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Freitag, 29. August 2025

STORY: Wie ich Alice traf (Charlie Steel)


Wie ich Alice traf

von Charlie Steel

(Orig. „Flash of Light“, 2016; Übers.: Reinhard Windeler)


Charlie Steel (Jahrgang 1945) begann schon in jungen Jahren zu schreiben. Während zwei Theaterstücke zur Aufführung gelangten, erhielt er für seine Prosa-Geschichten, die er an Verlage schickte, reihenweise Absagen, sodass er schließlich nur noch sozusagen im Stillen für sich schrieb. Eine Menge insbesondere von Kurzgeschichten hatte sich angehäuft, als sich der kleine Verlag Condor Publishing aus Michigan im Jahre 2002 seiner Manuskripte annahm und begann, diese zu lektorieren und zu veröffentlichen.
Zu Deutschland hat der Autor eine besondere Beziehung, denn mehrere Jahre lang war er im Auftrag der amerikanischen Regierung – nach seinen eigenen Worten – „hinter dem Eisernen Vorhang“ tätig und berichtete von dort über russische Aktivitäten. Seit einiger Zeit lebt er in Colorado auf einer abgelegenen Ranch.
Die hier in deutscher Erstübersetzung präsentierte Kurzgeschichte erschien von Mai bis Juli 2016 gewissermaßen häppchenweise in drei Ausgaben des Monatsblättchens „The Lakeshore Guardian”. 2021 wurde sie zusammen mit einem Dutzend weiterer Short Stories in der Sammlung „Strong Women of the West” in Buchform veröffentlicht.

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Ich sah es einen Moment lang, ein kurzes Aufblitzen, und dann war es wieder weg. Es kam von einem Felskamm eine Viertelmeile entfernt. Ich verschwand sofort hinter einen Felsbrocken, der größer war als mein Buckskin-Pferd, und saß ab. Da war Schatten, und ich nahm mir die Zeit, meinen Sombrero abzusetzen. Mit dem Ärmel wischte ich mir den Schweiß von der Stirn, griff zu meiner Feldflasche und nahm einen Schluck lauwarmen Wassers. Ich blieb dort im Schatten des riesigen Felsens stehen und wartete.

Es gab eine Stelle mit trockenem Gras. Ich nahm die Gebissstange aus dem Maul meines Pferdes, bückte mich und klaubte ein paar langstielige Büschel zusammen. Bucky fraß gierig; seine Zähne machten laute Kaugeräusche in der stillen trockenen Luft. Ich nahm meinen Sombrero und die Feldflasche und goss ein wenig hinein. Mein vierbeiniger Gefährte saugte das Wasser auf und wieherte.

„Das war’s, Bucky. Wir bleiben hier und entspannen uns. Soll der Bursche dort drüben ruhig ein bisschen schwitzen.“

Schließlich wurde ich müde. Auch im Schatten war es ziemlich heiß. Es war mitten am Tag, die Sonne stand hoch, und ich konnte mir nur ausmalen, wie sich die Hitze auf dem Felskamm auswirkte. Ohne Kopfbedeckung konnte ich mich an die Kante des riesigen Felsens lehnen und den Felskamm beobachten. Ich sah wieder ein Aufblitzen, und damit wusste ich, dass der da oben immer noch in seinem Hinterhalt lag und wartete.


Gut, dachte ich. Soll er warten. Geschieht ihm recht, zu schwitzen und zu leiden. Was will er von mir? In Süd-Colorado kenne ich niemanden. Ich bin nur ein einsamer Reiter, der sich in der Gegend umsieht. Wer ist bloß dieser Kojote?

„Bucky“, flüsterte ich. „Wir bleiben den Nachmittag hier, und wenn der Hombre nicht verschwindet, dann hauen wir ab, wenn’s dunkel wird. Einverstanden?“

Bucky senkte seinen langen Hals nach unten, und seine kräftigen gelben Zähne umfassten sorgfältig einige Grashalme. Mit einem Ruck riss er die dünnen Stiele heraus und fing an, laut zu kauen.

„Bucky, mein treuer Kamerad, du machst dir keine Sorgen. Ein bisschen Schatten, ein bisschen Wasser und Gras, und schon hast du nichts dagegen, hier den ganzen Tag zu verbringen. Wenn der Bursche da oben mich abknallen würde, würdest du nicht einmal zucken, oder, Junge?“

Bucky senkte wieder seinen Kopf, fand weiteres Gras und hob ihn wieder, um weiterzukauen. Er war ein Pferd, für das die Welt keine Sorgen bereit hielt.

„Guter alter Bucky, du bist das beste Pferd, das ich jemals hatte“, flüsterte ich ihm zu.

Am späten Nachmittag wurde es mir zu blöd, und ich beschloss, auf Erkundung zu gehen. Das erste, was ich mir griff, war mein Fernglas aus einer meiner Satteltaschen, und dann meine Winchester aus dem Sattelschuh.

„Du bleibst hier, Bucky“, sagte ich.

Vorsichtshalber band ich seine Zügel um einen vorspringenden Felsen aus Granit. Dann bückte ich mich in der Deckung, die mir der große Felsen bot, und machte mich Richtung Süden auf, weg von dem Felskamm. Ich ließ mich in einen tiefen Graben gleiten, folgte dem Arroyo und blieb dicht am Boden. Es war ein Leichtes, ungesehen zu bleiben. Ich legte eine lange Strecke zurück, ehe ich die Richtung zum Felskamm einschlug.

Ich kam zu einer Erhebung und ließ mich auf alle Viere herunter. Ich legte mich hinter einen Felsbrocken und holte mein Fernrohr heraus. Es war ein altes Ding aus Messing, das ich seit dem Großen Konflikt besaß, und ich hatte es häufig gebraucht – sowohl um Wild zu jagen wie auch die zweibeinige Version. Ich schaute durch die Linse, stellte sie ein, und sah einen Mann, der hinter einem Haufen von Felsbrocken saß. Er hatte blondes Haar, ziemlich lockig, und in seinen Händen hielt er ein Gewehr. Die Gestalt war in Wildleder gekleidet, und wenn der Bursche den Kopf hob und ich etwas vom Gesicht sehen konnte, dann hatte ich den Eindruck, dass er gut aussah.

Was hatte so ein Mann mit mir im Sinn, fragte ich mich.

Nach weiteren fünfzehn Minuten kam ich an der Seite des Felskamms an und spannte den Hahn an meiner Winchester. Der Bursche hörte mich und drehte sich mit dem Gewehr in den Händen blitzartig um.

„Keine Bewegung, Mister!“ rief ich.

Der Blödmann hob sein Gewehr, und ich schoss. Die Kugel traf ihn oben in der Schulter, dort, wohin ich gezielt hatte. Er ließ sein Gewehr fallen und griff sich an die Wunde. Ich rannte hinauf, versetzte dem Gewehr einen Fußtritt und blieb dann stehen und hielt den Wildledermann in Schach.

„Also“, fragte ich, „weshalb lauern Sie hier auf einen Fremden?“

„Hab’ nicht auf Sie gelauert“, erwiderte eine weibliche Stimme. „Ich halte hier Wache für Opa Lee.“

„Sie sind eine Frau!“ stieß ich hervor.

„Yeah!“ erklärte das Mädchen mit zusammengebissenen Zähnen. „Und wenn?“

„Normalerweise schieße ich nicht auf Frauen oder Kinder. Jetzt halten Sie ’mal still, damit ich mir Ihre Schulter ansehen kann.“

„Erst schießen Sie auf mich, und jetzt wollen Sie mich verarzten?“

„Wenn Sie das Gewehr ’runtergenommen hätten, hätte ich nicht geschossen. Sie bluten. Lassen Sie mich Ihnen helfen.“

Das Mädchen gab seinen Widerstand auf. Ich nahm mein Messer und schnitt die Naht ihres ledernen Hemds auf. Zum Vorschein kam eine weiße Schulter mit weicher Haut und einem Einschussloch, das tief reichte. Die Kugel war oberhalb des linken Schlüsselbeins eingetreten, hatte den Knochen gestreift und sich einen Kanal durch den oberen Muskel gebahnt. Es war keine schlimme Verletzung, aber sie musste ziemlich starke Schmerzen verursachen.

Die junge Frau lehnte ihren Kopf gegen einen Felsen. Ich zog meine Weste aus, knüllte sie zusammen und machte daraus ein Kissen für sie. Ich stand auf und pfiff laut. Beim dritten Mal zog Bucky an den Zügeln, bis sie sich lösten, und kam hinter dem Felsen hervor. Ich pfiff nochmals, und er erkannte mich. Seine Antwort war ein schrilles Wiehern.

„Hierher, Junge!“ rief ich.

Mit baumelnden Zügeln kam die Kreatur angetrottet. Bucky bahnte sich seinen Weg um Felsbrocken und große Felsen herum, und nach ein paar Minuten kletterte er den Felskamm hoch und hielt bei meiner Hand an.

„Guter alter Gaul“, murmelte ich.

Zur Belohnung goss ich etwas Wasser in meinen Hut und ließ ihn daraus trinken. Dann beugte ich mich hinunter und gab dem Mädchen meine Feldflasche. Sie trank gierig. Aus meinen Satteltaschen holte ich eine Nadel und einen Faden. Ich hielt die Nadel unter ein angerissenes Streichholz, ließ sie abkühlen und fädelte den Faden ein.

„Das wird wehtun“, sagte ich. „Die Wunde ist sauber, aber die beiden Löcher muss ich zunähen.“

„Wenn Sie das machen“, sagte das Mädchen, „dann sagen Sie mir wenigstens Ihren Namen.“

„Meine Freunde nennen mich Jake. Ich hoffe, Sie tun das auch.“

„Eher unwahrscheinlich“, erwiderte das Mädchen.

„Sagen Sie mir, wie Sie heißen?“

„Mein Opa nennt mich Curly.“

„Tja, Curly, freut mich, Sie kennenzulernen.“

Ich holte ein Hemd aus meinen Satteltaschen, das ich zum Verbinden benutzen wollte. Mit meinem Messer zerschnitt ich es in Streifen. Aus den Wunden trat Blut aus. Ich wischte es weg, so gut ich konnte.

„Hier, halten Sie das ’mal“, sagte ich.

„Sie müssen mich nicht schonen“, sagte das Mädchen und verzog das Gesicht. „Behandeln Sie mich, als wäre ich irgendein Kerl.“

„Das kann ich nicht, auf keinen Fall. Sie sind ein wirklich hübsches Mädchen, und Sie müssen da jetzt durch. Während ich hier beschäftigt bin, könnten Sie mir erklären, auf wen Sie hier gelauert haben.“

„Opa Lee…“, keuchte das Mädchen beim ersten Einstich der Nadel.

„Weiter“, sagte ich, während ich kräftig zudrückte und am Faden zog. „Reden Sie weiter.“

„Opa Lee, er ist krank. Er hat mich hier rauf geschickt, um den Weg zu beobachten. Meinem Opa gehört das Land hier. Viehdiebe haben unsere Rinder gestohlen. Es ist ein Mann namens Caldweller. Wir nehmen an, er und seine Leute versuchen, uns das Land wegzunehmen.“

„Verstehe“, sagte ich, während ich mich beeilte, das Einschussloch zuzunähen.

Meine Finger waren blutverschmiert. Als ich fertig war, verknotete ich den Faden und wischte mir die Hände an meinem Halstuch ab. Der Faden reichte nicht. Daher ging ich und holte mehr. Dann fing ich an, an der Rückseite der Schulter zu arbeiten. Ich hätte beide Wunden mit einem heißen Messer ausbrennen sollen, aber ich wollte nicht, dass das Mädchen Brandmarken zurück behielt. Ich nähte die Wunden so gut zu, wie ich konnte, aber aus der Austrittswunde kam immer noch Blut.

„Nicht bewegen“, sagte ich. „Legen Sie sich hin und bleiben Sie ruhig liegen. Wenn das Bluten nicht aufhört, muss ich die Wunde ausbrennen.“

„Tun Sie, was Sie tun müssen“, sagte das Mädchen. Sie presste ihre Zähne zusammen.

Ich betrachtete sie. Ihr Gesicht war gerötet. Schweißperlen standen ihr auf der hübschen Stirn. Sie war wirklich tapfer. Das getroffene Schlüsselbein und der durchbohrte Schultermuskel mussten schrecklich wehtun. Das Mädchen lehnte sich zurück, aber entspannt war sie bei Weitem nicht. Ich starrte sie an. Sie hatte ihre Augen geschlossen und sah nicht, dass ich es tat. Sie füllte das Wildlederdress in einer Weise aus, wie es kein Mann tun konnte. Dass ihr lockiges Haar um ihren lieblichen Kopf kurzgeschnitten war, war neu für mich. Aber es stand ihr gut. Plötzlich öffnete sie ihre blauen Augen, und sie hatte mich erwischt.

„Wo gucken Sie hin, Mister?“ rief sie wütend.

„Auf Sie!“ sagte ich. „Sie sind das Hübscheste, was ich seit ewigen Zeiten in Wildleder gesehen habe.“

„Ach was!“ sagte sie gedehnt. „Kommen Sie bloß nicht auf dumme Gedanken!“

„Beruhigen Sie sich“, sagte ich. „Ich tue Ihnen nichts.“

„Klar! Sie haben mich ja schon angeschossen!“

Sie verletzte meine Gefühle, aber das ignorierte ich, als ich mich bückte und nach ihren Wunden sah. Ihr Wildlederhemd war blutgetränkt, aber die Blutung hatte aufgehört.

„Sie haben Glück gehabt“, sagte ich. „Bleiben Sie einfach da liegen und tun Sie nichts. Es wäre nicht gut, wenn die Schulter wieder anfängt zu bluten.“

„Ich kann nicht hierbleiben“, flüsterte das Mädchen. „Ich muss mich um Opa Lee kümmern. Und ich muss den Pass hier beobachten.“

Das Mädchen versuchte sich aufzusetzen, und wurde ohnmächtig. Ich ließ sie ihre Augen zumachen und schlafen.

„Ist das Beste für sie“, murmelte ich.

Ich nahm mein Halstuch, goss Wasser darüber und legte es ihr auf die Stirn. Ich saß da und starrte sie an. Ich fragte mich, weshalb sie und ihr Großvater hier draußen lebten.

Bucky kam zu mir und stieß mich mit seinem Kopf an. Ich stand auf und streichelte den vernachlässigten Gefährten zwischen seinen Ohren.

„Sie ist schon eine Wucht“, flüsterte ich, „oder nicht? Wie alt sie wohl ist? Wenn sie erstmal darüber hinweg kommt, dass ich auf sie geschossen habe, meinst du, sie könnte mich mögen?“

Bucky schnaubte und schüttelte dann den Kopf.

„Na, Freundchen“, sagte ich. „Vielen Dank auch.“
 
***

In der Nacht bekam das Mädchen starkes Fieber, das auch die nächsten zwei Tage anhielt. Ich tat alles, was ich konnte, um es zu senken. In einem ihrer lichten Momente fragte ich sie, wo Wasser war, und sie zeigte mir die Richtung. Ich ging den Graben hinab, um einen Hügel herum und fand ihr Pferd neben einer Quelle und einem Teich. Ich ging zurück und trug das Mädchen hinunter. Ohne ihre Wunde zu öffnen, legte ich sie vorsichtig in das kalte Wasser, bis das Fieber nachließ. Mir fiel ein, dass sie ihren kranken Großvater erwähnt hatte, aber in der Hinsicht konnte ich nichts unternehmen.

***

In dieser Nacht lag Curly auf ihrer Bettrolle. Ihre Schulter tat ihr weh, und jedes Mal, wenn sie eine falsche Bewegung machte, wachte sie auf.

Ich sollte ihn hassen, dachte das Mädchen. Aber er macht schon was her. Und er hat mich gut verarztet. Vielleicht hätte ich mein Gewehr nicht auf ihn richten sollen. Nicht das erste Mal, dass ich etwas Saublödes gemacht habe. Wie lang ist es her, seit ich einem anständigen Mann begegnet bin? Ich wette, Jake ist die Kurzform von Jacob.

***



Am Morgen des dritten Tages hatte Curly gerade eine Dose Bohnen aufgegessen, als ich Pferde hörte, die näherkamen. Ich versteckte mich mit meiner Winchester in der Hand hinter ein paar Felsen. Fünf Reiter kamen zu der Quelle, als ob sie ihnen gehörte.

„Na“, sagte ein dickbäuchiger Reiter. „Sieht aus, als hätte es Ärger gegeben, kleine Lady.“

„Ich bin keine Lady, Caldweller!“ antwortete das Mädchen.

„Sieht aus, als wären Sie angeschossen worden!“ sagte der Störenfried.

Yeah!“ sagte das Mädchen. „Und wenn?“

„Was ist passiert?“

„Geht Sie nichts an!“ antwortete sie. „Aber wenn Sie’s unbedingt wissen wollen, ich hab’ den Hombre umgelegt.“

„Wirklich?“ erwiderte Caldweller.

„Yeah“, sagte Curly, und dann brachte sie irgendwoher aus ihrer Kleidung eine kleine Pistole zum Vorschein. Sie richtete sie auf den Rancher und spannte sie.

„Nun ’mal sachte, Alice“, sagte Caldweller. „Gibt keinen Grund, so gereizt zu sein!“

„Ich habe Ihnen gesagt, dass Sie mich nicht so nennen sollen! Nie! Ich heiße Curly, das ist mein Name. Benutzen Sie ihn!“

„Schon gut, Curly. Wie Sie wollen. Sie können sich denken, dass wir gekommen sind, um Lee ein neues Angebot zu machen.“

„Er verkauft nicht, und ich auch nicht! Das wissen Sie doch. Und jetzt verschwinden Sie von unserer Ranch!“

Ich sah, dass die anderen Reiter ihre Hände auf die Kolben ihrer Revolver legten. Einer zog seine Waffe. Ich schoss ihm die Pistole aus der Hand. Ich hielt mich weiter hinter dem Felsen versteckt und ließ sie rätseln, woher der Schuss gekommen war.

„Wer war das?“ fragte Caldweller. „Sind Sie das, Lee?“

„Nee!“ rief ich. „Ich bin einer von denen, die für Lee arbeiten. Jetzt wenden Sie Ihre Pferde und verschwinden Sie!“

„Hat Ihr Opa tatsächlich Leute eingestellt?“ knurrte Caldweller das Mädchen an.

„Allerdings“, sagte das Mädchen. „Jetzt verschwinden Sie von unserem Land. Und wenn Sie wissen, was gut für Sie ist, dann kommen Sie nie wieder her.“

Caldweller zögerte. Ich zielte und schoss dem Rancher den Hut vom Kopf. Ihre Pferde scheuten, und zwei fingen an zu bocken. Die fünf Reiter hatten alle Mühe, in den Sätteln zu bleiben. Ein Reiter stürzte schwer zu Boden.

„So“, rief ich aus meiner Deckung, „der Spaß ist jetzt vorbei. Setzen Sie den Mann auf sein Pferd und reiten Sie weg! Sofort!“

Die Pferde beruhigten sich. Der abgeworfene Mann ergriff die Zügel und saß auf. Alle fünf wendeten und machten sich auf den Rückweg.

„Den Nächsten, der hierher kommt, knalle ich ab!“ rief das Mädchen.

Als die Reiter verschwunden waren, kam ich aus meiner Deckung. Das Gesicht des Mädchens war weiß wie Schnee. Die Auseinandersetzung hatte alle ihre gerade wiedergewonnenen Kräfte aufgezehrt.

„Sie sind schon eine Marke, Alice“, sagte ich.

Große blaue Augen blitzten auf.

„Sie jetzt auch noch!“

Wütend schnappte sie sich mit ihrer rechten Hand einen kleinen Stein und warf ihn mit aller Kraft. Er traf mich mitten auf der Brust, und es tat weh. Als ich hörte, wie sie vor Schmerzen aufstöhnte, ging ich zu ihr und kniete mich hin.

„Geschieht Ihnen recht, Alice“, sagte ich sanft.

Ohne nachzudenken kam ich ihr ganz nahe, legte eine Hand auf ihre Stirn und fühlte ihre Temperatur. Sie war kühl.

„Sie sind nicht mehr heiß“, sagte ich.

„Vielleicht doch, Jake“, flüsterte sie.

Das Mädchen schaute zu mir hoch und lächelte. „Alice dürfen Sie nur in Momenten wie diesem zu mir sagen.“

Ich setzte mich neben sie. Alice hob ihren Kopf, der Schmerz ließ sie zusammenzucken, und dann küsste sie mich voll auf den Mund. Sie überraschte mich. Ihre Lippen waren so weich wie Buckys Maul.

„Ich wünschte, Alice“, sagte ich mit einem Seitenblick auf meine Winchester, „ich hätte Sie schon viel früher getroffen!“


** reprinted with permission from Charlie Steel and Condor Publishing, Inc. **

© für die deutsche Übersetzung: Reinhard Windeler, 2025

Wir danken dem Autor sowie Gail Heath von Condor Publishing für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung dieser Übersetzung.

Der Link zur Homepage des Autors: https://charliesteel.net/