmals am 7. September 1986 um 22:40 Uhr im Westdeutschen Fernsehen (dem Dritten Programm des WDR) sowie im Oktober und November 1986 auch in den anderen Dritten Programmen der ARD ausgestrahlt wurde.
Ihre Sendelänge beträgt 106 Minuten und 10 Sekunden bei einer Fernsehabtastung von 25 Bildern pro Sekunde. Das entspricht einer Kinolänge von 110 Minuten und 25 Sekunden bei 24 Bildern pro Sekunde. Damit ist die Neufassung, die in dieser Vollständigkeit bis dahin nirgends öffentlich zu sehen war, fast zehn Minuten länger als die deutsche Kinosynchronisation und immer noch über sieben Minuten länger als die amerikanische Inlandsversion.
Das vorstehende Rekonstruktionsprotokoll ist ein bedeutsames Dokument für die Geschichte des Filmwesterns in Deutschland. - Wir danken Roland Johannes für die freundliche Genehmigung die Einführung und das 20seitige Rekonstruktionsprotokoll veröffentlichen zu dürfen. - RW / KJR -