Der andere Silberpfeil, oder: der Tag, an dem Silberpfeil starb
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| (Abb. 1) |
Die Silberpfeil-Piccoloserie von 1957 ist ein weiteres Kuriosum aus dem Lehning Verlag. Sie startete gleich als dreister Etikettenschwindel, denn im Vorwort stellte Redakteur Hans-Jürgen sie als "unsere neue Indianer-Serie" vor. Es handelte sich allerdings um einen reinen Nachdruck der bereits 1953 mit 51 Piccolos erschienenen Serie "Der Rote Adler" von Benedetto Resio & Roberto Renzi. Um das zu tarnen (und möglicherweise um sich die Lizenzgebühren zu ersparen), ließ man (bis zur Nr. 36) neue Titelbilder von Hansrudi Wäscher anfertigen und taufte den Helden kurzerhand in "Silberpfeil" um. Für diejenigen Leser, die sich noch ans Original erinnern konnten, fügte man im Text eine kurze Erklärung ein: "Ich bin Silberpfeil, auch roter Adler genannt, Sohn der Blauen Feder!" (Abb. 2) Renzi war nicht gerade ein Top-Autor, sein Akim hatte noch einen gewissen trivialen Charme, bei dieser geistig eher schlichten Indianerserie sucht man den weitgehend vergeblich. Viele Szenen wirken einfach dämlich, z.B. wenn Silberpfeil an einer Straßenecke mit seinem Blutsbruder zusammenkracht, die dümmlichen Texte unterstreichen das noch (Abb. 3)
 | | (Abb. 2) |
|  | | (Abb. 3) |
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Trotz der sehr, sehr bescheidenen Qualität von Story & Zeichnungen schien der Serie ein gewisser Erfolg beschieden gewesen zu sein, denn man ließ sie, als das italienische Material zur Neige ging, von Walter Kellermann fortführen. Bereits die Nummern 37-50 stammten aus seiner Feder, hier zeichnete er jedoch die italienischen Vorlagen zwar gewaltentschärft, aber weitgehend unverändert um. Ab der Nr. 51 schuf er neue Abenteuer, die das ohnehin schon niedrige Niveau der Serie in neue Tiefen führten. Wir kennen Kellermann vor allem als Zeichner der krakeligen Sigurd-Piccolos 202-206, wo er als Ersatz während Hansrudi Wäschers Hochzeitsreise einsprang. Zum Glück hat Wäscher nur einmal geheiratet. Trotz der bescheidenen Qualität brachte es Lehnings Silberpfeil auf stolze 165 Hefte. Im letzten Heft gibt Silberpfeil die Häuptlingswürde "in jüngere Hände" ab und reitet (rätselhafterweise mit der Häuptlingsfederkrone auf dem Kopf) in den Sonnenuntergang.
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| (Abb. 4) |
Zeitsprung ins Jahr 1985: die Nostalgie-Welle rollt, Kultzeichner des deutschen "Golden Age" wie Hansrudi Wäscher und Willi Kohlhoff zeichnen neue Geschichten mit ihren klassischen Helden. Da tritt auch Kellermann wieder auf den Plan: im Dargatz Verlag erscheint mit "Silberpfeil - Neue Abenteuer" eine Fortsetzung der Lehning Serie aus seiner Feder, die mit der Nr. 166 direkt an diese anschließt. Der Bastei Verlag hält die Rechte an dem Titel "Silberpfeil" seit 1969, erlaubt Dargatz aber die Benutzung des Namens. So kommt es zu der skurrilen Situation, dass von 1985-1988 auf dem deutschen Comicmarkt gleichzeitig zwei Serien namens "Silberpfeil" erscheinen, die absolut nichts miteinander zu tun haben.
Kellermanns Zeichen- & Schreibstil hat sich in den vergangenen Jahrzehnten geändert, aber nicht unbedingt verbessert. Zu Beginn seines neuen Abenteuers werden die Ereignisse aus der Nr. 164 & 165 völlig ignoriert, Silberpfeil ist ohne weitere Erklärung wieder Häuptling. Mit einigen Nacktszenen wird versucht, so etwas wie Erotik einzubringen, was mißlingt. Kellermann zeichnet, wie Raimund Ringele singt. Dabei ist er keinesfalls untalentiert, schon zu Lehnings Zeiten waren einige seiner Titelbilder und Einzelpanels durchaus gelungen, besonders wenn es sich um Landschafts- oder Tiermotive handelte. Auch diverse von ihm gestaltete Buchcover sind richtig toll geworden. Das Medium Comic als Erzählform hat er aber nie so richtig verstanden. Bei den neuen Piccolos merkt er oft erst beim Lettern, dass zu wenig Platz in der Sprechblase für den Text ist, so lässt er einfach mehrfach unvollendete Halbsätze stehen, was einen verheerenden Gesamteindruck der Schlamperei hinterlässt (Abb. 5).
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| (Abb. 5) |
Kellermann starb 1988 und ließ die Silberpfeil-Saga mit seinem letzten Heft Nr. 184 unvollendet. Der niederländische Zeichner Han Maagdenberg schließt sie mit den Piccolos 185 und 186 ab. Irgendwie schafft er das scheinbar Unmögliche: die Qualität noch einmal kräftig zu senken. Silberpfeil wird im letzten Heft von einer ebenso wütenden wie barbusigen Frau erschossen und geht in die ewigen Comicgründe ein (Abb. 6). Winnetous Tod lässt viele Leser & Filmfreunde heute noch in Tränen ausbrechen, bei Silberpfeils Ableben kann man sich eines gewissen Gefühls der Erleichterung nicht erwehren, denn es macht eine neuerliche Fortsetzung unwahrscheinlich. |
| (Abb. 6) |
Seltsam? Aber so steht es geschrieben...
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